Die Geschichte der Fromms

4. März 2007, 12:25 Uhr

Als erster Berliner fuhr Julius Fromm, Fabrikant der gleichnamigen Kondome, einen Cadillac. Er war ein reicher Mann - bis die Nazis kamen. Ein neues Buch zeichnet die Ausplünderung der jüdischen Familie durch ganz normale Deutsche nach . Von Beate Flemming

Julius Fromm mit seiner Frau Selma und den Kindern Max (l.) und Herbert im Jahr 1916. Kurz zuvor hatte der Aufstieg des Unternehmers begonnen©

Sie mögen München, kennen Hamburg, und Anfang März kommen sie mal wieder nach Berlin, diesmal wollen sie in Mitte Quartier beziehen. Raymond und Anita Fromm, beide 59, haben Auschwitz besucht. Und Dachau. Sie haben "Schindlers Liste" gesehen. Und Polanskis "Der Pianist". In der Küche ihres Hauses in London brennt an diesem Februarmittag ein Teelicht neben dem Foto von Anita Fromms Großmutter - es ist der 63. Jahrestag ihrer Ermordung in der Gaskammer.

"Welcome", sagen die Fromms und heben dem Besuch aus Deutschland ihre Sherrygläser entgegen. Wir sitzen in ihrem kuscheligen englischen Wohnzimmer: Porzellanfigürchen, Gaskamin mit künstlichen Holzscheiten. Raymond, "klein, wie alle Fromms", spricht nicht nur perfekt Englisch und Französisch, sondern mit viel Spaß auch Hessisch, Bayerisch und Berliner Schnauze. Er könnte ein deutscher Traditionsunternehmer sein, wahrscheinlich Multimillionär, wären nicht die Nazis an die Macht gekommen und hätten seinen Großvater enteignet und vertrieben: Julius Fromm, den Erfinder des gleichnamigen Kondoms, einen genialen Unternehmer. Rund 25 Millionen "Fromms" verlassen heute in Zeven bei Bremen jährlich das Band, der Fromm-Enkel hat nichts mit ihnen zu tun - "außer dass sie meinen Namen tragen - und ich bekomme keinen Cent dafür".

Könnte, wäre, hätte: Diese Vokabeln haben nie an ihm genagt. Da sei keine Bitterkeit, sagt Raymond Fromm. Neben den vielen Farbfotos seiner Söhne Daniel, 30, und Patrick, 27, steht auch ein blasses schwarz-weißes seines Großvaters Julius im Wandregal. Die einzige persönliche Erinnerung an den Großvater, der zwei Jahre vor der Geburt von Raymond Fromm gestorben war. Jahrelang suchte der später nach den Möbeln, dem Schmuck, dem Geschirr seiner Großeltern: vergebens. Anfang März wird Raymond Fromm in Berlin ein gut 200 Seiten starkes Buch in den Händen halten. Sein Titel: "Fromms". Eine starke Wirtschaftsgeschichte. Das Porträt eines Mannes, der sich mit Mut und Fleiß aus ärmlichsten Verhältnissen zum erfolgreichen Unternehmer hochgearbeitet hat, der erste Berliner, der einen Cadillac besaß. Aber das Buch ist noch viel mehr. Vor allem der Untertitel ist Programm: "Wie der jüdische Kondomfabrikant Julius F. unter die deutschen Räuber fiel". Die Räuber, das waren durchaus nicht nur "die Nazis", sondern auch die ganz gewöhnlichen Deutschen.

Ab 1931 wurde in dieser Fabrik produziert.©

Kein Einzelschicksal, und es gibt noch deutlich schlimmere, immerhin hat Fromm den Holocaust überlebt. Aber genau die Tatsache, dass Fromm einer von Unzähligen war, spornte die Autoren Michael Sontheimer, "Spiegel"-Redakteur, und Götz Aly, Historiker und Journalist, zu ihren Recherchen an. Zwei Testamente und ein paar amtliche Schreiben schienen alles zu sein, was von Fromm übrig geblieben war, als sie sich an die Arbeit machten. Viel zu wenig für einen Unternehmer, dessen Name so eins wurde mit seinem Produkt wie die Tempos mit Papiertaschentüchern. Am Ende ihrer Recherchen hatten die Autoren vier dicke Leitzordner an Fromm-Akten ausgegraben. Aus den im Buch zitierten vergilbten Papieren steigt das Grauen der deutschen Gründlichkeit genauso wie die ergreifende und bewundernswerte Persönlichkeit des Mannes, den diese Gründlichkeit aus Deutschland mit kaltem Hass wegfegte.

"Leiste Garantie - Umtausch jederzeit gestattet"

Er war korrekt. Diszipliniert. Fleißig. Er war stolz darauf, ein Deutscher zu sein. Außerdem war Julius Fromm ein genialer Unternehmer. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort mit dem richtigen Produkt: 1914, Berlin, Kondome. Und die waren ungewohnt nahtlos, zart, zuverlässig. Das Beeindruckendste an Julius Fromm aber war sein Mut. Er gab den damals Unaussprechlichen seinen Namen: "Fromms". Dazu der Slogan: "Leiste Garantie - Umtausch jederzeit gestattet."

Julius Fromm war ein Mann mit Migrationshintergrund. Gekommen aus dem damals russischen Konin als Kind mit nichts als Optimismus, fünf Geschwistern und halbgarer Schulbildung. Die Fromms wohnten zu acht in einer Einzimmerwohnung im Berliner Scheunenviertel, drehten Zigaretten. Die verkaufte der Vater abends in den Kneipen. Als Julius 15 war, starb sein Vater, ließ sieben Kinder zurück und die Witwe hochschwanger.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 09/2007

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