
Heiner Flassbeck fordert eine stärkere Regulierung der Finanzmärkte© dpa - Bildfunk
Nein, es wird zu gewissen Lerneffekten kommen, doch bei manchen Menschen hilft auch die größte Krise nicht. Am Ende wird von den USA eine gewaltige Anstrengung ausgehen, den gesamten Markt neu aufzustellen und die Regulierung ganz neu zu organisieren. Nichts wird mehr so sein wie vorher.
Bestimmte Geschäfte mit sehr komplizierten Finanzmarktprodukten werden einfach verboten oder mit so hohen Hürden versehen, dass sie sich nicht mehr lohnen. Das gesamte Kasino wird geschlossen.
Außerdem müssen die Rating-Agenturen abgeschafft oder einer gemeinsamen internationalen Kontrolle unterworfen werden. Sie haben versagt und zwar auf ganzer Linie. Kein Medikament wird auf den Markt gebracht, ohne dass eine Genehmigung einer staatlichen Aufsichtsbehörde vorliegt.
Aber die Massenvernichtungswaffen der Finanzmärkte - wie sie Warren Buffet zu Recht bezeichnet hat - werden einfach auf den Markt geworfen. Nur ein paar Rating-Agenturen, die selbst daran verdienen, dass sie möglichst viele Produkte bewerten, schauen einmal kurz drüber.
Das letzte Mal hat es 30 bis 40 Jahre gedauert. Die nächste Krise werde ich also nicht mehr erleben (lacht).
Das wäre eine Möglichkeit, ein allerletzter Ausweg. Bevor das System kollabiert, muss der Staat hart durchgreifen und in Kauf nehmen, ein oder zwei Billionen zusätzliche Schulden anzuhäufen.
Das Irre an der ganzen Sache ist, dass die Banken die Bürger erst ausnehmen, in dem sie wahnwitzige Renditen erzwingen und sich unglaubliche Gehälter leisten und dann am Ende der Staat gezwungen ist einzugreifen, damit diese Spielsüchtigen nicht das ganze System zu Grunde richten.
Sie wird in jedem Fall große Auswirkungen haben. Es ist kaum vorstellbar, dass die amerikanischen Bürger so weiter konsumieren, wie sie es in den vergangenen zehn Jahren getan haben. Sie werden sich extrem zurückhalten, ebenso werden sich die Banken bei der Vergabe von Krediten stark beschränken.
Die Folge: Eine dramatische Abschwächung des Wachstums. Ich hoffe, dass dies auch endlich bei den Oberdogmatikern in Frankfurt erkannt wird. Die Politik der Europäischen Zentralbank, die Zinsen nicht zu senken, ist einfach unfassbar. Sich an einer Inflationsrate von 3,4 Prozent aufzuhängen, wo jeder weiß, dass die bei fallenden Rohstoffpreisen im kommenden Jahr von alleine wieder runterrauschen wird. Unglaublich!
Die Preise an den Rohstoffmärkten waren spekulativ überhöht. Ich habe das schon vor fünf Monaten gesagt, nur war ich damals ein einsamer Rufer in der Wüste. Inzwischen ist es aber deutlich sichtbar. Trotzdem schaut die EZB einfach tatenlos zu.
Auf eine ganz andere Zeit. Der Aufschwung war schon vorbei, als es an den Finanzmärkten erstmals so richtig gekracht hat. Schon damals hätte die Politik und die EZB dagegen halten müssen. Jetzt spricht alles dafür, dass es noch schlimmer wird.
Der Dollar wird vermutlich noch mal runtergehen und die amerikanische Wirtschaft wird in eine tiefe Rezession abgleiten, wenn sie nicht schon längst tief drinsteckt. Weder die EZB noch die deutschen Finanzpolitiker haben begriffen, was die Stunde geschlagen hat. Statt vorausschauend die Zinsen massiv zu senken und die Konjunktur mit einem Investitionsprogramm zu stützen, wird stur an der alten Politik festgehalten und die Wirtschaft fährt vor die Wand. Dass Finanzminister Peer Steinbrück sich hinstellt und immer noch behauptet, es wird alles nicht so schlimm werden und er kann an seinem Defizitziel festhalten, ist nicht mehr nachzuvollziehen.
Vor vier Monaten haben noch alle gesagt, es gibt keinen Abschwung. Jetzt ist der Abschwung da, und alle sagen, wir kriegen keine Rezession. In drei Monaten werden alle sagen, wir kriegen aber keine Depression.
Interview: Marcus Gatzke