Im Streit um die Agenda 2010 beharken sich SPD und Gewerkschaften. Doch im Stillen wird nach Kompromissen gesucht.

Freundliches Lachen, schlichte Symbole: DGB-Chef Michael Sommer wirbt in Köln für die Politik der Gewerkschaften. Wer mag, darf sich ein gefärbtes Ei schenken lassen.© Matthias Jung
Einer beschimpft ihn als "Wichser", ein anderer pöbelt aus dem Autofenster: "Ihr seid konservativer als die CSU, ihr macht alles kaputt hier", und grüßt zum Abschied mit dem ausgestreckten Mittelfinger. Ansonsten geht dieser Samstagmittag in der Kölner Innenstadt einigermaßen glimpflich ab für Michael Sommer, den Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).
Sommer wirbt für die Politik der Gewerkschaften, was derzeit nicht ganz leicht ist. Er verteilt Äpfel und gefärbte Eier - weil, nun ja, sich die Leute "nicht fürn Appel und "n Ei verkaufen lassen" sollen.
Sommer ist aufgeräumt und freundlich, wer mag, kann mit ihm diskutieren. Die meisten mögen nicht. Aber immerhin, viele erkennen ihn sofort, andere mit kleiner Hilfestellung: "Dat ist der, der wo mit dem Schröder gefrühstückt hat." Sommer frühstückt viel in diesen Tagen. Der Mann hat einiges zu retten: den Sozialstaat, die Einheit der Gewerkschaften, das brüchige Bündnis mit der SPD. Dazu braucht es bisweilen anderes als laute Reden.
Vergangenen Freitag zum Beispiel hat er mit Franz Müntefering gefrühstückt, dem Chef der SPD-Bundestagsfraktion. Da saßen die beiden Polit-Routiniers in Müntes Büro und führten über Schröders Agenda 2010 "dialogische Monologe", wie Sommer sagt. Zu verhandeln gibt es eigentlich nichts, weil der Kanzler entschlossen ist, seine Agenda durchzuboxen. Aber über "die Details" wird man ja wohl reden dürfen. Also erzählt man sich gegenseitig von seinen Ideen und der eigenen Schmerzgrenze, schaut stumm über die Spree und weiß, dass der andere die Botschaft schon verstanden hat. Es muss ja irgendwie weitergehen, auch mit der welken Ehe von Sozialdemokratie und Arbeiterbewegung.
Wie zuletzt soll es nicht weitergehen. Führende Sozis beschimpfen die Gewerkschaften als Blockierer, Bremser, Betonköpfe. Führende Gewerkschafter diagnostizieren in der eigenen Partei "Metastasen eines gefährlichen Neoliberalismus". Man kann nicht sagen, dass die gegenseitigen Diffamierungen erfolglos waren: Die SPD hat in der Wählergunst ein historisches Tief von 26 Prozent erreicht, die Mitglieder laufen ihr davon. Das Ansehen der Gewerkschaften ist ebenfalls im freien Fall.
Der Zwist zwischen Partei und Gewerkschaft schlägt einigen schwer aufs Gemüt. "Es ist Sand im Getriebe", sagt Andrea Nahles. Die SPD-Linke ist Mitglied im Parteivorstand und arbeitet zugleich im Berliner Verbindungsbüro der IG Metall. Fragen auf beiden Seiten, die auch enttäuschte Liebende quälen: Wie sehr braucht man einander, weil man sonst niemanden mehr hat? Wie dringend muss man sich andererseits aus einer Abhängigkeit lösen, die verheerend werden könnte?
Groß ist jeweils die Enttäuschung über fehlende Dankbarkeit für geleistete Unterstützung, größer noch die Genervtheit: über herrisches Auftreten (des Kanzlers), über die immer gleichen Belehrungsversuche mit überlebten Rezepten (etwa durch Verdi-Chef Frank Bsirske). Denn auch das ist längst dahin: die gemeinsame Gewissheit, wie die Welt zu verbessern sei. Und dann die üblichen Vorwürfe: Wortbruch, Treuebruch, Uneinsichtigkeit. Szenen einer Ehe.
Doch nicht nur die muss DGB-Chef Michael Sommer kitten. Nun droht ihm auch noch sein eigener Laden um die Ohren zu fliegen. Tief sitzt der Streit um die richtige Strategie. Auf einen abenteuerlichen Konfrontationskurs setzen einige bei Verdi und der IG Metall. Deren künftiger Chef Jürgen Peters droht, notfalls müssten sich die kleinen Leute eben in der nächsten Tarifrunde wiederholen, was die Politik ihnen nimmt.
Das wäre nicht nur ein Bruch mit in diesem Fall guten Traditionen, sondern auch einigermaßen dämlich: Warum sich der Angestellte bei Daimler wiederholen soll, was dem Arbeitslosenhilfebezieher genommen wurde, werden wohl beide nicht verstehen.