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18. September 2008, 11:41 Uhr

"Das Kasino wird geschlossen"

Die Finanzkrise hält die Märkte rund um den Globus in Atem. "Nichts wird mehr so sein wie vorher", prognostiziert der Ökonom Heiner Flassbeck. Im stern.de-Interview sagt er, weshalb das gesamte System kollabieren könnte und warum man Managern viel öfter auf die Finger hauen muss.

Die Finanzmärkte sind wie ein Kasino, meint der ehemalige Staatssekretär Heiner Flassbeck© Philippe Renault/Hemis.fr/Laif

Herr Flassbeck, sind Sie persönlich am Aktienmarkt engagiert?

(lacht) Nur ganz wenig und nicht im Finanzsektor.

Würden Sie einem Bürger raten, derzeit mit dem Kauf von Aktien für das Alter vorzusorgen?

Nein, nicht jetzt und auch zu keinem anderen Zeitpunkt.

Warum?

Weil es einfach zu riskant ist. Wir hatten in Deutschland mal so etwas wie einen Generationenvertrag. Die Gesellschaft insgesamt sollte dafür sorgen, dass mit Hilfe einer wachsenden Wirtschaft und steigenden Einkommen eine angemessene Rente für die Alten im Land gezahlt wird.

Wenn stattdessen jeder sein Geld am Aktienmarkt investiert, ist man auf eine gute Portion Glück angewiesen, ob am Ende etwas übrig bleibt oder nicht. Bleibt nur wenig übrig, muss der Staat einspringen. Das ist die Logik der modernen Finanzwelt, wie wir sie gerade in den USA sehen. Am Ende muss immer der Staat die Zeche bezahlen.

Sie müssten sich beim Blick an die Wall Street bestätigt fühlen.

Auf jeden Fall.

In Amerika ist der starke Staat gerade wieder sehr gefragt. Nur er scheint in der Lage, die Finanzkrise unter Kontrolle zu bekommen.

Das ist völlig richtig. Die Amerikaner waren, was den Glauben an die Finanzmärkte betrifft, immer dogmatisch. Im Angesicht der Krise handeln sie aber sehr pragmatisch. Es wäre schön, wenn sie auch schon vorher so pragmatisch gewesen wären.

Vor der Krise hat man bedingungslos an die Märkte geglaubt. Frei nach dem Motto: Die kriegen das von allein hin, die funktionieren und regulieren sich quasi von selbst. Jetzt, wo alles droht zusammenzubrechen, greift der Staat hart und konsequent durch. Man hat erkannt, der Markt kann sich nicht selber heilen. Der Punkt ist nur, es hätte gar nicht so weit kommen müssen.

Ist es auch richtig zu selektieren? Die eine Bank lasse ich hopps gehen, die andere muss ich in jedem Fall retten?

Das ist sehr problematisch, aber wahrscheinlich aus systemischen Gründen notwendig. Bei der einen Bank sind die Folgen einer Pleite nicht kalkulierbar, bei der anderen sind sie dagegen überschaubar. Und bei den Banken müssen auch mal Verluste auflaufen. Die Manager und Investoren müssen merken, dass es so nicht weitergeht. Strafe muss sein, wenn auch dosiert.

Wie hoch schätzen Sie das Risiko, dass das ganze Finanzsystem dominoartig kollabiert?

Es gibt ein großes Systemrisiko. Wir haben einfach jedes Gefühl dafür verloren, was ein kalkulierbares Risiko ist und was nicht. Eine solche Situation kann extreme Folgen nach sich ziehen. Noch ist aber eine genaue Prognose nicht möglich.

Soviel Dollar haben die Banken an Marktwert eingebüßt© stern.de-Infografik

Auch nicht darüber, wann das Ende der Krise erreicht ist?

Wir werden das Ende erst dann erreichen, wenn wir begreifen, dass Finanzmärkte ganz anders funktionieren als Gütermärkte. Wenn wir begreifen, dass Finanzmärkte nicht sich selbst überlassen werden dürfen. Und wenn wir begreifen, dass man Managern, die 25 Prozent Rendite erzielen wollen, viel früher auf die Finger hauen muss.

Derzeit scheint es einen gewissen Lerneffekt in der Branche zu geben…

Bei Josef Ackermann [An. d. Red.: der Vorstandschef der Deutschen Bank] nicht. Er hat erst in der vergangenen Woche gesagt, wir müssen hohe Renditen erzielen, weil die Erwartungen der Investoren wieder steigen. Das muss man sich mal vorstellen, eine Woche bevor es bei Lehman Brothers gekracht hat, sagt Ackermann so etwas in aller Öffentlichkeit. Daran kann man sehen, wie weit die Einsicht reicht.

Er hat nicht begriffen, dass in einer funktionierenden Marktwirtschaft niemand, aber auch wirklich niemand einen Anspruch auf 25 Prozent Rendite hat. Ein Unternehmen hat sich anzustrengen und dann wird man am Ende sehen, wie viel Rendite dabei rausspringt. Die unendliche Gier der Investoren schon im Vorhinein befriedigen zu wollen, stellt das marktwirtschaftliche System auf den Kopf.

Im zweiten Teil des Interviews lesen Sie, welche Fehler die Europäische Zentralbank gemacht hat und wie schlimm es für Deutschland wird.

Zur Person

Zur Person Heiner Flassbeck war Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen unter Oskar Lafontaine und ist derzeit Chefvolkswirt der Welthandels- und Entwicklungskonferenz (UNCTAD)

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