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Interview

Ex-Ferrari-Chef: "Deutschland soll nicht so tun, als sei es ein besseres Land"

Alitalia-Präsident und Ex-Ferrari-Chef Luca di Montezemolo über das Referendum in Italien, das deutsch-italienische Verhältnis - und was Michael Schumacher damit zu tun hat.

Luca di Montezemolo

Der italienische Unternehmer Luca di Montezemolo war CEO bei Ferrari und Fiat, heute ist er Präsident der Fluggesellschaft Alitalia 

Herr , wie ist der Ausgang des Referendums zu bewerten? Ist das Votum gegen den EU-Befürworter Renzi auch ein Votum der Italiener gegen die EU?

Auch wenn der Zeitpunkt für eine Analyse etwas früh erscheint, war es mit Sicherheit ein Votum aus Protest, denn diese Reform wurde von den Italienern als nicht so dringend empfunden im Vergleich zu den Reformvorhaben, die für die italienische Wirtschaft wichtiger sind. Dieser Protest macht deutlich, wie besonders der Mittelstand in Schwierigkeiten steckt. Abgesehen davon ist ein starkes Land und deshalb mache ich mir nicht die geringsten Sorgen um die möglichen Konsequenzen aus diesem Votum.

Dennoch sagten Sie in unserem Vorgespräch, Sie seien gerade sehr besorgt. Was bereitet Ihnen Kummer?

Unsere Politiker streiten sich, und das ist keine gute Entwicklung. Darum möchte ich daran erinnern: Die deutsch-italienische Freundschaft ist etwas höchst Wertvolles. Klischees hin oder her, es stimmt ja nun einmal: Italiener bewundern Deutschland. Und die Deutschen lieben Italien. Das ist eine tief verwurzelte Freundschaft. Das ist wie mit Michael Schumacher und .

 …wie meinen Sie das?

Wir brauchen uns. Ohne Michael Schumacher hätte Ferrari nie gesiegt. Und ohne Ferrari hätte Michael Schumacher kein Auto gehabt. Zusammen sind wir stärker und besser als einzeln. Wir neigen dazu, das zu vergessen. Deswegen bin ich besorgt um Europa.

Sind es die Politiker, die Ihnen Sorgen bereiten? 

Wir erleben gerade eine sehr schwierige Zeit für Europa: Migration, Integration, Populismus, anti-europäische Stimmungsmache, geringes Wirtschaftswachstum, Bankenkrise – um nur ein paar Probleme zu nennen. Zwei EU-Gründerstaaten wie Deutschland und Italien müssen jetzt enger denn je zusammenarbeiten! Wir müssen die nationalen, innenpolitischen Interessen beiseite schieben und uns auf europäische Kernthemen konzentrieren. Natürlich stimmt es, dass Italien seine Verschuldung in den Griff bekommen muss. Auf der anderen Seite sollte Deutschland aufhören, so zu tun, als sei es ein besseres und stärkeres Land als die anderen EU-Staaten. Statt ständig auf den Punkten rumzuhacken, bei denen wir anderer Meinung sind, sollten wir die positiven Seiten der europäischen Idee wieder in den Fokus rücken. Unsere gemeinsamen Werte!

Was beunruhigt Sie am stärksten?

Der Populismus. Er kann Demokratien zerstören. Ganz ehrlich: Brüssel muss dringend seine Art des Handelns und der Kommunikation verbessern. Europapolitiker müssen zu den Menschen sprechen. Besonders zu den jungen Menschen. Sie müssen die Herzen und Seelen der Menschen erreichen. Europa ist ein Traum. Und diesen Traum müssen wir beschützen. Zurzeit laufen wir Gefahr, die europäische Idee zu opfern. Weil wir nur noch über Märkte reden, über Schulden und Sparmaßnahmen. Aber Europa ist mehr als Finanzmärkte. Wir brauchen bessere europäische Politiker, die mit Geist und Enthusiasmus einen Plan für Europa entwickeln und an einer gemeinsamen Strategie in den Bereichen Wirtschaft und Forschung arbeiten. Ich finde es sehr positiv, dass Merkel ihre erneute Kandidatur bekanntgegeben hat verbunden mit dem Wunsch, zusammen mit den anderen europäischen Regierungen mehr für die Interessen Europas einzustehen, anstatt sich in sich selbst zu verschließen.

Die Italiener haben in dem am 4. Dezember gegen eine Änderung der Verfassung abgestimmt. Sind Ihre Landsleute Blockierer, die keine Reformen wollen?

Ich sage gern: Man muss nicht die Italiener ändern, sondern den italienischen Staat. Man kann den besten Rennfahrer haben, aber wenn er in einem schwerfälligen, kompliziert zu fahrenden sitzt, kann er nicht gewinnen. So ist es auch mit Italien: Ein Land voller Potenzial und Dynamik in der Privatwirtschaft und mit einem immensen Engagement in der gemeinnützigen Arbeit. Auf der anderen Seite haben wir jedoch einen Staat mit einem Verwaltungsapparat, der alles verlangsamt. Wir müssen die Bürokratie abbauen und die Hindernisse aus dem Weg räumen, damit jene, die heute in Italien ein Unternehmen gründen wollen, nicht ausgebremst werden und ins Ausland gehen. Wir müssen den italienischen Instinkt fürs Geschäftemachen befreien, die Kreativität wenn es um Ideen und Kompetenzen geht. In Italien haben wir viel Leidenschaft. Das ist Teil unserer Kultur – und auch Teil unseres Unternehmertums.

War Matteo Renzi - um die Metapher aufzugreifen - also ein guter Fahrer in einem schlechten Wagen?

Er ist einer, der mit viel Mut und Enthusiasmus in die Politik gegangen ist. Aber auch mit einem Mangel an Erfahrung. Er war der Bürgermeister einer wunderschönen Stadt, Florenz, und er hat wirklich wichtige Reformen voran gebracht. Nun brauchen wir, um ebenfalls auf die Metapher zurück zu kommen, einen Boxenstopp. Eine Pause, um nachzudenken, Dinge zu verbessern und neu zu justieren. Und dann wieder durchzustarten. Denn mit einem guten Boxenstopp kann man ein Rennen gewinnen. 

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