Angefangen hat er in einem Kabuff in Kleve. 30 Jahre später führt Alltours-Chef Willi Verhuven ein Touristikunternehmen, das mit Niedrigpreisen die Branchenriesen das Fürchten lehrt.

"Ich bin kein Workaholic" - Verhuvens Motto: "Alles, aber günstig". Sein Vorbild: Aldi.© Volker Hinz
Ein fieser Regensturm peitscht durch Westerland. Herbst auf Sylt, nichts für Warmduscher. Kalte Böen bürsten das kurz geschorene Resthaar von Willi Verhuven. Der Mittfünfziger stiefelt glücklich durch die Pfützenlandschaft, auf dem kurzen Weg vom Edelrestaurant Jörg Müller ins ebenso noble Hotel Stadt Hamburg. Die Seezunge war lecker, aber das ist es nicht allein. Schlechtes Wetter in Deutschland macht Touristiker froh. "2004 wird ein Superjahr", weiß der Chef von Alltours-Flugreisen schon jetzt. "Letzten September flogen wir mit 11.000 Leerplätzen, jetzt nur mit 3.000. Hab das gerad' mal durchgerechnet - macht 1,4 Millionen Euro plus." Verhuven strahlt den rabenschwarzen Nachthimmel an. "Und fast die ganze Saison war so toll!"
Das Schlaglicht erhellt dreierlei. Erstens, ein Unternehmer, der diese Berufsbezeichnung wert ist, schleppt seinen Laden allzeit im Kopfe mit sich. Zweitens, das gegenwärtige Problem der Touristikbranche hört nicht auf den Namen Verhuven. Drittens, man muss kein Global Player sein, um fette schwarze Zahlen zu schreiben. Alltours wird in dieser Saison anderthalb Millionen Urlaubsreisen verkaufen und weit über eine Milliarde Euro umsetzen. Hinzu kommen Einnahmen aus Immobilien, Reisebüros, Incoming-Agenturen (kümmern sich im Zielland um die Gäste) und einer Werbefirma. Schulden zero, Kriegskasse prall. Ist es im Reisegeschäft womöglich sogar schädlich, ein Global Player zu sein?
Mitte September hat er den 30. Geburtstag seiner Firma gefeiert. 2000 Mitarbeiter und Gäste am Duisburger Innenhafen, wo seit 2001 die schöne, neue, lichte, 18,5 Millionen Euro teure Firmenzentrale steht. Poplady Sarah Connor auf der Bühne, ganz Duisburg stolz auf die Perle der ansonsten daniederliegenden Ruhrstadt - vorläufiger Höhepunkt einer Karriere, die sich ein TV-Serienautor nicht besser ausdenken könnte.
1974: Der 23-jährige gelernte Maschinenbaukonstrukteur Willi Verhuven eröffnet im niederrheinischen Kleve ein Reisebüro. Bastelt nebenbei Pauschalreisen auf seine Lieblingsinsel Mykonos zusammen, damals noch pauschaltouristisch unbeleckt. Flug nach Athen, sieben Stunden Fährfahrt, Unterkunft in billigen Pensionen, die Verhuven aus eigener Erfahrung kennt. Die ersten Kunden sind Freunde und Verwandte.
Das Ziel Mykonos kriegt bald Gesellschaft, und aus dem Hobbytouristiker Verhuven wird im Rheinland eine Adresse. Es dauert aber zehn Jahre, bis er den Großen auf den Wecker zu gehen beginnt mit seiner marktschreierischen Billigmasche, Werbeslogan: "Alles, aber günstig". Damit hat er immerhin 70.000 Gäste gekeilt. Jetzt geht es ab wie bei den Guldenburgs, mit Tricksen, Mobben, Druckmachen. Die Tui entzieht ihm ihre Reisebüro-Vertretung. Hinter den Kulissen der sonnigen Urlaubswelt werden Stolperdrähte verlegt. Auf einmal will ihm die Ferienfluggesellschaft Hapag-Lloyd nur noch Flugzeuge vermieten, wenn er alle Plätze kauft. Er weicht auf Condor aus, muss aber große Platzkontingente abnehmen. Als er Ende der Achtziger unschlagbar günstige Spanienreisen anbieten kann, weil er von einer Pesetenabwertung profitiert hat, beginnt der offene Kampf. Die Erzrivalen Tui und Neckermann verbünden sich, stellen Hoteliers vor die Wahl: Alltours oder wir. "Ich musste entweder alle Betten nehmen oder das Feld räumen", sagt Verhuven. "So kamen wir hier und dort zu exklusiven Hotels."