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Durch und durch korrupt

Die Untersuchungen der Anwälte von Debevoise & Plimpton haben ergeben, dass bei Siemens das Schmieren offenbar zum Tagesgeschäft gehörte. Noch halten sie ihre Erkenntnisse zurück, doch man muss Schlimmstes befürchten.

Von Jan Boris Winzburg

Nun ist es raus: Siemens, der Inbegriff deutscher Ingenieurkunst, war jahre-, wenn nicht jahrzehntelang auch ein Hort von Korruption, Bestechung und illegaler Vorteilsnahme. Nachdem am Dienstag die US-Anwälte der Kanzlei Debevoise & Plimpton dem Aufsichtsrat einen Zwischenbericht über den Stand ihrer Ermittlungen gegeben haben, gesteht der Konzern sogar selber ein, dass Schmiergeldzahlungen bei der Gewinnung von Aufträgen offenbar in vielen Konzernbereichen an der Tagesordnung waren. Man habe "in nahezu allen untersuchten Geschäftsbereichen und in zahlreichen Ländern Belege für Fehlverhalten im Hinblick auf in- und ausländische Anti-Korruptionsvorschriften gefunden."

Die Namen von Ländern wie Nigeria, Russland, Malaysia, Italien, der Korruption generell nicht unverdächtig, stehen neben Norwegen, Österreich und den USA. Überall dort laufen Prozesse oder Ermittlungen gegen Siemens. Die logische Schlussfolgerung daraus muss sein: Bei Siemens war das Schmieren offenbar ein so alltägliches Geschäft, wie die Produktion von Röntgengeräten, Waschmaschinen oder Telefonanlagen.

Das System Siemens

In gut drei Monaten meldeten sich alleine 123 Siemensianer bei den US-Anwälten, die in das so genannte "Amnestie-Programm" des Konzerns aufgenommen werden wollten. Das sind 123 Siemens-Führungskräfte, die aus eigener Einschätzung so viel Dreck am Stecken haben, dass sie sich durch vollständige Kooperation und Aussage Straffreiheit erkaufen wollen. Ein beispielloser Vorgang. Ein Beleg für ein regelrechtes "System Siemens".

Die US-Ermittler, deren Arbeit alleine in den vergangenen sechs Monaten Kosten von 302 Millionen Euro verursachte, geben außerdem zu Protokoll, dass der Prüfungsausschuss des Aufsichtsrates "teilweise irreführend und unvollständig" informiert wurde. Im Klartext: Die wichtigsten Kontrolleure wurden von Siemens-Mitarbeitern systematisch belogen. Das sagt viel über die bisher geltende Siemens-Kultur, auf die man einst so stolz war. Lug und Betrug auf höchster Ebene.

Und das wiederum lässt die Beteuerungen von ehemaligen Siemens-Top-Managern wie Heinrich von Pierer oder Klaus Kleinfeld, sie hätten von alledem nichts gewusst und es auch nicht genehmigt, ziemlich schal erscheinen: Wie können Mitarbeiter in einer solchen Kultur Karriere machen und von dem Massenphänomen Korruption, auf allen Ebenen angewendet, geduldet, eventuell sogar gefördert, nichts mitbekommen. Debevoise & Plimpton halten ihre Erkenntnisse zu den ehemals Verantwortlichen noch zurück, doch man muss Schlimmstes befürchten. Die Ermittlungen werden weiter gehen, der Skandal wird sich ausweiten – und für Siemens wird die Affäre sehr teuer: In Euro gerechnet sowieso, mehr aber noch im Ansehen.

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