stern.de für unterwegs
. .
News am 20.03.2010
RSS Mobil Wetter stern.de Blogs Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Günther Jauch
sternTV - Information und Unterhaltung mit Günther Jauch

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

 
18. September 2008, 13:22 Uhr

"Das Kasino wird geschlossen"

Die Finanzkrise hält die Märkte rund um den Globus in Atem. "Nichts wird mehr so sein wie vorher", prognostiziert der Ökonom Heiner Flassbeck. Im stern.de-Interview sagt er, weshalb das gesamte System kollabieren könnte und warum man Managern viel öfter auf die Finger hauen muss.

Zoom

Die Finanzmärkte sind wie ein Kasino, meint der ehemalige Staatssekretär Heiner Flassbeck© Philippe Renault/Hemis.fr/Laif

Herr Flassbeck, sind Sie persönlich am Aktienmarkt engagiert?

lacht) Nur ganz wenig und nicht im Finanzsektor.

Würden Sie einem Bürger raten, derzeit mit dem Kauf von Aktien für das Alter vorzusorgen?

Nein, nicht jetzt und auch zu keinem anderen Zeitpunkt.

Warum?

Weil es einfach zu riskant ist. Wir hatten in Deutschland mal so etwas wie einen Generationenvertrag. Die Gesellschaft insgesamt sollte dafür sorgen, dass mit Hilfe einer wachsenden Wirtschaft und steigenden Einkommen eine angemessene Rente für die Alten im Land gezahlt wird.

Wenn stattdessen jeder sein Geld am Aktienmarkt investiert, ist man auf eine gute Portion Glück angewiesen, ob am Ende etwas übrig bleibt oder nicht. Bleibt nur wenig übrig, muss der Staat einspringen. Das ist die Logik der modernen Finanzwelt, wie wir sie gerade in den USA sehen. Am Ende muss immer der Staat die Zeche bezahlen.

Sie müssten sich beim Blick an die Wall Street bestätigt fühlen.

Auf jeden Fall.

In Amerika ist der starke Staat gerade wieder sehr gefragt. Nur er scheint in der Lage, die Finanzkrise unter Kontrolle zu bekommen.

Das ist völlig richtig. Die Amerikaner waren, was den Glauben an die Finanzmärkte betrifft, immer dogmatisch. Im Angesicht der Krise handeln sie aber sehr pragmatisch. Es wäre schön, wenn sie auch schon vorher so pragmatisch gewesen wären.

Vor der Krise hat man bedingungslos an die Märkte geglaubt. Frei nach dem Motto: Die kriegen das von allein hin, die funktionieren und regulieren sich quasi von selbst. Jetzt, wo alles droht zusammenzubrechen, greift der Staat hart und konsequent durch. Man hat erkannt, der Markt kann sich nicht selber heilen. Der Punkt ist nur, es hätte gar nicht so weit kommen müssen.

Ist es auch richtig zu selektieren? Die eine Bank lasse ich hopps gehen, die andere muss ich in jedem Fall retten?

Das ist sehr problematisch, aber wahrscheinlich aus systemischen Gründen notwendig. Bei der einen Bank sind die Folgen einer Pleite nicht kalkulierbar, bei der anderen sind sie dagegen überschaubar. Und bei den Banken müssen auch mal Verluste auflaufen. Die Manager und Investoren müssen merken, dass es so nicht weitergeht. Strafe muss sein, wenn auch dosiert.

Wie hoch schätzen Sie das Risiko, dass das ganze Finanzsystem dominoartig kollabiert?

Es gibt ein großes Systemrisiko. Wir haben einfach jedes Gefühl dafür verloren, was ein kalkulierbares Risiko ist und was nicht. Eine solche Situation kann extreme Folgen nach sich ziehen. Noch ist aber eine genaue Prognose nicht möglich.

Zoom

Soviel Dollar haben die Banken an Marktwert eingebüßt© stern.de-Infografik

Auch nicht darüber, wann das Ende der Krise erreicht ist?

Wir werden das Ende erst dann erreichen, wenn wir begreifen, dass Finanzmärkte ganz anders funktionieren als Gütermärkte. Wenn wir begreifen, dass Finanzmärkte nicht sich selbst überlassen werden dürfen. Und wenn wir begreifen, dass man Managern, die 25 Prozent Rendite erzielen wollen, viel früher auf die Finger hauen muss.

Derzeit scheint es einen gewissen Lerneffekt in der Branche zu geben…

Bei Josef Ackermann [An. d. Red.: der Vorstandschef der Deutschen Bank] nicht. Er hat erst in der vergangenen Woche gesagt, wir müssen hohe Renditen erzielen, weil die Erwartungen der Investoren wieder steigen. Das muss man sich mal vorstellen, eine Woche bevor es bei Lehman Brothers gekracht hat, sagt Ackermann so etwas in aller Öffentlichkeit. Daran kann man sehen, wie weit die Einsicht reicht.

Er hat nicht begriffen, dass in einer funktionierenden Marktwirtschaft niemand, aber auch wirklich niemand einen Anspruch auf 25 Prozent Rendite hat. Ein Unternehmen hat sich anzustrengen und dann wird man am Ende sehen, wie viel Rendite dabei rausspringt. Die unendliche Gier der Investoren schon im Vorhinein befriedigen zu wollen, stellt das marktwirtschaftliche System auf den Kopf.

Im zweiten Teil des Interviews lesen Sie, welche Fehler die Europäische Zentralbank gemacht hat und wie schlimm es für Deutschland wird.

Zur Person

Zur Person Heiner Flassbeck war Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen unter Oskar Lafontaine und ist derzeit Chefvolkswirt der Welthandels- und Entwicklungskonferenz (UNCTAD)

  zurück
1 2
KOMMENTARE (10 von 32)
 
sausewindxxl (19.09.2008, 10:31 Uhr)
Spart mal fleißig weiter und zahlt ordentlich ein!
Unfassbar! Und diese dämlichen Bürger zahlen wirklich weiterhin ihre "Arbeitsleistung" in Form von Papiergeld in Lebensversicherungen, Riester-Renten, Aktienfonds oder noch besser in Staatsanleihen ein und glauben ernsthaft, dafür in 15-20 Jahren eine Gegenleistung zu bekommen! Klasse! Das kann man wohl nur als größten und am besten gelungenen Beschiss in der Geschichte der Menschheit bezeichnen! Ja, Leute! Spart mal fleißig weiter und zahlt ordentlich ein! Es gibt noch genug Millionäre, die IHR zu Milliardären machen müsst! :-)
henrytt (19.09.2008, 09:30 Uhr)
Kommentar zu einigen Kommentaren
An einige Schreiber in diesem Forum:
Ich wusste noch gar nicht, dass in der deutschen Sprache mittlerweile die uneingeschränkte Kleinschreibung eingeführt wurde. Oder macht man das etwa nur im Internet so?
sponge (18.09.2008, 16:53 Uhr)
Normal?
"Lachhaft! erinnern wir uns doch mal. ist ja auch noch gar nicht so lange her. als der "neue markt" zusammengebrochen ist haben all diejenigen, wie jetzt auch wieder, die einfach keinen fuß auf den boden kriegen, auch am lautesten gebrüllt. und? nix ist passiert, die erde hat sich weitergedreht und alles ist wieder normal geworden"
Ja der ganz "normale" Wahnsinn ist wieder zurückgekehrt. Es wurde ganz "normal" weitergezockt, man hat ganz "normal" Leute auf die Straße gesetzt, ganz "normal" hat der Steuerzahler die Rübe hingehalten ....
sausewindxxl (18.09.2008, 16:44 Uhr)
Goldman Sachs? Aber nicht doch...
Zum Glück hat Goldman Sachs anscheinend keine Finanzprobleme. Zumindest taucht die größte Investmentbank der USA hier nicht auf! Aber hey, war der aktuelle Finanzminister der USA nicht zuletzt bei genau dieser Bank der Chef? Zum Glück wissen wir, dass Politiker die ehrlichsten und vertrauensvollsten Menschen unter der Sonne sind. Sonst könnte man ja noch an Korruption und Vetternwirtschaft denken!
ganzbaf (18.09.2008, 16:17 Uhr)
Kleinanleger hin oder her...

94,4% der Deutschen haben KEINE Aktien!
Aller permanenten Börsensendungen im TV zum Trotz... ;-P
.
D.h. eine kleine überbegüterte Minderheit zerstört die Soziale Marktwirtschaft UND läßt sich noch im Kriesebfall auf deren Kosten vor der Pleite schützen! )-:
chaos1234 (18.09.2008, 16:07 Uhr)
Na, geht die welt mal wieder unter?
Lachhaft! erinnern wir uns doch mal. ist ja auch noch gar nicht so lange her. als der "neue markt" zusammengebrochen ist haben all diejenigen, wie jetzt auch wieder, die einfach keinen fuß auf den boden kriegen, auch am lautesten gebrüllt. und? nix ist passiert, die erde hat sich weitergedreht und alles ist wieder normal geworden. wow - jetzt habt ihr also alle angst dass ihr eure arbeitsplätze verliert? Tipp - Söldner werden zur zeit gesucht und gut betahlt. ein job mit todsicherer zukunft und ein paar nörgler weniger. niemand von diesen spinnern - schon gar nicht der größe finanzpolitiker der welt (lafo) - werden den lauf der welt verändern. und mal ehrlich - ein paar bleiben immer auf der strecke - oder? die unproduktiven, die faulen, die dummen. im tierreich werden sie gefressen - schaden tuts nicht. und dieser pseudoartikel strotz vor unwahrheiten nur so. der mann hat leider keine ahnung - und die sondert er - wohl in irgendeinem auftrag- auch genüßlich ab.
marihuhna (18.09.2008, 15:28 Uhr)
Blase geplatzt, na und!
Da ist mal wieder eine Spekulationsblase geplatzt und schon ist wieder Weltuntergang. Was runter geht geht auch weider rauf. Warten wir noch ein wenig auf wunderbare Einstiegskurse, gerade im Bankenbereich. Die Zauderer werden wie immer in die Röhre schauen, weil sie keine Cochones hatten und sich hinterher über die Gewinner als Zocker wieder beschweren; Immerhin könnt ihr ja dann euren gehorteten Schnaps selber aus Frust saufen :-)
endbenutzer (18.09.2008, 15:27 Uhr)
@ElPrimo:
"...zu spüren kriegen die folgen wieder mal nur die arbeitnehmer, die rausgeschmissen werden damit die rendite so hoch wie möglich gehalten wird..."
.
Wollen wir uns nichts vormachen: Auch die Kleinanleger wollen immer saftige Dividenden kassieren. Man stelle sich eine Aktionärsversammlung vor, in denen der Vorstandsvorsitzende folgende Frage stellt: Möchten Sie dieses Jahr auf Ihre Dividende verzichten oder sollen wir 1000 Leute entlassen? Auf die Antwort der Anwesenden wäre ich gespannt..
gaga007 (18.09.2008, 15:05 Uhr)
Sicherheiten ...
Bei einem Bankgeschäft sollte die Frage nach Sicherheiten umgekehrt werden - die Bank muß nachweisen, dass sie am nächsten Tag nicht in die Insolvenz geht !
ElPrimo (18.09.2008, 14:48 Uhr)
@ fridolin
das problem ist aber, dass diese sogenannten "investoren" selber nicht wirklich eine abkriegen.
zu spüren kriegen die folgen wieder mal nur die arbeitnehmer, die rausgeschmissen werden damit die rendite so hoch wie möglich gehalten wird. wenn das unternehmen dann letztendlich völlig kaputt ist, wirds verschleudert und diese netten investoren wenden sich dem nächsten gutlaufenden unternehmen zu.
MEHR ZUM ARTIKEL
Milliarden-Unterstützung Notenbanken fluten Markt mit Geld

In der bislang größten Aktion des Jahres haben führende Notenbanken frisches Geld in das kollabierende Finanzsystem gepumpt. Allein von der amerikanischen Zentralbank Fed kommen 180 Milliarden Dollar, die EZB ist mit weiteren 40 Milliarden dabei. mehr...

Finanzkrise Banken in Fusionsnot

Angesichts der Finanzkrise sehen einst solide Banken und Immobilienfinanzierer ihre einzige Rettung in Fusionen und Übernahmen. So wie das US-Investmenthaus Morgan Stanley oder die schottische HBOS, die nun für 15,5 Milliarden Euro von Lloyds TSB aufgekauft wird. mehr...

Kreditkrise Worauf Kleinanleger achten müssen

Die US-Regierung versucht verzweifelt, die Finanzkrise in den Griff zu bekommen. Milliarden werden in den Markt gepumpt, der angeschlagene AIG-Konzern wird verstaatlicht. Ist das Ersparte der Kleinanleger noch sicher? stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen rund um die Krise. mehr...

MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind
Verwandte Fragen

Sie kennen die Antwort? Beantworten Sie die Frage hier oder senden Sie selber eine Frage

 
stern.de in Social Networks
 
Mobil
 
Widgets
 
 
Adobe Flash Player