
Weiß geschminkt unterhält ein Schauspieler die Gäste im Restaurant "Dracula" in Bukarest© Samuel Zuder
Im Sommer geriet Rumänien zudem wegen einer Teufelsaustreibung mit Todesfolge in Verruf. Im Kloster der "Heiligen Dreifaltigkeit" unweit der Grenze zu Moldawien hatte der Mönch Daniel Corogeanu, ein drahtiger Mann mit hellbraunen Augen und flammendem roten Bart, gemeinsam mit vier jungen Ordensschwestern die 23-jährige Novizin Irina mit Eisenketten und Tüchern an ein Kreuz gefesselt, ihr den Mund zugebunden und sie drei Tage hungern und dursten lassen, bis sie starb.
"Sie war von bösen Geistern besessen", rechtfertigte sich der Täter. Die orthodoxe Kirche distanzierte sich, doch viele ihrer führenden Geistlichen verteidigen den Exorzismus als eines der "heiligen Sakramente der Kirche". Alexander, der Abt eines Nachbarklosters, beteuert, dass es nur ein Unfall gewesen sei, quasi ein Kollateralschaden beim menschheitsrettenden Werk.
Wenn der Geistliche mit Vorstandschefs deutscher Konzerne zusammentrifft, zitiert er gern den französischen Philosophen Voltaire. Er wettert gegen die Intoleranz der evangelischen Freikirchen, die in Rumänien ihr Unwesen treiben und gegen Schwule hetzen würden, während wahre Gläubige doch einen Unterschied machten zwischen der Sünde und dem Sünder. Die gleichgeschlechtliche Liebe sei zwar verwerflich, der Homosexuelle stehe dennoch in der Liebe Gottes. An einem aber lässt der Abt keinen Zweifel: "Die Teufel treten immer aggressiver auf. Auf Exorzismus durch Gebet können wir nicht verzichten."
Solche Skandale werfen die Rumänien in ihrem Bemühen, endlich als gute Europäer anerkannt zu werden, immer wieder zurück. "Wir kommen uns allmählich vor wie ein ungebetener Gast, der sich unter Opfern neue Kleider zulegt, den alten Klubmitgliedern aber trotzdem nicht fein genug ist", klagt Mircea Vasilescu, der Chefredakteur der intellektuellen Wochenzeitung "Dilema Veche".
Dabei ist Rumäniens jüngste Entwicklung eine Erfolgsgeschichte. 98 Prozent der Unternehmen, die unter Ceauşescu in Staatsbesitz waren, sind heute privatisiert, das Steuersystem mit seinem Einheitssatz von 16 Prozent gilt als revolutionär, die Wirtschaft wuchs 2004 um acht Prozent, der Absatz von Autos verdoppelte sich in den ersten sechs Monaten dieses Jahres.
16 Jahre liegt der Sturz Ceauşescus zurück. Der kommunistische Despot ließ sein Volk hungern, während er Weizen und Fleisch ins Ausland verkaufte. Regimegegner ließ er radioaktiv verstrahlen, bis sie an Krebs starben. Er stellte 700 Architekten und 20 000 Arbeiter an, um für geschätzte 3,3 Milliarden Dollar das "Casa Poporului" zu errichten, das Haus des Volkes. Das zweitgrößte Gebäude der Welt beherbergt nun neben dem Parlament ein Museum für moderne Kunst.
Vor dem monströsen Palast, einst Kulisse für Massenaufmärsche, lässt der Modezar Caùtaùlin Botezatu heute junge Models mit Unterwäsche in Tarnanzugstoffen antreten. Der Designer liebt provokative Shootings. Die Ceauşescu-Gattin Elena war von seinem Körperbau so entzückt, dass sie darauf bestand, dass Botezatu und kein anderer ihr nach jeder Modenschau die Blumen überreichte. Auch Gianni Versace warf ein Auge auf den Jüngling, der einige Jahre mit ihm arbeiten durfte. Im "Kristal" und im "Herăstrău", den In-Clubs von Bukarest, wollen die Gerüchte nicht verstummen, dass Botezatu schöne Jungs noch lieber mag als die vielen hübschen Mädchen, mit denen er sich umgibt.
Das augenfälligste Symbol des Wandels steht auf dem Platz der Revolution im Zentrum Bukarests. Ein ehemaliges Haus des Staatssicherheitsdienstes Securitate, in dem Ceauşescu vorsorglich seine Kleidung, Getränke und Speisen auf mögliches Gift untersuchen ließ, gehört heute dem Architektenverband. Auf den Mauerresten des bei Straßenkämpfen während der Revolution zerstörten Baus haben die neuen Eigentümer eine kühne Glaskonstruktion errichtet. Darin betreibt der Deutsche Fritz Niemetz mit seiner rumänischen Frau ein Café. Die Toasts sind nach den Ländern des ehemaligen Klassenfeinds benannt: Italien, Deutschland, Frankreich. Das Glas Hennessy Cognac kostet den sehr bourgeoisen Preis von umgerechnet 20 Euro. Junge Geschäftsleute geben hier ihr Geld aus und schwärmen davon, wo und wie sich gerade am meisten verdienen lässt.
Hat der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld an Rumänien gedacht, als er zwischen altem und neuem Europa unterschied? Das Land will nach vorn, und seine Bürger jammern nicht, weil sie wissen, dass die Zukunft nur besser sein kann als die Vergangenheit. Hier sind Achtzehnjährige Versicherungskaufleute geworden, ohne dass es dafür einen Ausbildungsgang gab, hier arbeiten Mittzwanziger als Manager, ohne je eine betriebswirtschaftliche Fakultät von innen gesehen zu haben.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 43/2005
Zeittafel 2000 v. bis 700 n. Chr.: Daker, Griechen, Römer, Goten, Hunnen und Tataren ziehen durch das Land oder unterwerfen es.
1150: König Geza II. von Ungarn holt deutsche Siedler und Ritter ins Land. 15./16. Jh.: Unter türkischer Herrschaft. 1688-1755: Siebenbürgen und die Bukowina kommen zu Österreich-Ungarn.
1877-1881: Rumänien erlangt staatliche Unabhängigkeit. Krönung König Carols I.
1914-1918: Rumänien ist im Ersten Weltkrieg zunächst neutral, kämpft ab 1916 auf Seiten Russlands gegen Österreich-Ungarn.
1944: Sturz des Militärdiktators Antonescu, Eintritt in den Krieg gegen Deutschland.
1947: Ausrufung der Volksrepublik.
1965: Nicolae Ceauşescu wird Staatschef.
1989: Dezemberrevolution, Erschießung Ceauşescus, Reformkommunismus.
1996: Erstmals bürgerliche Regierung unter Christdemokrat Constantinescu. 2000: Iliescu löst bürgerliche Koalition ab.
2004: Liberale Reformregierung.