Der Geheimniskrämer

25. Februar 2004, 19:42 Uhr

Wer jemals bei Aldi oder Tchibo war, kennt die Computer, Fernseher und Trimmräder von Medion - immer günstig und oft gut. Den Gründer des Unternehmens kennt keiner - denn Gerd Brachmann scheut die Öffentlichkeit

Wenn es bei Aldi billige Medion-Computer gibt, herrscht - wie hier in Hamburg - ein Gedränge wie im Schlussverkauf©

Der Gänsemarkt in Essen ist keine feine Adresse. Ex-Pornosternchen Dolly Buster betreibt hier einen Sexshop. Dealer schätzen die düstere Seitenstraße der Fußgängerzone für ihre Geschäfte. Das Erdgeschoss des Hauses Nummer 16-18 beherbergt eine Videothek. "Medion" steht mit billigen Lettern darüber. Hier gibt es Kinohits für jeden Geschmack und Hardcore für jede Geschmacksverirrung. Außerdem verhökert die Dame hinter dem Tresen Computer, Monitore und Fernseher. "Aus Restbeständen", sagt sie. Es sind die Restbestände von Gerd Brachmann, 44. Ihm gehören sieben Videotheken im Ruhrgebiet. Ihm gehört einen Stock höher ein schick renoviertes Büro. Und ihm gehört eines der derzeit erfolgreichsten Unternehmen der Republik, das er von hier aus steuert: Medion. Größter deutscher Hersteller für Computer- und Unterhaltungselektronik. Haus- und Hoflieferant von Aldi. Umsatz: gut drei Milliarden Euro. Gewinn: 106 Millionen.

Vom schäbigen Essener Gänsemarkt aus hat Brachmann in 21 Jahren ein perfekt funktionierendes Dienstleistungsunternehmen geformt. Ob Computer, Flachbildschirme, Digitalkameras, Stereoanlagen, Camcorder, Nähmaschinen, Sektkühler, Trimmräder, elektrische Korkenzieher oder Schnäppchenreisen: Medion liefert, was der Markt verlangt. Das Produktverzeichnis ist so dick wie ein Otto-Katalog. Millionen Deutsche benutzen Geräte von Medion. 25 Markennamen hat Brachmann international schützen lassen - darunter "Lifetec" für Aldi, "TCM" für Tchibo, "Cybercom" für Metro und "Life" für Toys'R'Us. Zehn Millionen Medion-Geräte gingen im vergangenen Jahr weg.

Finanzvorstand Christian Eigen, 38, ist der Sparkommissar des Konzerns©

Trotz des atemberaubenden Erfolgs - oder gerade deshalb - tut Medion-Gründer Brachmann, dem noch immer 56 Prozent an der inzwischen börsennotierten Aktiengesellschaft gehören, alles, um ein Nobody zu bleiben. Der Milliardär gibt zwar gern den geschwätzigen Kumpel, wenn er durch die Firmenflure streift. Jedoch: Keine Interviews! Keine öffentlichen Auftritte! Erst recht keine Fotos! Als Medion-Kollegen Bilder von einer Firmenfeier im Intranet veröffentlichen wollten, ließ der Chef Motive mit seinem Konterfei aussortieren. Ein merkwürdiges Verhalten für den Vorstandsvorsitzenden eines Konzerns, der an der Börse notiert ist.

Durch die Geheimniskrämerei umgibt ihn eine ähnlich mystische Aura wie seine beiden Hauptkunden, die Aldi-Brüder Theo und Karl Albrecht. Brachmann, der Fantomas der Unterhaltungselektronik. "Der Gerd hat als ganz kleiner Junge angefangen", versucht Werner Sachse, der Sicherheitschef von Medion, die Öffentlichkeitsscheu seines Chefs zu erklären. Sachse ist Mitte 50, ein stämmiger, grauhaariger Mann mit reichlich Verkäufercharisma, der früher selbst "in Elektrowaren gemacht" hat. Heute geleitet er die seltenen Besucher durch die abgeschottete Firma.

Er kennt Brachmann eine Ewigkeit, ist "dem Gerd dankbar", dass er ihm auf die alten Tage den Posten verschafft hat. Er erzählt, wie sie früher gemeinsam Geschäfte gemacht haben, "auch mit dem Detlef und dem Werner". Detlef und Werner gründeten dann später in Bochum den Autozubehörtempel D & W, wo seither halb nackte Krankenschwestern und Cowgirls triebgesteuerten Männern Endrohre und Lackpflegesets verkaufen.

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