Dieser Apfel wird 13.000 Kilometer reisen: Von der Plantage am Rio Negro in den Supermarkt am Rhein. Dort liegt er dann neben Obst aus Deutschland, Bio steht auf beiden - aber welcher ist ökologisch wertvoller? Der stern zieht eine überraschende Bilanz. Von Nikola Sellmair

Der erste Biobauer Argentiniens: Enrique Scholz, 70© Gunnar Knechtel
Der Apfel ernährt die Familie. Luis Molinez, seine Frau Francisca und die fünf Kinder, den Großvater Aurelio, die Hühner und die Hunde. Von seinem Steinhaus aus sieht Luis die Apfelbäume. Er ist auf der Leiter aufgewachsen - so nennen sie es hier, wenn einer als halbes Kind Pflücker wird. Luis sitzt auf seiner Terrasse unterm Laubendach, die jüngste Tochter Ailin auf dem Schoß. Die Anderthalbjährige nuckelt schon mit dem Strohhalm Mate-Tee, das koffeinhaltige argentinische Nationalgetränk. Im Liegestuhl döst ein kleiner Hund, Hühner picken Brotkrümel von der Terrasse. Das ist die Welt des Luis Molinez.
Nachts träumt er manchmal von Äpfeln, rotbackigen Galas und quietschgrünen Granny Smiths. Schon sein Vater hat als Pflücker gearbeitet, seine Frau hilft in der Fabrik beim Verpacken der Früchte. Nur sein ältester Sohn Augustin ist aus der Art geschlagen, er mag lieber Bananen und würde gern nach Europa. Aber Europa, murmeln die anderen Molinez, das ist doch so groß und so fern.
Luis war mit seinen 39 Jahren noch nie weg aus dem Apfeltal der argentinischen Provinz Rio Negro. Luis ist das Gegenteil von Globalisierung. Er kann sich nicht vorstellen, dass der Apfel, den er eben noch in der Hand hatte, übers Meer fahren wird, in dieses ferne Europa. Dass der Apfel nicht nur Luis' Familie satt macht, sondern auch die des Kapitäns Robert Palmez auf den Philippinen und des Matrosen Fualau Gabata vom Südseeinselchen Tuvalu. Dass er im Hafen von Rotterdam ankommen wird, mit dem Lieferwagen weiter nach Köln muss und am Ende von einer deutschen Familie aufgegessen werden wird. Luis war noch nie am Meer.
Rund 13.000 Kilometer wird der Apfel reisen, bis er als argentinischer Bioapfel in einem deutschen Laden liegt. Und nicht nur Luis fällt es schwer, diesen langen Weg zu begreifen. Für viele Käufer in Deutschland bleibt er genauso unverständlich: Zitronen, Ananas, Kiwis - die wachsen nun mal nicht nebenan. Aber warum muss man ein urdeutsches Obst wie den Apfel herankarren? Fast 90 Prozent der Verbraucher wünschen sich mehr Lebensmittel aus der Region - gleichzeitig liegen in Supermärkten und Ökoläden immer mehr Äpfel von großen Plantagen aus Argentinien oder Neuseeland. Der Export argentinischer Bioäpfel nach Westeuropa hat sich in den vergangenen fünf Jahren verdreifacht auf 10.000 Tonnen. Deutsche Biobauern klagen über die globale Konkurrenz.
An der Reise des Apfels vom Rio Negro zeigen sich besonders deutlich die Widersprüche der Biobranche: Weil immer mehr Menschen ökologische Lebensmittel kaufen, entsteht eine weltweite Industrie, wie es sie bei konventionellen Lebensmitteln schon lange gibt. Der Wollstrumpfzausel mit seinen glücklichen Möhren stirbt aus, der Ökomanager übernimmt. Doch darf sich Luis' Apfel noch "Bio" nennen? Sind Äpfel aus Übersee Klimakiller? Oder ist Bioanbau immer und überall gut, für die Erde, für die Menschen?
Der Apfel ernährt da s Dorf. "Hier ist Apfelland", sagen die Einwohner. Eine Oase mitten in der patagonischen Steppe. Ein fruchtbares Tal, gespeist vom Fluss Rio Negro, der den verschneiten Gipfeln der Anden entspringt. Man fährt vorbei an Obstplantagen und an Allen, der Stadt der Birne, nach General Roca, der Stadt des Apfels. Am Ortseingang haben sie ihm ein riesiges Denkmal gebaut: einen silbernen Metallapfel, abends wird er mit rotem Licht angestrahlt. Im örtlichen Jeansladen spielen zwei nackte Schaufensterpuppen die Geschichte von Adam und Eva nach, sie reicht ihm lächelnd die verbotene Frucht.
Enrique Scholz hat den Sündenfall schon hinter sich. Nach dem Landwirtschaftsstudium in Buenos Aires vertrieb er für große Chemiefirmen Pestizide. Die Mittel töteten alle Lebewesen auf den Äckern, auch die nützlichen Insekten, die Feinde der Schädlinge. Eine Plage folgte der nächsten. Die Pestizide wurden immer schärfer. "Ich führte Krieg gegen die Natur", sagt Enrique Scholz. Er beschloss abzurüsten. Bei Wissenschaftlern in den USA informierte er sich über biologische Methoden der Schädlingsbekämpfung. Schließlich kaufte er Brachland am Fluss und wurde der erste Biobauer Argentiniens. Anfang der 90er Jahre war das.
"Mein Gott ist die Natur", sagt der 70- jährige Scholz heute. So spricht ein Geläuterter, der Paulus vom Apfeltal - und doch klingen seine Worte nicht pathetisch, sondern pragmatisch. Scholz ist immer noch Geschäftsmann: "Obwohl mich alle für verrückt erklärten, habe ich auf Bio gesetzt - und gewonnen", sagt er.
Scholz hat den Traum seines Vaters wahr gemacht, der Anfang der 1920er Jahre als deutscher Matrose nach Argentinien kam. In Deutschland herrschte damals die große Inflation, Argentinien aber war Wirtschaftswunderland. "Reich wie ein Argentinier", hieß es in Europa. Scholz, der immer noch fließend Deutsch spricht, ist heute Herr über 300 Hektar Land, er gibt rund 200 Menschen Arbeit auf seinen Apfel- und Birnenplantagen und in der Packerei. Mehr als 1800 Pesos verdienen die Erntearbeiter, fast 450 Euro, knapp 20 Prozent mehr als der argentinische Durchschnittslohn.
Am Morgen kommen sie mit dem Fahrrad zum Feld. "Venga, venga", auf geht's! Die Pflücker schultern ihre langen roten und gelben Leitern und laufen los zwischen die Baumreihen. Heute wird der Gala geerntet, ein süßer Apfel, der im Ausland besonders beliebt ist. Es ist früher Morgen, auf den Blättern liegt noch Tau, doch das Licht ist schon gleißend und hart. In Deutschland ist jetzt Frühling, in Argentinien Frühherbst. Gegen Mittag sind es 40 Grad. Luis, der nach all den Jahren als Pflücker jetzt Vorarbeiter ist, betrachtet den Apfel, den der junge Martin Chavez eben geerntet hat, und ist zufrieden: "Schön rot und nicht zu klein."
Nach der Siesta gehen die Pflücker noch einmal jede Baumreihe ab, suchen rotbackige Äpfel, die sie übersehen haben. Aufwendig ist die Apfelernte, und die Ernte von Bioäpfeln ist noch aufwendiger: Das Unkraut wird nicht mit Herbiziden weggespritzt, sondern mit dem Traktor und der Sense gemäht. Auf konventionellen Plantagen wächst unter den Obstbäumen meist kein Gras mehr. Auf Enrique Scholz' Farmen wuchern Gräser, kriechen Schlangen, hüpfen Kröten. Luis glaubt, dass auch die Menschen hier besser leben: "Früher, als ich noch auf konventionellen Plantagen arbeitete, hatte ich an den Tagen, an denen gespritzt wurde, abends Bauchweh, ein paarmal musste ich mich übergeben." Luis sagt, jetzt fühle er sich sicher.
Mit einem Stroh-Sombrero auf dem Kopf läuft Enrique Scholz über die Plantage. Er betrachtet durch eine Lupe ein Blatt: "Da läuft eine kleine weiße Raubmilbe im Zickzack, sie sucht nach Opfern." Scholz freut sich über jede Raubmilbe, denn sie frisst Schädlinge.
Sein Obst wird regelmäßig von Kontrolleuren geprüft und trägt das Biosiegel. Scholz' wichtigste Kunden sitzen in Europa und den USA. Die amerikanische Bio- Supermarktkette "Whole Foods Market" kauft bei ihm - und in deutsche Babygläschen kommen auch Enriques Birnen. "Die ganze Welt isst unsere Früchte", sagt ein Pflücker, "nur die Argentinier essen sie nicht." In Argentinien gibt es keinen Markt für Bioprodukte. Noch nicht. Dafür boomt der Anbau von Ökoobst. Längst ist Enrique Scholz nicht mehr der einzige Biobauer im Tal. Ökoobst bringt mehr Profit als konventionelles. Große Firmen kaufen Farmen auf und stellen auf biologischen Anbau um. Noch kann sich Scholz gegen die Konkurrenz behaupten. "Aber ich will nicht noch größer werden. Wir waren immer Mittelständler, ein Familienunternehmen."
Am nächsten Morgen geht der Apfel baden. In einer großen Halle werden die Früchte in eine Waschanlage gekippt. Sie tauchen unter, werden hochgespült und schwimmen auf Förderbändern weiter. Zurück bleibt braunes Wasser. Große Ventilatoren pusten die Äpfel trocken. Sie fahren zu den Sortiererinnen: Die Frauen tragen weiße Handschuhe, um die Schale nicht zu beschädigen. Sie rollen die Äpfel in den Händen prüfend hin und her, dann verteilen sie sie: die makellosen aufs obere Förderband, die mit Kerben oder Sonnennarben aufs untere.
Übernommen aus ...
Ausgabe 30/2007