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7. Dezember 2007, 11:13 Uhr

Deutschland lernt Globalisierung

Die Deutschen haben ein gebrochenes Verhältnis zum Kapitalismus, sagt der Sozialethiker André Habisch. stern.de sprach mit ihm über Moral in der Wirtschaft, zu hohe Manager-Gehälter und den Hang der Deutschen zum Pessimismus.

Zoom

Der Liebe Streit ums Geld© vario images

Herr Habisch, unterliegen Manager einer höheren Moral als der normale Bürger?

Nein, sie bekleiden ja auch kein öffentliches Amt. Aber sie tragen aufgrund ihrer Position in der Wirtschaft natürlich eine erhebliche Verantwortung.

Kann sich ein Manager eines Großkonzerns in einer globalisierten Welt überhaupt ethisch und moralisch korrekt verhalten?

Das muss man differenziert beantworten: Es gibt eine persönliche Handlungsebene, auf der ist sich jeder selbst verantwortlich. Und es gibt die Ebene als Manager. Hier geht es darum, die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens zu erhalten und gleichzeitig moralische und gesellschaftliche Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Beides zu vereinen, ist eine Herausforderung für den Manager und dessen Professionalität als Führungskraft.

Zum jetzigen Zeitpunkt als Vorstandschef der Deutschen Post Aktienoptionen auszuüben und mehrere Millionen in wenigen Minuten zu verdienen, zeugt also nicht unbedingt von Professionalität?

Unter Berücksichtigung der aktuellen Diskussion über die Managergehälter ist es natürlich ein äußerst unglücklicher Zeitpunkt gewesen.

Unabhängig vom Zeitpunkt: Wenn Herr Zumwinkel Aktienoptionen einlöst, ist da nicht Neid das vorherrschende Motiv der Kritik?

Das gilt sehr häufig beim Thema Managergehälter. Dabei ist das Gehalt nicht die wichtigste Dimension, wenn über Manager und deren Verantwortung für das Unternehmen und die Gesellschaft diskutiert wird. Wenn ein Vorstandsvorsitzender erfolgreich arbeitet, dann hat er natürlich auch Anspruch auf eine entsprechende Vergütung.

... nur was ist entsprechend?

Das ist eine Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz und deshalb in jedem Land anders. In Amerika akzeptieren die Bürger und auch die Aktionäre ganz andere Gehaltshöhen als in Deutschland.

Die Amerikaner haben einfach eine individualistischere Kultur. Dort gehen die Menschen davon aus, dass Erfolg auch individuell entlohnt werden kann und muss. In Deutschland haben wir eher eine korporatistische Kultur - die Leistung des Unternehmens als Ganzes wird als wichtiger wahrgenommen als die Leistung des einzelnen Managers. Der Erfolg wird stärker in sozialen Bezügen gesehen und nicht nur als individueller Erfolg. Wir haben in Deutschland und Europa eine ganz andere kulturelle Tradition - das hat nicht unbedingt etwas mit Neid zu tun.

Worin liegt die andere Tradition?

Ihre Wurzeln reichen sehr weit zurück: Die amerikanische Kultur ist von Einwandern geprägt - der einzelne erschließt sich seinen Lebensraum ganz unmittelbar. In Europa dagegen war das institutionelle Umfeld immer schon da. Der Einzelne war immer schon Teil einer Kultur, einer Gesellschaft. Das Handeln des Einzelnen wird deshalb auch viel stärker in seinem gesellschaftlichen Kontext wahrgenommen.

Haben die Deutschen nicht eine Art Hassliebe zum Kapitalismus entwickelt?

Ganz bestimmt. Auch das hängt mit der deutschen Geschichte zusammen. Deutschland hat im 19. Jahrhundert eine ganz überstürzte Industrialisierung durchgemacht. 1870 waren wir noch ein Agrarstaat, 1917 schon das zweiwichtigste Industrieland der Welt. Die Kultur des Umgangs mit der modernen Wirtschaftswelt ist dabei aber nicht in gleichem Maße mitgewachsen. Das ist übrigens auch ein Hintergrund für die totalitären Vereinfachungen im 20. Jahrhundert.

Wir haben daher bis heute ein gebrochenes Verhältnis zum Kapitalismus: Wir sind Exportweltmeister und gleichzeitig extrem kritisch gegenüber der Ökonomie als Ganzes. Die deutsche Geschichte wirkt in der Debatte über Manager-Gehälter bis heute nach. Es hat sich aber im Rahmen der Globalisierung schon eine Menge verändert. Die Diskussion wäre vor fünf Jahren noch ganz anders verlaufen - viel schärfer und mit mehr Emotionen. Wir lernen Globalisierung.

Zur kritischen Distanz gegenüber dem Kapitalismus gesellt sich dann auch noch eine gesunde Portion Pessimismus.

Ja, ich würde es aber anders bezeichnen: Ein Volk, das so viele Katastrophen erlebt und sie auch intensiv aufgearbeitet hat, wird kritischer. Deutschland hat eine gesunde Selbstkritik entwickelt. Und das kann wieder als Stärke interpretiert werden. Manche Völker und Kulturen verrennen sich in einer gewissen Selbstgefälligkeit und Überheblichkeit. Das kann Deutschland so schnell nicht wieder passieren.

Was würden sie einem Manager raten, wie sollte er sich im Rahmen dieser Gehälter-Debatte verhalten?

Er sollte sich um eine gute Argumentation bemühen und versuchen, das Gehaltschema stärker transparent zu machen. Wie hoch ist der feste Gehaltsbestandteil, wie hoch ist der variable? Wendelin Wiedeking wurde in der Öffentlichkeit nur moderat kritisiert, obwohl er der Manager mit dem höchsten Gehalt in Deutschland ist. Er hat es einfach besser transparent gemacht. Manager müssen lernen, ihre Gehälter und die dahinter stehenden Konzepte besser zu vermitteln.

Angriff ist die beste Verteidigung?

Transparenz ist das beste Instrument, der Kritik zu begegnen. Darüber hinaus muss die Devise lauten: begründen, begründen, begründen. Hier sind viele Manager noch nicht professionell genug.

Interview: Marcus Gatzke

Zur Person

Zur Person André Habisch ist Professor für christliche Sozialethik und Gesellschaftspolitik an der katholischen Universität Eichstätt. Seine Forschungssschwerpunkte sind Sozialkapitaltheorie, Gesellschaftspolitik und Wirtschafts- und Unternehmensethik.

KOMMENTARE (10 von 29)
 
Master.Frodo (10.12.2007, 09:57 Uhr)
Verantwortund
"Verantwortung bedeutet, die Folgen für eigene oder fremde Handlungen zu tragen."
Ich bin doch über das Argument "Manager haben eine erhebliche Verantwortung" immer wieder sehr erstaunt. Nach der oben gegebenen Definition von Wikipedia hat ein Manager zunächst eine Verantwortung gegenüber sich selbst. Es verhält sich an dieser Stelle aber genau so, wie ein kleiner Mitarbeiter: Baut er Mist, ist er weg. Falls dies die Gehälter rechtfertigt, dann wäre ich aber mal für ein paar Lohnsteigerungen...
Ein Manager könnte aber auch Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern und natürlich den in Konzernen sehr geliebten Aktionären haben (die meist wichtiger sind, als die Mitarbeiter: Siehe Telekom) haben. Dieser Verantwortung kommen Manager aber leider nicht nach. Die Folgen des Handelns eines Managers, falls er verantwortungslos handelt sind hier eng verknüpft mit den Konsequenzen aus einem persönlichen Scheitern (Der Gewinn stimmt nicht) -> Er muss gehen. Aber sorry, wenn einem ein Abgang derart versüßt wird, wenn man seinem Job nicht anständig macht, wie es bei Managers der Fall ist, dann kann hier von Verantwortung auch nicht mehr die Rede sein -> Einem normal Bürger würde allein mit der Abfindung nichts mehr weh tun.
Oder man macht es wie ein gewisser Chef der Deutschen Bank und entlässt Mitarbeiter. Was interessieren hierbei denn die paar Familien, die kein Einkommen mehr haben? Verantwortung? Fehlanzeige.
Ich bin selbstverständlich dafür, dass gute Arbeit anständig bezahlt werden soll. Die Höhe eines Managergehalts lässt sich tatsächlich über die Verantwortung begründen, sofern er dieser auch NACH seiner Zeit in einem Unternehmen nachkommen muss. D.h. er kann für seine Taten in einem Konzern noch nachträglich belangt werden. Dann würde er Verantwortung übernehmen!
So wie es jetzt gelebt wird, ist es doch unter dem Strich nur ein internationaler Wettstreit, wer die höheren Gehälter zahlen und damit die "besten", sagen wir namenhaftesten Vorstände verpflichten kann (Im Fußball findet es sich auch -> nur da beschwert sich keiner, weil noch keiner direkt von einer Niederlage direkt einen Schaden erleidet). Bei diesem Spiel ist nur eine gewisse Bevölkerungsschicht der Nutznießer.
Der Gesetzgeber sollte - anstatt die Gehälter begrenzen zu wollen - vielleicht mal über einer Haftbarkeit eines Managers nachdenken. Ich denke, damit wäre mehr gedient.
ganzbaf (08.12.2007, 12:41 Uhr)
Immer wieder Schreibfehler. Richtig: KLO-balisierung...;-P
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gmathol (08.12.2007, 00:44 Uhr)
@Putinki
...arbeitet uebrigens im oeffentlichen Dienst! Eine Bekannte die auch dort arbeitet hat gesehen wie er in der Mittagspause den Internet-Anschluss dort benutzt um seine Kommentare zu veroeffentlichen.
@Dudu - ...es stimmt einfach nicht das in Uebersee Manager oder CEO's fuer ihre Fehlentscheidungen oder Fehler verantwortlich gemacht werden. Verfolgen Sie doch bitte mal Bloomberg, da gibt es Abfindung in astronomischen Hoehen.
Die Globalisierung hat Deutschland schon lange erreicht: die Einkommen aus unselbststaendiger Arbeit sinken staendig, hinzu kommt auch wieder eine Inflation die durch die Erhoehung der Geldmenge durch die Zentralbanken getrieben wird. Von wegen Nur Lohn-Preis-Spirale, aber selbst das kann man auf Bloomberg nachlesen und niemand wird behaupten das Bloomberg anti kapitalistisch waere.
Nobilitatis (07.12.2007, 19:28 Uhr)
Vorschlag zur Güte
Die Manager werden entsprechend der Gehaltsstruktur in ihren Unternehmen bezahlt - also etwas mehr als die leitenden Angestellten, entsprechend dem Abstand zu mittleren Angestellten.
Darüber hinaus erhalten Sie die Möglichkeit, sich am Unternehmen zu beteiligen und damit an ihrer Arbeit zu partizipieren.
Arbeitsplätze entstehen ja sowieso nur, wenn sich die geleistete Arbeit lohnt.
Miksz (07.12.2007, 17:01 Uhr)
@ Putinki
Mensch, ganz Afrika, Südamerika, Schwellenländer und 3. Weltländer alles nur Faulenzer und Misfits die aus Ihrem Leben nichts machen in der schönen Kapitalismuswelt !?
Putinki (07.12.2007, 16:54 Uhr)
Gebrochenes Verhältnis
Das können nur die Harz IV Empfänger sein. Jeder, der aus seinem Leben und Talenten etwas machen will, kann es nur mit dem Kapitalismus. Bei alle anderen Ideologien heißt es, Faulenzer und Misfits mit zu schleifen. Es kommt also auf die "kritische" Masse an. Je mehr Misfits, desto höher die Kapitalismus Aversion. Diese Formel stimmt immer auf für Verhältnissen zu Lehrern, Vorgesetzten, erfolgreichen Menschen, Nebenbuhler, etc. Der Ausweg ist gemein hin das Jammern oder ernergischer das Klauen.
ceterumcenseo (07.12.2007, 15:23 Uhr)
Judasgeld
Rücksichtsloses Löhne- und Arbeitsplatzrasieren - die einzige Innovation, die unseren BWL-Bubis (siehe z.B. René Obermann) einfällt und für die sie mit Silberlingen überhäuft werden, sind ihres Lohnes wert. Katholisch nennt man das allerdings Judaslohn, Herr Habisch!
Miksz (07.12.2007, 15:15 Uhr)
sinvolle Gewinne???
natürlich ist ein Manager in erster Linie dem Unternehmen und den Shareholdern verantwortlich. Nur was bitte schön hat eine Abzockmentalität mit Verantwortung zu tun??? Worin liegt der Sinn daß ein Unternehmen, bzw. deren Manager frohlocken und feiern, das man 4 Milljarden EUR Gewinn erwirtschaftet hat aber gleichzeitig 15.000 Menschen ins soziale Abseits schickte. für 720 Milljonen weniger Gewinn hätte man diese 15000 Menschen für 4000 EUR Brutto weiter beschäftigen können. Das wirft tatsächlich die Frage auf wieviel ist genug oder wieviel ist zu viel.
Alex64 (07.12.2007, 14:45 Uhr)
Und nochmal
kralli - "... lassen sie uns doch an IHRER Weisheit teilhaben - oder sind sie nur hier, um wie andere ihren eigenen Sozialneid und Frust abzureagieren?"
Oder können sie nur andere zitieren und haben gar keine spezifisch eigene Meinung, die vom allgemeinen Mainstream abweicht, der anscheinend von Sozialneid und rechtlich unbedarften Wunschvorstellungen einer "heilen" sozialen Welt geprägt ist, in der nicht Leistung sondern Zugehörigkeit belohnt wird?
Und wenn sie eine Meinung zu meinem sozialen Status haben und auch nicht umhin können, diese zu äussern ohne auch nur einen Satz zum Thema beizutragen, kann es ihnen wohl denn doch nicht so völlig egal sein.
kralli19 (07.12.2007, 14:18 Uhr)
Kein Neid...
@ Alex64
...auf sie bestimmt nicht. An ihrer Antwort kann ich sehen, das sie es anscheinend nicht verstanden haben. WAS sie sind, ist mir völlig egal, und es war kein raten, sondern eine Meinungsäußerung bezüglich ihrer Kommentare und Beweggründe.
Um mal einen aus einem anderen Forum zu zitieren:
" Zitat von emslander Beitrag anzeigen
Im Gegensatz zum Raubtierkapitalismus primitiverer Gesellschaften wird im entwickelten "eingehegten" Kapitalismus der intelligente, kreative und umsichtige Unternehmer belohnt und nicht derjenige, der sich - ohne sinnvolle Marktstrategien und planvolle Organisation - nur durch größtmögliche Brutalität, Raffgier und Menschenverachtung über andere erheben will."
Aber danke für ihre Besorgnis über meinen Gemütszustand, kann sie beruhigen: Habe eine erfüllende Arbeit, mir gehts gut.
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