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Brückentage am Arbeitsmarkt

Das Horrorszenario bleibt aus: Fünf Millionen Arbeitslose zum Jahresende hatten Ökonomen befürchtet, es werden wohl nicht Mal vier Millionen. Die Reform der Kurzarbeit und flexiblere Arbeitszeitmodelle verhindern das Schlimmste.

Von Matthias Lambrecht

Seit 35 Jahren ist Hilmar Pawel bei MAN . Doch so ein Desaster wie in der ersten Jahreshälfte hat der Betriebsratschef des Werks Salzgitter noch nie erlebt: Um 60 Prozent sind die Lkw-Aufträge eingebrochen, Tausende Mitarbeiter hat MAN in Kurzarbeit geschickt - in Salzgitter sogar sämtliche 2600 Beschäftigten. "Jeder zweite Arbeitstag fällt aus", sagt Pawel. "In einigen Bereichen ruht die Produktion wochenweise ganz."

Und doch hat bislang nicht einer von Pawels Kollegen aus der Stammbelegschaft seinen Job verloren. Zwar mussten rund 200 Zeitarbeiter gehen, zwei Dutzend befristete Arbeitsverträge liefen aus. Echte Entlassungen hat es bislang aber keine einzige gegeben. Und Pawel ist zuversichtlich, dass das auch so bleibt - trotz der schwersten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg. "Ich mache mir keine Sorgen, dass dem Unternehmen die Luft ausgeht", sagt der Betriebsrat.

Bislang galt auf Deutschlands Arbeitsmarkt eine eherne Regel: Wenn eine neue Krise kommt, wird alles noch schlimmer als im vorhergegangenen Abschwung. Doch diesmal ist es anders; der unheilvolle Trend scheint gebrochen. Fünf Millionen Arbeitslose zum Jahresende 2009 befürchteten Ökonomen noch zu Anfang der Krise; nun werden es hoffentlich nicht einmal vier Millionen. "Es deutet sich an, dass sich die dramatischen Szenarien nicht einstellen werden", sagt Michael Hüther, Chefvolkswirt des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW).

Ob bei Dax -Konzernen, im Mittelstand oder bei ganz kleinen Betrieben - überall sind Unternehmenslenker diesmal fest entschlossen, so viele Jobs wie möglich zu erhalten. Und die Flexibilisierung der Arbeitsmärkte hilft ihnen dabei. Ein Mix aus Kurzarbeit, dem Entgegenkommen der Arbeiter und Angestellten in den krisengeschüttelten Betrieben sowie der in den Chefetagen gewachsenen Erkenntnis, dass gut eingearbeitete Fachkräfte immer schwerer zu bekommen sind - all das sorgt dafür, dass der GAU am Arbeitsmarkt ungeachtet der schweren Krise bisher ausbleibt.

Im August lag die Zahl der Arbeitslosen bei 3,47 Millionen. Der Anstieg um rund 9000 Jobsuchende ist niedriger als von vielen Experten erwartet. Und so rechnet die Bundesagentur für Arbeit inzwischen nicht mehr damit, dass die Vier-Millionen-Schwelle dieses Jahr überschritten wird.

Die Arbeitsmarktreformen und -umbauten der vergangenen Jahre zahlen sich in dieser Rezession aus. "Wir stecken nicht in einer strukturellen Krise", sagt Chefökonom Hüther: "Die Hausaufgaben sind bereits vor dem Einbruch der Konjunktur gemacht worden. Das ist ein Glück."

Unternehmen reagieren flexibler auf Schwankungen

Selbst die Maschinen- und Anlagebauer oder die Zulieferer, die wegen ihre hohen Exportquote besonders unter der weltweiten Rezession leiden, halten sich mit Entlassungen zurück. "Natürlich bauen die Unternehmen Personal ab - aber längst nicht in dem Umfang, der bei einem Produktionsrückgang um 30 Prozent zu erwarten gewesen wäre", sagt Hubertus Engemann, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Südwestmetall. "Etwa die Hälfte der in den zwei Boomjahren bis 2008 aufgebauten 250.000 Arbeitsplätze in der deutschen Metall- und Elektroindustrie sind noch da."

Rund 70 Prozent der Unternehmen hat die Krise inzwischen erfasst, zeigt eine Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) unter 8000 Firmen. Doch ganze elf Prozent der Betriebe haben in der ersten Jahreshälfte Mitarbeiter entlassen oder planen für die kommenden Monate einen Stellenabbau.

Arbeitgebervertreter Engemann macht hierfür auch die mit den Gewerkschaften erzielten Verhandlungsergebnisse verantwortlich. "Der Flächentarifvertrag ist deutlich besser als sein Ruf", sagt er. Die Unternehmen könnten flexibler als in der Vergangenheit auf Auftragsschwankungen reagieren. So würden in der Metallbranche nun etwa die Guthaben auf Arbeitszeitkonten abgeschmolzen, die während des Aufschwungs aufgebaut wurden.

Hinzu kommen Extravereinbarungen auf Betriebsebene. In Salzgitter helfen rund 50 MAN-Mitarbeiter in der benachbarten Fabrik eines Schienenfahrzeugherstellers aus, dessen Auftragslage noch besser ist. Im Vierwochenrhythmus vereinbaren Betriebsrat und Unternehmensführung, wo und wie kurzgearbeitet wird. Dabei wird von den Beschäftigten erwartet, bei Bedarf in einer ganz anderen Abteilung anzutreten. "Unsere Leute müssen sehr flexibel sein", sagt Betriebsrat Pawel.

Wer nicht im Werk schafft, bleibt keineswegs untätig. MAN nutzt die Kurzarbeit, um seine Beschäftigten weiterzubilden: In Salzgitter bessern rund 1000 Mitarbeiter ihre EDV- oder Fremdsprachenkenntnisse auf, werden im MAN-Produktionssystem geschult oder machen ihren Facharbeiterbrief.

Qualifizierte Arbeitskräfte sind knapp in Deutschland. Das haben die Betriebe im Aufschwung schmerzhaft gespürt und in der Krise nicht vergessen. "Vor kaum mehr als einem Jahr wurde überall geklagt: Unsere Wachstumsbremse ist der Mangel an guten Leuten", sagt Ulrich Kirsch, Geschäftsführer der hessischen Unternehmerverbände. "Die Erinnerung daran ist noch sehr frisch."

Warum Entlassungen keinen Sinn machen

Und so ist die Zahl der Auszubildenden bei Stiebel Eltron in Eschwege trotz der Krise gleich geblieben. "Wir dürfen nicht aus Angst am falschen Ende sparen", befindet Ausbildungsleiterin Anke Herrmann. "Hier in Nordhessen ist es sehr schwer, qualifiziertes Personal zu bekommen. Wir müssen daher unsere Fach- und Führungskräfte aus Eigengewächsen ziehen." Und wer seinen Angestellten jetzt kündigt, muss fürchten, nach der Krise wieder zu suchen.

"Es käme uns viel teurer, die Leute rauszusetzen und später für viel Geld wieder einzustellen", sagt Stefan Wolf, Vorstandschef des mittelständischen Autozulieferers Elring Klinger in Dettingen. "Entlassungen machen daher für uns zurzeit keinen Sinn." Wolf hat erst mal die Materialkosten heruntergefahren, Messen abgesagt und keine Anzeigen mehr geschaltet. "Da sind wir mit ganz spitzem Rotstift rangegangen", sagt er. Die mit der IG Metall vereinbarte Beschäftigungsgarantie bis 2011 steht ebenfalls gegen Personalabbau.

Auch Elring Klinger kommt an Kurzarbeit nicht vorbei. 1500 seiner 2200 Beschäftigten sind gegenwärtig davon betroffen; bis ins nächste Jahr hinein wird die Zwangteilzeit dauern. Doch das altbekannte Instrument Kurzarbeitergeld ist von der Bundesregierung zur Bewältigung der Krise so aufpoliert worden, dass sein Einsatz für die Unternehmen attraktiv ist: Statt maximal sechs Monate zahlt die Bundesagentur für Arbeit den Kurzarbeitern bei Bedarf bis zu zwei Jahre lang bis zu 67 Prozent des Nettolohnausfalls. Und nach sechs Monaten werden auch die Sozialversicherungsbeiträge übernommen. "Das ist für uns eine wichtige Brücke", lobt Wolf die Reformen. "Wir haben so Manövriermasse bis ins Jahr 2011."

Seit vergangenen Oktober haben 125.000 Betriebe für mehr als 3,3 Millionen Beschäftigte Kurzarbeit angemeldet. Nach den letzten Daten vom Juni arbeiten 1,43 Millionen Arbeitnehmer in rund 50.000 Unternehmen weniger als sonst.

Auch in der Herborner Pumpenfabrik bleiben derzeit 20 bis 40 Prozent der Beschäftigten einen Tag in der Woche zu Hause. "Früher hätte man die Leute in vergleichbaren Krisensituationen eher entlassen", sagt Geschäftsführer Wolfram Kuhn.

Also trommelt Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) weiter für den Einsatz der Überbrückungshilfe. Auf dem Schreibtisch von Hartmann Burandt liegt ein Brief des Ministers, der ihn ermuntert, das Instrument Kurzarbeit auch in seiner Firma einzusetzen, um Entlassungen zu vermeiden.

Geht die Rechnung bundesweit auf?

Der Geschäftsführer von Röder Präzision, dessen Unternehmen in Egelsbach, Frankfurt und Alsfeld Flugzeuge wartet und repariert, will dem Vorschlag aus Berlin nachkommen: "Wir glauben, dass das Geschäft in den nächsten Monaten wieder anzieht. Und wir wollen unser Personal halten."

Ob die Rechnung bundesweit aufgeht, ob die Kurzarbeit auch in den kommenden Monaten hilft, Arbeitslosigkeit zu vermeiden, das bleibt aber ungewiss. "Wenn den Unternehmen die Liquidität ausgeht, helfen auch Kurzarbeit und Facharbeitermangel nicht, Entlassungen zu vermeiden", warnt IW-Volkswirt Hüther.

Doch die Anzeichen mehren sich: Es geht langsam wieder aufwärts. Der Chemiekonzern BASF in Ludwigshafen hat die Zahl der Kurzarbeiter bereits stark verringert. Auch Daimler lässt mehr als 10.000 Beschäftigte wieder voll produzieren. Und Dieter Zetsche geht wie andere deutsche Autobauerchefs davon aus, die Zahl der Kurzarbeiter bald weiter zurückfahren zu können.

Selbst bei den Zeitarbeitsfirmen macht sich wieder Optimismus breit. Deren Beschäftigte litten schon früh unter der Rezession: Die Unternehmen, bei denen sie eingesetzt waren, schickten sie als Erste an die Luft, um die Jobs ihrer Kernbelegschaften zu erhalten. Die Zahl der Zeitarbeiter sank von mehr als 800.000 im September 2008 auf rund 500.000 im Mai. Doch nun berichteten fast alle Mitgliedsfirmen im Bundesverband Zeitarbeit (BZA) von Neueinstellungen - teilweise sogar mit zweistelligen Zuwachsraten. "Dass wir jetzt schon den Aufschwung spüren", freut sich BZA-Hauptgeschäftsführer Ludger Hinsen, "ist eigentlich eine Flasche Champagner wert."

Sie planen gerade Ihren Urlaub für das Jahr 2012? Hier finden Sie eine Übersicht der Brückentage 2012.

FTD

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