40 Prozent der Bewohner El Salvadors arbeiten in der Landwirtschaft und haben trotzdem kaum etwas zu essen. Auf den Feldern wachsen Pflanzen, aus denen die Farbe für Dollarnoten gewonnen wird. So müssen viele Salvadorianer sich mit Stricken und "Aufsammeln" über Wasser halten. Von Torge Löding, El Salvador

"Die Regierung hat die Verpflichtung zu helfen", steht auf dem Schild in San Salvador© Edgar Romero/AP
Zwischen 17 und 18 Uhr, wenn die Sonne schon tief steht über El Salvadors Zwei-Millionen-Hauptstadt San Salvador, dann kommt der Moment der "Pepenadores", der "Aufsammler". Ester Moreno ist eine von denen, die seit Stunden im Schatten der Halle des Mercado Central darauf gewartet haben, dass die Mais- und Bohnenverkäufer ihre schweren Säcke schnüren, auf kleine Lastwagen verladen und sich auf die Heimfahrt nach einem langen Tag auf dem Wochenmarkt machen. In abgewetzten Stoffschuhen schlurft die Weißhaarige - ihr Alter weiß sie selbst nicht ganz genau, irgendwas in Sechzigern, murmelt sie - gebückt über das Kopfsteinpflaster und hebt auf, was vom Markttag übrig bleibt: Einzelne Maiskörner und schwarze Bohnen, eine mühselige Aufgabe.
"El Salvador ist ein armes Land und es wird immer schlimmer", sagt sie. In Jahresfrist ist der Preis für ein Pfund schwarze Bohnen um 68 Prozent auf 84 US-Cent gestiegen. Das können sich sie, ihr Mann und ihre drei Söhne kaum leisten. Die vier Männer gehören zum Prekariat, sie verdingen sich am Mercado Central als Schuhputzer. "Ich arbeite als Pepenadora. Das ist ein Beruf, den es schon immer auf den Kaffeeplantagen gegeben hat", erklärt die Mutter. Sie lächelt ein unsicheres Lächeln zwischen schiefen Zähnen, ihre dunkelbraunen Augen werden wässrig von verzweifelten Tränen. Aufsammeln ist ein Beruf, das ist ihr wichtig - niemals würde sie betteln. Diesen Stolz bewahren sich sie und ihre Familie und schlucken die Bitterkeit herunter, wenn sie später am Abend zu ihrer Wellblechhütte an der stillgelegten Bahnlinie wandern.
Im kleinsten Land Zentralamerikas hat der 1994 vom damaligen konservativen Wirtschaftsminister Manuel Henrique Hinds postulierte Wandel von der Agrar- zur Dienstleistungsgesellschaft nicht funktioniert. So zumindest die Meinung von Hinds Parteifreund Mario Salaverria, amtierender Landwirtschaftsminister der alleine regierenden Arena-Partei. Die Landwirte und der Agrarsektor müssen gestärkt werden und die Nahrungsmittelproduktion angekurbelt, so seine Forderung.
"Eine späte Einsicht und bisher leider nur leere Worte", konstatiert Ana Ella Gomez vom Zentrum für Verbraucherschutz (CDC) in San Salvador. Die Statistiken, welche sie auswendig herunterbeten kann, sind erschreckend. Die Produkte des Grundnahrungsmittel-Warenkorbes seien katastrophal gestiegen, an drei Beispielen rechnet sie anhand des Durchschnittslohnes und des Warenkorbes vor, wie schwer das Leben der Fabrik- und Dienstleistungsbeschäftigten in der Stadt geworden ist. Wer in einer der zahlreichen Zulieferbetrieben, den "Maquiladoras", arbeitet, bleiben nach dem Einkauf der Produkte des Basis-Warenkorbes kaum mehr als zwei US-Dollar im Monat. Schlimmer sei es auf dem Land: Dort haben sich die Nahrungsmittel derart verteuert, dass einem "Campesino" (Landarbeiter) 33 Dollar im Monat fehlen, um sich das Nötigste zu kaufen. Ein Trend, der für ganz Mittelamerika gilt, aber in El Salvador besonders deutlich zum Ausdruck kommt. Wie in keinem anderen Land der Region gaben Campesinos hierzulande ihre traditionelle bäuerliche Tätigkeit auf, um ihr Glück in der Stadt oder gleich in den USA zu versuchen. Damit wurden sie zu El Salvadors Exportschlager Nummer Eins: Arbeitsmigranten für den Norden. Ihre "Remesas" - die monatlichen Unterstützungszahlungen an die Daheimgebliebenen - sind heute wichtigste Einnahmequelle des Landes.
Nahrungsmittel fehlen, auch wenn fast 40 Prozent der in El Salvador Beschäftigten in der Landwirtschaft arbeiten. Das mag absurd klingen, aber auf den Feldern der neuen Großgrundbesitzer wächst nur wenig Sättigendes. Neben Kaffee und Farnpflanzen, aus denen die grüne Farbe für die Dollarnoten in den USA gewonnen werden, vor allem Zuckerrohr und andere Pflanzen zur Biodieselgewinnung. Angesichts einer im vergangenen Jahr geschlossenen Vereinbarung mit Brasiliens moderater Linksregierung von Luiz Inácio Lula da Silva soll dies noch ausgeweitet werden. Bis zu 500.000 Hektar brachliegendes Land sollen für die Treibstoffgewinnung nutzbar gemacht werden. Die Brasilianer haben im Gegenzug einen Technologietransfer versprochen, der nicht ganz uneigennützig ist: El Salvador unterzeichnete das Cafta-Freihandelsabkommen mit den USA und dient den Brasilianern somit als Türöffner zum Norden. Somit geht Präsident Lula Verhandlungen mit der von ihm ungeliebten US-Regierung aus dem Weg.
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