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Die Geschichte der Fromms

Als erster Berliner fuhr Julius Fromm, Fabrikant der gleichnamigen Kondome, einen Cadillac. Er war ein reicher Mann - bis die Nazis kamen. Ein neues Buch zeichnet die Ausplünderung der jüdischen Familie durch ganz normale Deutsche nach .

Von Beate Flemming

Sie mögen München, kennen Hamburg, und Anfang März kommen sie mal wieder nach Berlin, diesmal wollen sie in Mitte Quartier beziehen. Raymond und Anita Fromm, beide 59, haben Auschwitz besucht. Und Dachau. Sie haben "Schindlers Liste" gesehen. Und Polanskis "Der Pianist". In der Küche ihres Hauses in London brennt an diesem Februarmittag ein Teelicht neben dem Foto von Anita Fromms Großmutter - es ist der 63. Jahrestag ihrer Ermordung in der Gaskammer.

"Welcome", sagen die Fromms und heben dem Besuch aus Deutschland ihre Sherrygläser entgegen. Wir sitzen in ihrem kuscheligen englischen Wohnzimmer: Porzellanfigürchen, Gaskamin mit künstlichen Holzscheiten. Raymond, "klein, wie alle Fromms", spricht nicht nur perfekt Englisch und Französisch, sondern mit viel Spaß auch Hessisch, Bayerisch und Berliner Schnauze. Er könnte ein deutscher Traditionsunternehmer sein, wahrscheinlich Multimillionär, wären nicht die Nazis an die Macht gekommen und hätten seinen Großvater enteignet und vertrieben: Julius Fromm, den Erfinder des gleichnamigen Kondoms, einen genialen Unternehmer. Rund 25 Millionen "Fromms" verlassen heute in Zeven bei Bremen jährlich das Band, der Fromm-Enkel hat nichts mit ihnen zu tun - "außer dass sie meinen Namen tragen - und ich bekomme keinen Cent dafür".

Könnte, wäre, hätte: Diese Vokabeln haben nie an ihm genagt. Da sei keine Bitterkeit, sagt Raymond Fromm. Neben den vielen Farbfotos seiner Söhne Daniel, 30, und Patrick, 27, steht auch ein blasses schwarz-weißes seines Großvaters Julius im Wandregal. Die einzige persönliche Erinnerung an den Großvater, der zwei Jahre vor der Geburt von Raymond Fromm gestorben war. Jahrelang suchte der später nach den Möbeln, dem Schmuck, dem Geschirr seiner Großeltern: vergebens. Anfang März wird Raymond Fromm in Berlin ein gut 200 Seiten starkes Buch in den Händen halten. Sein Titel: "Fromms". Eine starke Wirtschaftsgeschichte. Das Porträt eines Mannes, der sich mit Mut und Fleiß aus ärmlichsten Verhältnissen zum erfolgreichen Unternehmer hochgearbeitet hat, der erste Berliner, der einen Cadillac besaß. Aber das Buch ist noch viel mehr. Vor allem der Untertitel ist Programm: "Wie der jüdische Kondomfabrikant Julius F. unter die deutschen Räuber fiel". Die Räuber, das waren durchaus nicht nur "die Nazis", sondern auch die ganz gewöhnlichen Deutschen.

Kein Einzelschicksal, und es gibt noch deutlich schlimmere, immerhin hat Fromm den Holocaust überlebt. Aber genau die Tatsache, dass Fromm einer von Unzähligen war, spornte die Autoren Michael Sontheimer, "Spiegel"-Redakteur, und Götz Aly, Historiker und Journalist, zu ihren Recherchen an. Zwei Testamente und ein paar amtliche Schreiben schienen alles zu sein, was von Fromm übrig geblieben war, als sie sich an die Arbeit machten. Viel zu wenig für einen Unternehmer, dessen Name so eins wurde mit seinem Produkt wie die Tempos mit Papiertaschentüchern. Am Ende ihrer Recherchen hatten die Autoren vier dicke Leitzordner an Fromm-Akten ausgegraben. Aus den im Buch zitierten vergilbten Papieren steigt das Grauen der deutschen Gründlichkeit genauso wie die ergreifende und bewundernswerte Persönlichkeit des Mannes, den diese Gründlichkeit aus Deutschland mit kaltem Hass wegfegte.

"Leiste Garantie - Umtausch jederzeit gestattet"

Er war korrekt. Diszipliniert. Fleißig. Er war stolz darauf, ein Deutscher zu sein. Außerdem war Julius Fromm ein genialer Unternehmer. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort mit dem richtigen Produkt: 1914, Berlin, Kondome. Und die waren ungewohnt nahtlos, zart, zuverlässig. Das Beeindruckendste an Julius Fromm aber war sein Mut. Er gab den damals Unaussprechlichen seinen Namen: "Fromms". Dazu der Slogan: "Leiste Garantie - Umtausch jederzeit gestattet."

Julius Fromm war ein Mann mit Migrationshintergrund. Gekommen aus dem damals russischen Konin als Kind mit nichts als Optimismus, fünf Geschwistern und halbgarer Schulbildung. Die Fromms wohnten zu acht in einer Einzimmerwohnung im Berliner Scheunenviertel, drehten Zigaretten. Die verkaufte der Vater abends in den Kneipen. Als Julius 15 war, starb sein Vater, ließ sieben Kinder zurück und die Witwe hochschwanger.

Ein paar Abendkurse in Chemie, speziell in Gummichemie, und viel Arbeit brachten die Wende. 1914 gründete Julius Fromm seine Einmannfirma. Sein Produkt fand bald reißenden Absatz - trotz Werbeverbots. Am Ende des Ersten Weltkriegs übten sich die verarmten Kriegsheimkehrer in Zurückhaltung, nicht unbedingt was die Lustausübung betraf - sondern ihre Folgen, Kinder und Geschlechtskrankheiten.

Rund 500 Arbeiter beschäftigte Julius Fromm in seinen lichtdurchfluteten Fabriken, mit Rubinen und Diamanten behängte er seine Frau, in seiner Villa in Berlin-Schlachtensee stand ein Bechstein-Flügel, als die Falschen an die Macht kamen: Israel Fromm nannten sie ihn. Sie zwangen ihn, sein Lebenswerk zu verkaufen, an die Patentante von Hermann Göring, dem zweiten Mann im NS-Staat. Der Preis war ein Witz. Göring bekam im Gegenzug von der Patin zwei Burgen vermacht. Die Nachfrage nach den Gummis stieg. Zwar freute sich das Regime über jeden neugeborenen Adolf als Kanonenfutter, andererseits wurden die Kondome als unverzichtbares Kriegsprodukt für die Soldatenbordelle an der Front angesehen - sie verhinderten Geschlechtskrankheiten.

"Mein Grossvater wollte wieder nach Deutschland"

Julius Fromm wurde nach dem "Verkauf" hart besteuert, zu Sonderabgaben, Gebühren, Spenden verpflichtet. Sie brachen sein Bankfach auf, sie beschlagnahmten seine Villa, ließen sie nach den Wünschen des neuen Bewohners renovieren und stellten Fromm die Kosten dafür in Rechnung. Sie: die Nazis, die Deutschen, Fromms Mitbürger. Alles korrekt, amtlich, gestempelt, nach den Regeln des Unrechtsstaates - und zugunsten dieses Staates: Rund 30 Millionen Euro betrug, auf heute hochgerechnet, das Vermögen von Julius Fromm. Der Großteil davon floss in Hitlers Kriegskasse. Fromm musste tatenlos von England aus zuschauen - dorthin war er 1938 geflüchtet. Fromm starb vier Tage nach Kriegsende, als er in seinem Exil aufstand, um die Gardinen zurückzuziehen. "Ein Herzinfarkt. Wahrscheinlich wegen der Aufregung. Mein Großvater hatte vor, nach Deutschland zurückzukehren und sein Imperium wieder aufzubauen", sagt Raymond Fromm.

So viel zu Fromm. Und jetzt zu der Geschichte der Niedertracht der ganz gewöhnlichen Deutschen, die dieses Buch auch erzählt. Am 17. Mai 1943 fand in Berlin-Kreuzberg die Versteigerung von Fromms Hausrat statt. Sie brachte 2255 Reichsmark in die Staatskasse. Allerdings waren die wertvollen Stücke, darunter der Flügel, das silberne Tafelgeschirr und die Bibliothek, vorab "weggegangen". Die Bieter der Auktion waren Antiquitätenhändler und ganz gewöhnliche "Volksgenossen" - und die Autoren listen namentlich auf, wer, vom Fahrstuhlführer bis zum Kunstmaler, an diesem Vormittag etwas kaufte: von Likörgläsern bis zu den Frommschen Familienfotos in Silberrahmen.

Die Auktion des Fromm-Hausrats war eine von 17 an diesem Vormittag, und bei jeder handelte es sich um Raubgut aus jüdischen Familien. Rund 500 solcher Versteigerungstermine gab es während der Kriegsjahre in Berlin, dazu trafen beispielsweise noch 1300 Güterwaggons mit dem Eigentum geplünderter Juden aus den eroberten Westgebieten in Berlin ein - plus die Kleidungsstücke der Deportierten aus den Konzentrations- beziehungsweise Vernichtungslagern.

Die Zahl der Berliner, die von dem Massenraub an den Juden profitierten, schätzen die Autoren auf 200.000, mit ihren Familienmitgliedern auf eine Million. Das ist mehr als eine Antwort auf die Behauptung "Wir haben nichts gewusst". Allein die Hausratsversteigerungen in Berlin brachten, auf heute übertragen, 130 Millionen Euro an Staatseinnahmen. Mit Zahlen wie diesen belegt der Historiker Aly ("Hitlers Volksstaat") ein weiteres Mal seine These von der "Gefälligkeitsdiktatur" Hitlers und ihren Millionen Profiteuren.

Auf der Homepage der Mapa GmbH in Zeven, zwischen Hamburg und Bremen gelegen, die neben Billy Boy, Blausiegel, NUK-Saugern und Spontex-Putzartikeln die Fromms-Kondome herstellt, hat man dieses Kapitel jedenfalls weggebeamt. Obwohl es eigentlich nichts zu vertuschen gibt. 1949 fragten die Inhaber der frisch gegründeten "Hanseatischen Gummiwarenfabrik", des Vorläufers der Mapa, bei den Fromm-Söhnen an. Sie wollten Präservative herstellen und diese unter dem berühmten Namen Fromms verkaufen.

174.000 Mark - für Görings Erben

Die Söhne von Julius Fromm hatten nichts dagegen, stellten aber daraufhin fest, dass die Markenrechte an ihrem Namen bei dem Geliebten und Erben der Göring-Patentante lagen. Der ließ seine Anwälte aufmarschieren. Schließlich mussten die Fromm-Brüder ihm 174.000 Mark für ihren Markennamen zahlen. Erst dann konnten sie einen Lizenzvertrag mit den Hanseaten schließen - Markenname gegen monatliche Apanage für 25 Jahre.

Die Fabriken waren sowieso verloren. Sie lagen in der Sowjetischen Besatzungszone, waren zerstört oder von den Russen beschlagnahmt. Fromm, der seine Arbeiter zwar streng, aber stets fair und pfleglich behandelt hatte, wurde im Nachhinein von den Kommunisten zum "kapitalistischen Ausbeuter" erklärt: Wiedergutmachungsansprüche abgelehnt. Der Lizenzvertrag ernährte die drei Söhne von Julius Fromm leidlich, längst ist er ausgelaufen. Die Hanseatische Gummiwarenfabrik wurde von der Mapa geschluckt, und die Mapa von Hutchinson, die zu Total, dem viertgrößten Mineralölkonzern der Welt, gehört. Nach dem Mauerfall wurden die Fromm-Söhne beziehungsweise ihre Witwen für die Grundstücke in der ehemaligen DDR entschädigt. Raymond Fromms Vater war 76, als er seinen Anteil erhielt, rund zwei Prozent des ursprünglichen Vermögens. Ihr Häuschen in London haben sich die Fromms selbst verdient. Raymond handelt mit Sportbekleidung, seine Frau Anita ist Dozentin für Englisch. Ihre Söhne wurden auf dem Schulhof mit demselben Witz gehänselt, den schon ihr Vater sich anhören musste: "Deinem Vater ist wohl das Kondom geplatzt."

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