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6. August 2009, 09:36 Uhr

"Da stimmt etwas nicht!"

EU-Landwirtschaftskommissarin Mariann Fischer Boel ist sauer. Im stern.de-Interview äußert sie den Verdacht, dass vor allem Lebensmittel-Discounter von den fallenden Milchpreisen profitieren - auf Kosten von Verbrauchern und Bauern. Aber auch die Bundesregierung trägt demnach eine Mitschuld an der Milchkrise.

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Ob kleine Familienbetriebe oder große Höfe: Deutsche Milchbauern verdienen derzeit kaum etwas© Oliver Berg/DPA

Frau Fischer Boel, die Bauern in Deutschland stecken in der Krise; vor allem Milch ist auf dem Markt kaum noch etwas wert. Wird der Ernst der Lage in Brüssel überhaupt erkannt?

Ich weiß genau, was im Augenblick in den Bauern vorgeht, nicht nur in Deutschland, auch in anderen Ländern. Viele sorgen sich um die Zukunft, insbesondere die jungen Landwirte, die gerade erst in ihre Höfe investiert haben und die Kosten nicht mehr bezahlen können.

Viele Bauern machen Brüssel für ihre missliche Lage verantwortlich.

Zu Unrecht. Wir tun alles, um die Auswirkungen des Preisverfalls abzufedern.

Den Eindruck haben wir nicht. Die EU hat die Milchquote, die bislang die Melkmenge künstlich eindämmt, erneut erhöht. Kein Wunder, dass zu viel Milch auf den Markt schwemmt und die Preise fallen.

Es war nicht meine Idee, die Quote schon 2008 zu erhöhen. Aber viele Mitgliedsländer, auch Deutschland, haben uns zu diesem Schritt gedrängt. Als die Lebensmittelpreise im vergangenen Jahr durch die Decke gingen, hat unter anderem die deutsche Regierung Druck gemacht, damit wir die Beschränkungen noch schneller auflockern. Ich erinnere mich noch an die reißerischen Schlagzeilen in vielen Zeitungen: Wer kann das bezahlen? Die Sorge galt da weniger den Bauern als den Verbrauchern. Aber die Milchquote ist ohnehin nicht das Problem: Schuld an der Situation ist in Wahrheit die gefallene Nachfrage. Die Menschen kaufen weniger Milchprodukte, obwohl die Preise mittlerweile wieder gefallen sind. Der niedrige Rohmilchpreis kommt bei Verbrauchern allerdings auch nicht in vollem Umfang an.

Wer profitiert von den Preisstürzen?

Ich habe eine Vermutung, wer da den Rahm abschöpft. Aber bevor ich mich dazu äußere, brauche ich Beweise. Vor kurzem haben wir eine Untersuchung in Auftrag gegeben, um die gesamte Wertschöpfungskette der Milch unter die Lupe zu nehmen, vom Bauernhof bis zum Supermarkt. Während die Rohmilchpreise buchstäblich abgestürzt sind, wurden die Milchprodukte in den Supermärkten gerade mal um zwei Prozent billiger. Da stimmt etwas nicht.

Also sind die Discounter Schuld an der Misere, die ihre Einkaufsmacht ausspielen?

Die großen Supermarktketten verfügen tatsächlich über eine enorme Marktmacht.

In den letzten Jahren mussten viele Bauern ihre Höfe aufgeben. Trotzdem sind die Milchmengen nicht gesunken. Ist Milch - aller Klagen zum Trotz - für die Großen immer noch ein gutes Geschäft?

Nein. Die Preise liegen so tief, dass auch die großen Bauern mit Milch kein Geld verdienen. Die Landwirte bleiben im Geschäft, weil sie hoffen, dass die Preise irgendwann wieder klettern.

Leiden nicht vor allem die kleinen Milchbauern in den Bergen unter der Krise?

Natürlich ist Viehhaltung in den Bergen schwieriger als in den Ebenen. Aber diese Höfe arbeiten mit niedrigen Kosten, meist sind es Familienbetriebe. Die EU stützt sie mit speziellen Hilfsprogrammen. Dagegen haben die Großbauern etwa in Nord- und Ostdeutschland oft hohe Lohnkosten. Wenn die großen Höfe nicht überleben, verlieren gleich 20 oder 30 Menschen ihren Job. Soziale Konsequenzen sind da also sehr schnell spürbar.

Lesen Sie auf der folgenden Seite, warum italienische Bauern deutlich mehr Geld pro Liter Milch verdienen

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