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26. September 2006, 15:02 Uhr

Die eigenwilligen Erben von Graf Dracula

Vampire, Exorzisten, Straßenkinder - Rumänien hat nicht das beste Image. Doch der bevorstehende EU-Beitritt hat mancherorts schon ein kleines Wirtschaftswunder ausgelöst. Eine Reise durch ein Land in Vorfreude.

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Vor dem monströsen Palast des früheren Diktators Ceauşescu posieren Models in großblumigen Tops und tarnfarbener Unterwäsche© Samuel Zuder

Wie ein Fremdkörper steht die Uhr auf dem Platz vor der Universität, ein drei Meter hohes Aluminiumgestell mit digitaler Leuchtanzeige, eingerahmt von prächtigen Barockbauten, die Bukarest einst den Namen "Paris des Ostens" eintrugen. 452, 451, 450... zählt sie die verbleibenden Tage bis zum Großereignis im Januar 2007 - dem Beitritt Rumäniens zur Europäischen Union.

Ein Land in Erwartungshaltung. In wenigen Ländern ist die EU so populär wie in dem Staat an der Schwarzmeerküste. Journalisten des TV-Lokalsenders "Bucureşti-1" befragen Passanten in der Hauptstadt: 80 Prozent sprechen sich für den schnellen Beitritt aus. Das deckt sich mit den landesweiten Erhebungen der Meinungsforscher. Und das, obwohl die Preise für Gas, Wasser und Strom schon jetzt wegen strenger Auflagen aus Brüssel weit schneller steigen als die Löhne.

Aufgeregt hält ein Zeitungsverkäufer das größte Blatt des Landes in die Höhe. Wie ein Revolver prangt ein Benzinhahn auf auf dem Titelblatt, darunter eine ansteigende Fieberkurve. Der Benzinpreis hat sich innerhalb eines Jahres auf über einen Euro verdoppelt. "Wenigstens da haben wir Europa-Niveau", heißt es hämisch in einem Leitartikel. Eine Studentin hingegen meint: "Mit Schwierigkeiten fertig zu werden und dabei nie die Hoffnung zu verlieren, das haben unsere Eltern noch unter dem kommunistischen Diktator Ceauşescu gelernt. Freut euch auf uns, ihr in den EU-Ländern. Wir sind gut in der Krise und können auch aus nichts etwas machen."

Auf dem Universitätsplatz, die Europa-Uhr im Blick, verticken junge Männer Raubkopien von Computersoftware für 15 Lei, umgerechnet vier Euro. Das Original kostet ein Vielfaches. Es sind solche kleinen und auch großen illegalen Geschäfte, weshalb die Kommissare in Brüssel eine Verbesserung des Rechtssystems anmahnen, neben Wirtschaftsreformen und dem Kampf gegen die Korruption.

Ein Mann mit Schiebermütze bietet Wurzeln gegen Rheuma und hohen Blutdruck feil. Die Arbeit in den Bergen und die Stunden des Wartens auf Käufer haben sein Gesicht den Wurzeln ähnlich gemacht, die er in den Karpaten ausgräbt. "Die in Brüssel sollen uns bloß nicht vorschreiben, wie wir unsere Schweine zu schlachten, was wir zu essen und welche Medizin wir zu schlucken haben", schimpft er. "Alle gleich zu machen in Europa, das wäre, als würde ich die Kuppen meiner fünf Finger abhacken, nur damit sie alle gleich lang sind. Das hatten wir schon unter den Kommunisten."

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Roma sammeln Verwertbares auf einer Mülldeponie in Bacău, im Hintergrund eine Chemiefabrik© Samuel Zuder

Dedu, ein Romajunge mit filzigen Haaren, heftet sich an die Fersen eines amerikanischen Touristenpaares, um ein paar Lei zu erbetteln. Am Abend machen er und seine Freunde sich auf den langen Weg nach Hause, fahren in Bussen, ohne zu zahlen, und gehen die letzten Kilometer zu Fuß. Dedu wohnt mit seinen Eltern und vier Geschwistern vor den Toren der Stadt auf einer Müllhalde. Sie leben von dem, was der Moloch Bukarest übrig lässt. Im Abfall stochern sie nach Metallresten, sammeln Flaschen und Dosen.

Um einen faden Weizenbrei aufzuwärmen, wirft die Mutter Plastik ins Feuer. Sie ist 48, sieht aber aus wie 70. Ihr Mann hat sich schon seit Tagen nicht mehr vom Krankenlager erhoben. "Die Lungen", röchelt er. "Wir haben kein Geld für den Arzt. Wenn ich krepiere, will der orthodoxe Priester noch Bestechungsgeld, damit er mich beerdigt. So hassen die Rumänen uns Roma." Geschätzte zwei Millionen der knapp 22 Millionen Staatsbürger sind Roma. Für Dedus Vater ist es der Traum vom Glück, auf einer anderen, größeren Müllhalde einen größeren Verschlag zu errichten und etwas mehr Geld zu verdienen. Mit Rumänien kommen auch diese Slums in die EU.

Das Land hat reale, aber auch Image-Probleme. Zu Rumänien fallen vielen EU-Bürgern zuerst Graf Dracula und Autoschieber ein, Zigarettenschmuggler, elende Waisenhäuser und bittere Armut. Viele halten das Land für einen Zigeunerstaat. Auch weil Roma und Rumänien so verwandt klingen. Dabei sind die Rumänen stolz darauf, von römischen Siedlern abzustammen, die sich später mit eingewanderten Slawen vermischten.

Nur selten schafft es Rumänien in die Weltpresse. Etwa wenn der Zigeunerkönig Florin Cioabă seine erst 13-jährige Tochter Ana-Maria zum Entsetzen der EU-Parlamentarier an einen ebenfalls Minderjährigen verheiratet. "So sind eben unsere Traditionen. Dann kommt sie auch auf keine dummen Gedanken, weiß, wohin sie gehört, hängt nicht in Discos rum, rührt keine Drogen und keine anderen Männer an", sagt Cioabă. Und sein Wort hat Gewicht. Auf dem Kopf trägt er gern eine goldene Krone, in der rechten Hand hält er ein schweres, mit Rubinen und Smaragden besetztes Zepter. Der König ohne Land ist nicht nur Anführer der Sippe der Caldarari, die nach seinen Worten weltweit drei Millionen Angehörige zählt, sondern auch Vizepräsident der "Internationalen Roma Vereinigung".

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Ausgabe 43/2005

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