Geht's ohne Gates?

5. April 2007, 14:09 Uhr

Wenn der Microsoft-Gründer 2008 ausscheidet, hinterlässt er ein Riesenproblem: Das Erfolgsmodell des Software-Giganten ist in Gefahr - trotz zehn Milliarden Euro Jahresgewinn. Gates' Nachfolger wollen - und müssen - den Riesen neu erfinden Von Karsten Lemm und Thomas Borchert

Bill Gates, Firmengründer und Übervater von Microsoft, hat seinen Abschied für Mitte kommenden Jahres angekündigt©

Er tritt ab. Bill Gates, der Gründer von Microsoft. Der Vordenker, das Aushängeschild. Nächstes Jahr ist er weg. Der reichste Mann der Welt will sich ganz darauf konzentrieren, den größten Teil seines Milliardenvermögens für wohltätige Zwecke wegzugeben. In Afrika finanziert er den Kampf gegen Malaria, in den USA die Renovierung des Bildungssystems. Die Fußstapfen, die er hinterlässt, sind so groß, dass gleich zwei Leute hineintreten sollen: Craig Mundie, zuständig für Forschung und Firmenstrategie, und Ray Ozzie, der oberste Software-Entwickler.

Und eigentlich sieht es so aus, als hätten die zwei einen leichten Job. Als hätte Übervater Gates sein Erbe gut bestellt. Gerade sind die zwei großen Säulen des Microsoft-Imperiums grunderneuert worden: Das Betriebssystem Windows, das 92 Prozent aller Personal Computer auf der Welt antreibt, ist vor sechs Wochen in der neuen Version Vista erschienen, und das Paket Office, dessen Textverarbeitung, Tabellensoftware und Mailprogramm in fast allen Büros dieser Welt läuft, gibt es nun als Office 2007. Kaum etwas steht auf der Computermesse Cebit in Hannover in diesen Tagen so im Vordergrund wie diese zwei Neuerscheinungen: Das gesamte Ökosystem an Firmen, das sich um den PC und damit um Microsoft herum entwickelt hat, präsentiert die passenden Geräte und Programme.

Experten warnen

Alles sieht gut aus. Und dennoch lautet das Urteil vieler Experten ganz anders: Das Erfolgsmodell des Riesen sei in größter Gefahr, warnen sie. Wolle die Firma in Zukunft bestehen, müsse sie sich neu erfinden. "Microsoft kämpft darum, seine Bedeutung nicht zu verlieren", sagt etwa der Zukunftsforscher und Stanford-Professor Paul Saffo. Klingt verwunderlich, ist es aber nur auf den ersten Blick. Zwar erwirtschaftet Microsoft immer noch 10 Milliarden Euro Gewinn pro Jahr bei 34 Milliarden Euro Umsatz. Doch diese Zahlen haben einen gewaltigen Haken: Fast 90 Prozent seines Gewinns verdient Microsoft mit nur zwei Produkten - Windows und Office. Seit Bill Gates und sein Schulfreund Paul Allen das Unternehmen 1975 gründeten, ist das Geschäftsmodell ganz auf den Siegeszug des PC ausgerichtet - es gab nur eine Vision: "Wir wollten dafür sorgen, dass eines Tages auf jedem Schreibtisch und in jeder Wohnung ein PC steht", erinnert sich Nathan Myhrvold, Microsofts langjähriger Chefingenieur. "Und das haben wir geschafft."

Doch der PC ist dabei, seine Stellung als Alleinherrscher im digitalen Reich zu verlieren - und zwar womöglich schneller, als ein Software-Riese mit 70.00 Angestellten darauf reagieren kann. Mobiltelefone verschicken E-Mails, Spielekonsolen surfen im Internet, Stereoanlagen spielen Onlineradio. Ob dahinter Microsofts Windows steckt, ist den Nutzern egal, solange die Geräte tun, was sie sollen. Und sie sollen vor allem eines: online sein. Das Internet wird zum zentralen Verbindungsglied. Kleine Firmen haben sich schnell an diese neue Situation angepasst, der Software-Gigant hängt hinterher. "Bill Gates weiß, dass Microsoft sich ändern muss", sagt Paul Saffo, "aber im Herzen hängt er immer noch an der Vorstellung, dass Betriebssysteme wirklich wichtig sind." So konzentrierten sich Tausende von Programmierern fünf Jahre lang darauf, das neue Windows Vista zu entwickeln - eine Herkulesarbeit, die mehr als fünf Milliarden Euro verschlang und den Blick der Firma davon ablenkte, dass sich im Internet eine Revolution vollzog. Wieder einmal: Schon Anfang der 90er Jahre verschlief Microsoft das World Wide Web; die Firmenstrategie wurde erst im letzten Moment von Bill Gates in einem Kraftakt gedreht.

Im amerikanischen Redmond bei Seattle erstreckt sich das "Campus" genannte Microsoft-Hauptquartier fast bis zum Horizont©

Doch diesmal ist Gates auf dem Weg nach draußen, und die Revolution fängt gerade erst an. Aus dem statischen WWW ist das Mitmachnetz geworden, und eine neue Generation von jungen, agilen Dot-com-Firmen führt vor, wie sich mit Onlinediensten richtig viel Geld verdienen lässt. Ob die Videothek Youtube, das Bilderalbum Flickr oder die Teenie-Gemeinde Myspace - sie alle funktionieren nach dem Prinzip, möglichst viele Nutzer zu gewinnen, denen man Anzeigen vorsetzen kann. Dieser Werbemarkt wächst um 20 bis 30 Prozent im Jahr. "Die meisten bei Microsoft verschwenden kaum Gedanken an das Internet", sagt Robert Scoble, bis vor Kurzem selbst ein hochrangiger Manager in Redmond "man hat sie ja eingestellt, um Windows und Office zu entwickeln."

Neue Technik erlaubt es außerdem, mit Internetprogrammen zu arbeiten, als wären sie auf dem eigenen PC installiert: Plötzlich sieht die E-Mail im Internetbrowser so aus wie Outlook - Menüs und Ordner klappen auf, Dokumente lassen sich mit der Maus verschieben. Viele andere Onlineanwendungen funktionieren genauso dynamisch: Kalender, Textverarbeitungen, Datenbanken. Im Grunde alles, was bisher die Spezialität von Microsofts Office war. Nur muss man viel weniger zahlen: manchmal eine geringe Abo-Gebühr, meistens aber gar nichts, weil die Dienste durch Werbung finanziert werden. "Software als Service", heißt das: Die Programme liegen im Internet und nicht auf dem Schreibtischrechner. Sie werden nicht teuer gekauft, sondern gemietet, wenn man sie gerade braucht.

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