Im nahen Bergedorf wollen engagierte Eltern, darunter TV-Moderator Jörg Pilawa und seine Frau Irina Opaschowski, eine Montessori-Schule gründen. Sie haben schon Räume für ihre Schule im Blick: die alte Sternwarte der Universität.
Selbst in Kindergärten grassiert das Gründerfieber: In den Kitas der "Kinderwelt Hamburg", die an 15 Standorten 750 Betreuungsplätze anbieten, gehören Lernwerkstätten zum Kinder-Alltag, genauso wie englischsprachige Erzieherinnen. "Seit Jahren haben wir das Thema Bildung im Visier", sagt Kinderwelt-Geschäftsführer Jörg Brettschneider. Jetzt will er seiner "Kinderwelt" eine Schule angliedern. "Immer wieder fordern Eltern, dass wir unser Konzept auf einer Schule fortführen." Seit einem Jahr plant ein Team von Pädagogen zunächst eine Grundschule. Ziel: Bildung von der Krippe bis zum Abitur.

Schularbeit in Berlin: Eltern, Lehrer und Kinder gestalten gemeinsam den neuen Pausenhof der Phorms-Schule© Thorsten Futh
In der Ganztagsschule sollen die Kinder in gemischten Altersgruppen lernen. 70 Prozent des Unterrichts sollen auf Englisch stattfinden. Das Konzept wurde mehrfach überarbeitet, damit es bei der Hamburger Schulbehörde eine Chance hat. Denn wer eine private Schule gründen möchte, muss ein besonderes Profil nachweisen. Grundschulen haben dabei die höchsten Auflagen.
Jeder "hat das Recht zur Errichtung von privaten Schulen" - so steht es in Artikel 7, Absatz 4 Grundgesetz. Die Schulpflicht gebietet, dass jedes Kind eine Schule besuchen muss, aber das kann eben auch eine genehmigte Privatschule sein. Vor allem wenn die staatlichen Schulen vor Ort schließen, weil ihnen die Schüler schwinden - so wie im Ostseestädtchen Rerik, wo Eltern einen Ersatz für die Regionalschule suchten, die 2002 schloss. "Es ging darum, überhaupt eine Schule zu haben", sagt Lehrerin Irina Hingst. Also gründeten sie die Freie Schule Rerik, die sich an die Montessori-Pädagogik anlehnt.
Gute Lehrer zu finden ist allerdings nicht so einfach. Denn die Reformschulen verlangen höheren Einsatz und "Herzblut", zahlen aber schlechter. "20 Prozent unter Tarif sind normal", sagt Stephanie Göhr vom Kinderkosmos in Esslingen. Gefragt sind deshalb vor allem junge, idealistische Lehrer, Einstiegsgehalt ab 2200 Euro.
Das größere Problem für die Esslinger Schulgründer war aber die Finanzierung: In der Filiale der Deutschen Bank hätten sich die Herren "totgelacht", als zwei Väter um einen Kredit von 100.000 Euro als Starthilfe baten. Erst die alternative Bochumer Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken rückte die Summe heraus. Im Gegenzug bürgten Gründungsmitglieder, Freunde und Verwandte mit jeweils 3000 Euro. "Patentanten, Omas, alle mussten ran", sagt Stephanie Göhr.
Das Kapital zusammenzubekommen ist fast immer die höchste Hürde. Denn die Schulgründer müssen nicht nur die Kosten für Umbau und Einrichtung tragen, sondern in den meisten Bundesländern drei Jahre lang Lehrergehälter, Miete, Schulbücher und Materialien zahlen. Wer durchhält, bekommt ab dem vierten Jahr einen staatlichen Zuschuss von 60 bis 70 Prozent - allerdings selten rückwirkend. Ausnahme: Hamburg, Hessen und Nordrhein-Westfalen erstatten die Hälfte der Kosten für die Startphase.
Der Esslinger Kinderkosmos muss noch ein Jahr auf Zuschüsse warten. Die Edelstahlküche hat die Kirche spendiert, die Regale im Klassenzimmer stammen von Bekannten. Eltern verkaufen auf dem Weihnachtsmarkt Adventskränze, um das Budget aufzubessern. Ein neues Treppengeländer im Haus wäre nötig, weil das alte zu niedrig ist, "doch dafür haben wir kein Geld". Also sägen Väter Holzpfosten zurecht und montieren Platten - nicht besonders schön, aber so hoch, wie es die Unfallversicherung vorschreibt.
Vorschriften gibt es jede Menge. Drei Klos sind Bedingung auch für die kleinste Schule. Eines für Mädchen, eines für Jungen, eines für Lehrer. Wer in der Schule ein Mittagessen servieren will, muss zuvor einen Kurs des Gesundheitsamtes besuchen. Auch der Zaun um die Schule ist genormt. Der Abstand zwischen den Latten "darf nicht schmaler als drei Zentimeter sein", erklärt Vater Oliver Laabs. "Weil sonst ein Kinderfinger stecken bleiben könnte." Er darf aber keinesfalls breiter als elf Zentimeter sein, damit kein Kopf dazwischen festklemmen kann.
Die Lösung solcher Probleme hat die Phorms-Schule in Berlin längst hinter sich. In den ehemaligen Räumen der Technischen Universität ist die Ausstattung vom Feinsten. Die Schüler lernen an einer computergesteuerten Tafel. Hat Theo die Zahlen mit einem Fingerdruck auf dem Zahlenfeld richtig addiert, piepst eine kleine Schlange: "Verrry goood!" Zählt er falsch zusammen, ermuntert sie ihn: "Oh dear, please try again!"
Die Phorms-Schule startete mit einem Kapital von einer halben Million Euro für Umbau und anderthalb Jahre Schulbetrieb. Denn anders als die Esslinger Initiative hat Phorms Investoren im Rücken, darunter Sony-BMG-Manager Rolf Schmidt-Holtz und Alexander Olek, Gründer eines Biotech-Unternehmens. Statt eines Vereins gründeten Wirtschaftsingenieurin Béa Beste und ihre Mitstreiter ein "kleines feines Unternehmen", eine Mini-Aktiengesellschaft, die Anleger locken soll. Bevor sie sich ans Werk machten, erstellte Mathematiker Peter Adorjan einen Businessplan für die Schule. Den Standort fand Béa Beste mit Wirtschaftsberatern der Stadt Berlin.
Gelehrt wird nach dem staatlichen Lehrplan und dem "Cambridge International Programm". Die Kinder können Abitur mit internationalem Bildungsabschluss machen. Zurzeit hat die Berliner Schule vier Klassen mit 61 Kindern, gut 800 sollen es einmal werden. Ableger sind in München, Hamburg und Frankfurt geplant, eventuell sogar im Ausland. Als Filial-Unternehmen könnte sich das Projekt rechnen, glaubt Béa Beste. Ziel: "McDonald's statt Würstchenbude".
Die Zeiten, in denen Schulen allein aus idealistischen Motiven gegründet wurden, seien vorbei. "Wir wollen beides, wirtschaftlich und idealistisch sein. Unsere Investoren wollen keine fetten Gewinne, aber in sechs, sieben Jahren eine kleine Rendite."
Mitarbeit: Catrin Boldebuck
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 43/2006
Gut zu wissen Wie gründe ich eine Schule?
Dazu brauchen Eltern ein Konzept, Zeit und viel Energie. Neun Tipps
1. Suchen Sie GleichgesinnteKnüpfen Sie Kontakte mit Annoncen, mit Handzetteln beim Kinderarzt oder im Supermarkt. Gemeinsam lassen sich viele Aufgaben leichter bewältigen. Beginnen Sie, wenn Ihr Kind drei, vier Jahre alt ist. Mit zwei Jahren Vorbereitungszeit müssen Sie rechnen.
2. Nutzen Sie die Erfahrung andererBitten Sie Reformschulen in Ihrer Umgebung um einen Hospitationstermin.
3.Entwerfen Sie ein KonzeptKlären Sie vor der Eröffnung, wie viel Einfluss die Lehrer haben sollten, wie stark sich die Eltern engagieren müssten, welche Fächer unterrichtet werden, wer im Schulbetrieb entscheidet. Damit vermeiden Sie späteren Streit unter den Gründern. Aber: Seien Sie kompromissbereit. "Die allein selig machende Pädagogik gibt es nicht", warnt der Bundesverband der Freien Alternativschulen.
4. Fragen Sie FachleuteSie müssen nachweisen, dass Ihre Schule ein "besonderes pädagogisches Interesse" abdeckt, also das bestehende Angebot erweitert. Die Pädagogik muss nicht völlig neu, aber wissenschaftlich belegt sein. Lassen Sie Ihr Konzept von einem Rechts-anwalt prüfen, der auf Schulrecht spezialisiert ist. Stellen Sie Ihr Konzept frühzeitig der Schulbehörde vor, aber auch Politikern, die Ihnen helfen können, Türen zu öffnen.
5. Gründen Sie einen VereinTräger Ihrer Schule sollte ein gemeinnütziger Verein sein. Dann können Eltern und Sponsoren ihre Spenden von der Steuer absetzen.
6.Machen Sie einen FinanzplanKalkulieren Sie Personalkosten, Miet- und Heizkosten, Versicherungen, Baukosten und den Kredit, den Sie für die ersten Jahre ohne staatliche Förderung brauchen. Kalkulieren Sie realistisch. Je niedriger Sie die Elternbeiträge halten wollen, desto mehr Schüler brauchen Sie. Kredite gewähren die Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken (GLS) und die Bank für Sozialwirtschaft; auch Stiftungen helfen gelegentlich.
7. Beantragen Sie die GenehmigungReichen Sie Ihr Konzept rechtzeitig bei der Kultusbehörde ein - mindestens sechs Monate vor Schulbeginn.
8. Mieten Sie RäumeSchulräume müssen nicht nur hell und freundlich sein, sondern viele Auflagen erfüllen. Fragen Sie Schulbehörde, Bauamt und Feuerwehr, bevor Sie Räume mieten.
9. Suchen Sie LehrerAuch die kleinste Schule braucht mindestens zwei Lehrer. Sie können in Teilzeit an-gestellt werden. Damit verhindern Sie, dass bei Erkrankung eines Lehrers gleich der Unterricht ausfällt.
Quelle: www.freie-alternativschulen.de