
Ernte bei 40 Grad: Martin Chavez, 22, pflückt einen Gala© Gunnar Knechtel
Vorbei die Zeit der Runzeläpfel. Auch der Bioapfel soll jetzt aussehen wie ein Industrieapfel - genormt, immer gleich schön. Nur ein paar Sorten eignen sich für den Export, für die lange Reise. Enrique Scholz' Favorit ist eigentlich der Red Delicious: "Der ist am besten fürs Immunsystem. Aber er wird schnell mehlig. Wir exportieren jetzt mehr Galas." Alle Bioäpfel, die nicht perfekt sind - und das ist knapp die Hälfte - gehen auf konventionelle Märkte, zu Kunden, die weniger bezahlen, nach Russland zum Beispiel. Und die ollen Früchte kommen in die Saftfabrik und werden als Konzentrat exportiert.
Die schönen Äpfel werden maschinell nach Gewicht sortiert und fallen auf gepolsterte Drehtische. Hier packt Liliana Pantano den Apfel. Schweiß rinnt ihr geschminktes Gesicht hinab. Ihre schlanken Beine hat sie fest in den Boden gestemmt, nur der Oberkörper schwingt hin und her, mit beiden Händen greift sie immer neue Äpfel und legt sie in Pappkartons mit kleinen Mulden, 100 passen in eine Kiste. Ein durchschnittlicher Packer schafft 200 Kisten am Tag. Liliana packt 400, Liliana ist die Beste. Ihre Leistungsprämie ist höher als die aller anderen Kollegen, fast 1000 Euro verdient sie in guten Monaten. Weil die 42-jährige Mutter von vier Kindern in der Apfelsaison den Haushalt nicht mehr schafft, leistet sie sich eine Putzfrau.
In den Lagerräumen haben sich die Angestellten dicke Vliesjacken übergezogen. Hier wird der Apfel runtergekühlt, zwölf Stunden bei minus vier Grad. Danach wird er konstant bei null Grad gelagert, bis zu seiner Ankunft in Deutschland. "Die Äpfel schlafen legen", nennt man das - damit sie frisch und knackig wieder aufwachen. An einem Sonntagmorgen werden die Äpfel in einen Lastwagen verladen. Zum Schiff sind es noch 400 Kilometer durch die öde Steppe Patagoniens. Irgendwann das Meer. Badegäste liegen im hellen Sand und schauen den Schiffen zu, die im kleinen Hafen San Antonio Waren einladen.
Die Apfelkisten werden in einen Kühlcontainer umgepackt, der ebenso groß ist wie der Lkw. Mit einem riesigen Kran wird der Container auf ein Schiff gehievt. Die Mannschaft besteht nur aus Filipinos. Kapitän Robert Palmez fährt zehn Monate im Jahr zur See, nur zwei Monate sind für die Familie reserviert. So oft wie möglich mailt er seiner Frau Michelle und seiner zehnjährigen Tochter Eliza. Er schreibt: "Wenn ich in Rente gehe, kaufen wir uns ein Haus unter Palmen und sind füreinander da." Palmez ist 36. Auf den Philippinen gibt es kaum Arbeit, auf den Meeren aber verdient man gut. Als Palmez den Befehl zum Ablegen gibt, ist es tiefe Nacht.
Von San Antonio, dem kleinen Hafen in Argentinien, fährt Palmez nach Montevideo, der Hauptstadt des Nachbarstaates Uruguay. Dort wird der Apfel-Container auf ein noch größeres Schiff, die Maersk Jakarta, umgeladen. Nach Zwischenstopps in den brasilianischen Häfen Paranaguá und Santos geht es nach Europa. Der Südatlantik ist ruhig, doch im Norden toben Stürme. Regen trommelt auf das Deck der Maersk Jakarta, als sie 17 Tage später den Hafen von Rotterdam erreicht.
Nur zehn Stunden bleiben zum Verladen der insgesamt fast 3000 Container. Die Matrosen auf der Maersk Jakarta kommen alle von der Südseeinsel Tuvalu. Einer von ihnen ist Fualau Gabata. Er hat noch zwei Jahre bis zur Rente. Von seinem Sold finanziert er seinem Sohn ein Chemiestudium. "Ich bin so stolz auf ihn", sagt Fualau. Wie große weiße Legosteine liegen die Container schließlich aufgestapelt im Terminal, die Kühlaggregate summen laut. Rindfleisch, Gemüse und Enrique Scholz' Äpfel sind jetzt in Europa. Der Schiffstransport hat gerade mal zehn Cent pro Kilo Obst gekostet.
Vom Hafen fahren die Äpfel zur Firma Eosta, einem der weltweit größten Händler von Bioobst. Eosta beliefert vor allem deutsche Naturkostläden und Supermärkte - Edeka, Plus, auch Aldi und Lidl. In den Büroräumen in Waddinxveen bei Rotterdam zeigen Uhren die Ortszeit in den Ländern an, mit denen Eosta die meisten Geschäfte macht: Argentinien, China, Neuseeland, Mexiko, Südafrika. Die Firmenzentrale arbeitet "CO2-neutral": Bei jeder Dienstreise und jeder Stromrechnung aus dem Kühllager rechnet Eosta die Kohlendioxid-Emissionen aus und überweist einen entsprechenden Betrag, etwa an Aufforstungsprojekte für Regenwälder in Indonesien. Bald soll auch sämtliches Übersee-Obst "kompensiert" werden - der "klimaneutrale" Apfel ist das Ziel.
Man weiß nicht, was an diesen Ideen Idealismus ist und was Marketing. Eosta-Chef Volkert Engelsman weiß, dass Bioware nach anderen, wenn man so will, nach moralischeren Maßstäben bewertet wird. Er weiß auch, dass der nächste große Trend "Regionalität" heißt. Je globaler und unpersönlicher die Biobranche wird, desto mehr Menschen sehnen sich zurück nach der heimischen Scholle, nach dem netten Bauern um die Ecke, dem sie beim Apfelpflücken zusehen können. In Deutschland gibt es Kampagnen wie "Regional ist erste Wahl". In den USA treffen sich Konsumpatrioten auf Webseiten wie eatlocalchallenge.com.
Eosta-Chef Engelsman bekämpft Kritiker mit ihren eigenen Waffen: Auf all seinen Waren klebt jetzt ein Plastikpunkt mit einer Nummer. Auf Enrique Scholz' Äpfeln ist es die 301. Der Käufer kann sich damit im Internet zur Farm am Rio Negro klicken. Der argentinische Bauer bekommt ein Gesicht und einen Namen, fast so wie der von nebenan. Deutsche Ökobauern müssen mit denen in Südamerika oder Tschechien konkurrieren. Die Arbeitskräfte sind im Ausland billiger, das drückt die Preise. Jetzt drängt auch noch China auf den Biomarkt. China ist der weltgrößte Apfelproduzent, jeder dritte Apfel wächst dort. Der Apfel mit der Nummer 301 liegt jetzt im Lager von Eosta. Ein süßlicher Geruch hängt in der Luft. Ein Kontrolleur sucht nach Schönheitsfehlern, misst den Druck im Apfel und den Zuckergehalt. "Süß, aber nicht überreif ", so das Fazit.
Ein paar Wochen später werden die Äpfel abends in den Lastwagen verladen, am Morgen sind sie im Kölner Großmarkt. Die Filiale Köln-Sülz der größten deutschen Bio-Supermarktkette "Alnatura" will Äpfel aus Argentinien. Insgesamt gibt es 30 Alnatura-Filialen, fast alle paar Wochen wird eine neue eröffnet. Aberwitzig: Selbst deutsche Bioäpfel vom Bodensee werden oftmals per Lkw nach Köln gefahren und reisen danach zurück in den Alnatura-Markt nach Konstanz. "Köln ist der Flaschenhals, wo fast alles durch muss", bestätigt Alnatura-Managerin Manon Haccius. "Dort wird die Ware zentral verpackt und etikettiert." Man bemühe sich aber um Kooperationen mit Lagern in Süddeutschland, sagt Haccius.
Am frühen Morgen hält ein Lieferwagen mit frischem Obst und Gemüse vor der Alnatura-Filiale in der Berrenrather Straße in Köln. Der stellvertretende Marktleiter Tim Waldmann räumt die argentinischen Äpfel ein. Er schneidet einen Apfel auf und drapiert die Spalten zum Probieren in eine Schale. Daneben liegen noch Äpfel aus Neuseeland, aber auch unterschiedliche Sorten aus der Region. Alle sehen zum Anbeißen aus. Welchen soll man jetzt kaufen? Ist jeder, der zu Äpfeln aus Übersee greift, eine Umweltsau?
Auf dem langen Weg vom Rio Negro an den Rhein entstehen rund 163 Gramm Kohlendioxid pro Kilo Äpfel. Zum Vergleich: Neuwagen stoßen auf einem Kilometer im Schnitt 160 Gramm Kohlendioxid aus. Wer mit dem Fahrrad statt mit dem Auto zum Einkaufen fährt, macht den Klimaschaden von Enriques Äpfeln also theoretisch wieder wett. Das hat die Firma Eosta berechnet. Ulrike Eberle vom Freiburger Öko-Institut hält die Eosta- Rechnung für durchaus realistisch.
Außerdem: Auch deutsche Äpfel werden nach der Ernte im Herbst lange bei niedrigen Temperaturen gelagert - sie sollen frisch schmecken bis in den nächsten Sommer hinein. Irgendwann im Frühjahr kippt dann die CO2-Bilanz, so Ulrike Eberle: "Im April verursacht ein deutscher Apfel wegen der energieintensiven Lagerung oft mehr Treibhausgasemissionen als ein argentinischer, der frisch geerntet wurde und mit dem Schiff hierher kommt."
Also alles paletti, rein mit dem Argentinier in den Einkaufswagen? Nicht unbedingt, meint Eberle: "Es gibt viele gute Gründe für Äpfel aus der Region, die bei der CO2-Debatte völlig untergehen." Wenn Leute aus der Stadt zum Biobauern aufs Land fahren, sehen sie die Streuobstwiesen, die Spechte auf den Bäumen. Sie lernen alte Apfelsorten kennen, die es nur noch vor der eigenen Haustür gibt. Martin Demmeler, Agrarwissenschaftler an der Technischen Universität München, würde regionalen Produkten den Vorzug geben. Er findet es besorgniserregend, "dass sich die Transporte von Lebensmitteln in den letzten 15 Jahren verdoppelt haben - mit negativen Folgen wie Straßenschäden, Lärm, Abgasen". Demmelers Credo: "Bio global ist zwar besser als konventionell global. Aber am besten ist bio regional - und saisonal." Man müsse doch im Juli keine einge- lagerten deutschen oder argentinischen Äpfel essen - da gebe es eben Blaubeeren.
Langsam füllt sich der Alnatura- Supermarkt. Studenten, junge Eltern und Rentner schieben ihre Einkaufswagen. Ein Paar mit Baby beißt in die Apfelspalten: "Ist der lecker!" Jens Lindemann und Aurelia Heins sind Anfang 30, und spätestens seit ihre Tochter Luiza auf der Welt ist, essen sie fast nur noch Bio. Er kauft lieber deutsches Obst, "um unsere Bauern zu unterstützen". Ihr ist die Herkunft wurscht. Dass der Apfel, den sie genüsslich kaut, auch Luis' Familie ernährt, dass er der Packerin Liliana und ihrer Putzfrau Arbeit gibt und dem Sohn von Fualau Gabata das Studium finanziert - "egal, Hauptsache Bio." Die Familie kauft ein Kilo von Enrique Scholz' Äpfeln, dazu noch Biomüsli und Biobabytee, und geht zum Auto. Es passt zu ihnen - hübsch und trendy. Nur leider eine Dreckschleuder: ein altes blaues Mercedes-Coupé 250 C, ersteigert bei Ebay. Versaut dem Apfel die ganze Ökobilanz.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 30/2007