12. November 2003, 11:46 Uhr

Abwandern ist des Müllers Lust

Was er hat, das gibt er nicht mehr her: Jetzt macht sich Multimillionär Theobald Müller mit Frau und neun Kindern in die Schweiz davon - aus Furcht vor dem deutschen Fiskus.

Müllers Welt: Das schwäbische Aretsried wird von der Molkerei beherrscht. Hier redet niemand schlecht über Herrn Müller - aus Angst und Respekt©

Herbstkühle liegt über dem schwäbischen Aretsried. Silberfarbene Milchkühltürme blitzen in der Nachmittagssonne. Die Gebäude der Molkerei Müller beherrschen das 330-Seelen-Dorf wie eine Festung. Dem Burgherrn und seinen Leuten entgeht hier nichts. Der stern-Fotograf wird von einem Fahrzeug des Müllerschen Sicherheitsdienstes durchs Dorf verfolgt. Auf offener Straße stellt ihn der Wachmann: "Was tun Sie hier?" Dann macht er per Handy Meldung an Deutschlands mächtigsten Milchmann Theobald Müller. Der mag keine Fotografen, und Journalisten schon lange nicht. Ein Interview lehnt er am Telefon ab. Nur so viel bricht aus ihm heraus: Deutschland sei unternehmerfeindlich, "schlimmer als unter Ulbricht vor dem Mauerbau". Deshalb begeht Müller jetzt Republikflucht. Der Steuer wegen.

Der 63-Jährige zieht mit Frau und seinen neun Kindern im Alter von drei bis 36 Jahren nach Erlenbach an den Zürichsee. Sonst würde der Staat 200 Millionen Euro Erbschaft- oder Schenkungsteuer von seinen Kindern kassieren, sobald die Unternehmensgruppe auf sie übergeht. Und zwar nur für sein englisches Werk nahe Manchester, wo Müller 500 Millionen Euro umsetzt und zwei Drittel seiner Gewinne einfährt. Das behaupten jedenfalls Müllers Steuerberater. "Die wahnsinnige und dumme Erbschaftsteuer kann ich nicht akzeptieren", poltert der Milchbaron. "Ich werde enteignet, beraubt."

Das klingt, als jammere Dagobert Duck wieder einmal über den drohenden Bettelstab. Und tatsächlich erinnert der Habitus Müllers stark an den Trillionär aus Entenhausen. Beide sind autoritär, knickerig, misstrauisch - und dabei höchst erfolgreich. Beide würden ihr Vermögen eher auf den Mond schießen, als anderen etwas davon abzugeben. Auf der letzten Hauptversammlung der Firmentochter Sachsenmilch ließ Müller für Aktionäre nur noch Kaffee, Tee und Wasser servieren. "Lieber geizig als verschwenderisch", blaffte Müller hungrige Kleinaktionäre an.

Mit diesem Grundsatz avancierte Müller zum Milchkönig. Die Bilanzen seiner Fabriken sind erste Sahne. Seit 1971, als er den Vier-Mann-Betrieb seiner Eltern übernahm, veredelt der gelernte Molkereimeister simple Kuhmilch zu Markenartikeln. Aus Buttermilch, Milchreis oder Joghurt formt er Lifestyle-Produkte wie Müllermilch, Crema Joghurtschnee, Berry Booster oder Kalinka Kefir. Jede Innovation drückt er mit einem schwindelerregenden Marketingaufwand ("Alles Müller, oder was?") in den Markt. Heute gibt Müller Tag für Tag über eine Viertel Million Euro für Werbung aus. Dafür spannt er Sport- und Fernsehhelden der Nation vor seinen Karren. Von Nationalbomber Gerd Müller bis hin zur Superstar-Knalltüte Daniel Küblböck. Popmusikant Dieter Bohlen avancierte sogar zum Vorsitzenden der "Müller-Partei". Motto: Politiker sind schlecht, aber "Alles wird becher."

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