Eigentlich lassen sich Reeder nicht gerne befragen, schon gar nicht zur Krise. Eine Ausnahme ist Peter Krämer. Der Hamburger Schiffseigner analysiert die schweren Fehler, die er und seine Kollegen gemacht haben.
Was alle sehen, die täglich auf die Elbe blicken - auch wenn sie selbst nichts mit der Schifffahrt zu tun haben: Letztes Jahr noch kam jede Viertelstunde ein voll beladenes Containerschiff vorbei, heute dauert es oft zwei Stunden, bis ein höchstens halb beladenes Schiff entlang kommt.
Meine Schiffe transportieren ja keine Container, sondern raffinerierte Ölprodukte. Aufgrund der weltweiten Rezession ist deren Bedarf natürlich auch gesunken. Vor zwölf Monaten, als die Welt noch in Ordnung war, haben meine Schiffe das Dreifache der heutigen Menge befördert.
Wir merken sie schon sehr stark, allerdings nicht in dieser katastrophalen Form.
Jeder unser Öltanker ist unterwegs, aber zwischen einem Fünftel bis zu einem Viertel der Containerschiffe weltweit liegen auf ...
... was auch damit zu tun hat, dass viele Reeder, auch deutsche, in den Boomjahren sehr viele Containerschiffe in Auftrag gegeben haben. Obwohl es keine Beschäftigung dafür gab. Eine Entwicklung, die sich mindestens im Nachhinein als verantwortungslos dargestellt hat.
Wir Reeder haben viele Fehler gemacht und ich schließe mich da gar nicht aus. Aber ich will unseren Berufsstand nicht mit der Finanzwirtschaft verglichen wissen, die mit abstrusesten Produkten das Vielfache des real existenten Geldvolumens kreiert hat, wodurch die Krise erst verursacht wurde.
Die Reeder sind einem Herdentrieb gefolgt, in der Annahme, es ginge nur noch aufwärts. Es war ein menschlicher Fehler, den der eine mehr, der andere weniger begangen hat.
Als wir die Schiffe bestellt haben, war die Welt noch in Ordnung. Wir haben uns verpflichtet, ein Viertel der ausgeschütteten Gewinne für soziale Zwecke zu verwenden. Im Moment machen Herr Christ und ich uns allerdings Sorgen, wie wir die Bankverbindlichkeiten tilgen. Daneben haben wir die Auslieferung auf 2010 und 2012 verschoben. Sollte es danach jemals zur Ausschüttung kommen, werden wir natürlich zu unserem Wort stehen.
Nein. Ich habe in der bis dahin längsten Schifffahrtskrise der Geschichte angefangen, die von 1980 bis 1988 andauerte. Das allerdings war eine reine Schifffahrtskrise und keine Wirtschafts- oder gar Finanzkrise. Was uns Reeder und all unsere Beschäftigten so wütend macht: Wir haben die Finanzkrise und das Fehlverhalten der Banken überhaupt nicht zu verantworten, bekommen aber die ganze Breite der Folgen zu spüren und können sie nicht einmal beeinflussen.
Mag sein. Aber wenn in Zeitungen zu lesen ist, dass die Industrieproduktion um vier Prozent steigt, muss man auch wissen, von welchem Niveau aus. Denn insgesamt liegt sie immer noch 25 Prozent unter der des Vorjahres. Wenn die Wirtschaft man ganz unten ist und um vier Prozent wächst, klingt das super, aber schon von einem Ende der Rezession zu sprechen, ist grotesk.
Das Wachstum von 2003 bis 2008 haben wir hauptsächlich China und Indien zu verdanken. Wenn man deren Raten aus unserer Bilanz herausrechnen würde, hätten wir in Europa, in den USA, also in der restlichen Welt in der gleichen Zeit eine Stagnation erlebt. Wir haben vom China-Wachstum profitiert und erfreulicherweise wächst China wieder, was aber eben auch heißt: So lange wir keine eigene Binnenkonjunktur entwickeln, werden wir weiterhin am Tropf Chinas hängen.
Die westliche Welt muss ihre Hausaufgaben machen. Das Finanzsystem muss aufgeräumt werden, um wieder Vertrauen zu schaffen. Entweder schaffen die global agierenden Banken selber neuen Regeln, damit so etwas wie die Finanzkrise nicht mehr passieren kann, oder die Regierungen übernehmen das. Sicher ist: Wenn nichts passiert werden wir so einen Crash wieder erleben - ob nun in sechs Monaten oder drei Jahren. Aber ich glaube, der Paradigmenwechsel wird kommen, weil er kommen muss.
Das habe ich durchaus schon gemacht. Aber erzählen Sie mal einem Kapitän, dass er unter deutscher Flagge fahren soll. Die meisten lehnen dankend ab.
Ein Führungsoffizier verdient 8000 bis 9000 Euro im Monat. Steuerfrei, wie in der internationalen Seefahrt üblich. 60 bis 80 Prozent der weltweiten Reedereien zahlen keine Steuern, weil ihre Schiffe unter Flaggen wie denen von Monaco, Singapur oder Hongkong fahren. Entsprechend kennen 60 bis 80 Prozent der Seeleute keine Lohnsteuer oder Sozialbeiträge. Wenn ich meine Tanker unter deutscher Flagge fahren ließe, müsste ich dem Kapitän mehr als 20.000 Euro zahlen. Alle Kosten zusammen genommen, würde ein Schiff pro Jahr zwischen 300.000 bis 400.000 Euro teurer werden. Damit wäre ich schlicht nicht mit wettbewerbsfähig. Dabei ist es nicht so, dass ich etwas dagegen hätte, Steuern und Abgaben zu bezahlen. Nur müssen die weltweit einheitlich sein.
Ich habe den Traum, dass die Menschen weltweit die gleichen Chancen haben sollen. Deshalb freue ich mich, dass es einen globalen Mindestlohn für alle Matrosen gibt. Wir sind die einzige Branche weltweit, die das verbindlich eingeführt hat. Innerhalb von sieben Jahren wurde die durchschnittliche Heuer so fast verdreifacht. Ein Matrose von den Philippinen verdient nun etwa 1700 Euro im Monat, steuerfrei wie gesagt, und damit das Sechsfache des dortigen Facharbeiterlohns. Ich bin stolz darauf, dass die Schifffahrt es geschafft hat, die Globalisierung "umzudrehen" und so die allgemeinen Lebensstandards zu heben.
Der Charme der Schifffahrt ist außer der Begegnung mit fremden Ländern und Kulturen, dass wir der einzige Wirtschaftsbereich der Welt sind, der gezeigt hat, wie man die Globalisierung gerecht gestaltet kann. Übrigens auch dank der Gewerkschaften. Erfreulich wäre es, wenn andere Branchen unserem Prinzip folgen würden.