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Arbeiten, wo und wann man will

Starre Arbeitszeiten von 9 bis 17 Uhr sind überholt. Denn gute Arbeit ist orts- und zeitunabhängig. Deshalb schafft Microsoft die Büropflicht ab - doch diese Idee hatten schon andere Arbeitgeber.

Von Katharina Grimm

  Anwesenheitspflicht im Büro? Vollkommen überholt! Das erkennen auch zunehmend die Unternehmen und lockern die Arbeitsstrukturen.

Anwesenheitspflicht im Büro? Vollkommen überholt! Das erkennen auch zunehmend die Unternehmen und lockern die Arbeitsstrukturen.

Jeden Tag der gleiche Trott: Morgens, natürlich pünktlich, schlurft man ins Büro, mittags in die Kantine und abends wieder nach Hause. Montag bis Freitag. Wer besonders viel zu tun hat - oder gerne möchte, dass Kollegen und vor allem Vorgesetzte das glauben - bleibt bis spät in die Nacht am Schreibtisch kleben. Schon nachmittags das Kind aus der Kita abholen? Ein Karrierekiller.

Dass solch starre Strukturen nicht die Zukunft der Arbeit sein können, hat Microsoft verstanden. Schon 1998 hatte der Konzern feste Arbeitszeiten abgeschafft. Nun wird auch die Anwesenheitspflicht im Büro gekippt. Die Mitarbeiter sollen künftig arbeiten, wann und wo es ihnen gefällt.

"Easy Economy" heißt das heute im Management-Sprech, was man früher "Telearbeit" nannte. Arbeit ist nicht mehr an Raum und Zeit gekoppelt, sondern ist dank dem technischen Fortschritt losgelöst - und dennoch hochkommunikativ. Und menschlicher, denn Mitarbeiter können selbst festlegen, wie lange sie arbeiten wollen und vor allem: wann. "Anwesenheit sagt nichts über die Qualität der Leistung von Mitarbeitern aus, sondern liefert häufig sogar ein falsches Bild“, sagt Microsoft-Personalchefin Elke Frank.

Freiheit für alle!

"Arbeit ist etwas, das man tut, nicht ein Ort, an den man geht", schreiben Cali Ressler und Jody Thompson, Personalerinnen und Buchautorinnen. Die beiden haben das Programm ROWE, genauer: "Results only work environment" entwickelt. Zu Deutsch: eine Arbeitsumgebung, in der nur das Ergebnis wichtig ist. Sie gehen davon aus, dass die Kenngrößten Arbeit und Produktivität bisher falsch berechnet wurden. "Wir haben gelernt, dass Fleiß in Stunden gemessen wird, Effizienz in Anwesenheit und Einsatzbereitschaft anhand der Menge von Privatleben, die wir bereit sind, unserem Job zu opfern", so die Autorinnen. Doch genau das sei falsch.

Denn dank der modernen Technik können wir Mails auf dem Smartphone lesen, Konferenzen können auch per Videoübertragung aus dem heimischen Wohnzimmer geführt werden und erreichbar sind Mitarbeiter sowieso. Die Freiheit selbst zu entscheiden, wann und wie viel man arbeiten möchte, nimmt auch Rücksicht auf die eigene, innere Uhr und die familiäre Situation. Das Kind muss aus der Kita abgeholt werden und will danach spielen? Dann sollte man spielen dürfen - die Präsentation kann auch abends gemacht werden, wenn der Nachwuchs längst schläft. Und Frühaufsteher und Nachteulen arbeiten in ihren produktiven Hochphasen.

Arbeitsplätze sind schädlich

Außerdem: Die An- und Abreisezeit zum Arbeitsplatz würde wegfallen - und damit könnte man sogar die Umwelt entlasten. Der Blog Wirelesslife rechnet es vor: "Jeden Tag eine halbe Stunde bis zur Arbeit, das bedeutet nicht nur täglich eine Stunde wertvolle Lebenszeit, sondern auch 1,7 Tonnen produziertes CO2 pro Jahr pro Pendler. Einer Studie des Berliner Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung zufolge wird die konsequente Nutzung von neuen Kommunikationstechnologien den Berufsverkehr um 30% reduzieren."

Auch andere Firmen schaffen Büropflicht ab

Microsoft ist nicht das erste Unternehmen, das seine Mitarbeiter in die Freiheit entlässt. Der Politologe und Buchautor Markus Albers nennt diese Mitarbeitergruppe "Freiangestellte". Und die finden sich auch bei SAP - wo viele Büros einfach leer stehen, weil die Mitarbeiter selten miteinander persönlich kommunizieren, aber per Mail und Smartphone zu erreichen sind. Die Mitarbeiter in der Verwaltung des BMW-Werks in Leipzig sind mit Mobiltelefonen ausgestattet. Wer dort anruft, landet eventuell auf einem Kinderspielplatz, in der Kunsthalle oder im heimischen Home-Office - gearbeitet wird trotzdem. Auch die Deutsche Bank hat die Vorteile der "Easy Economy" erkannt und Mitarbeiter mit Technik ausgestattet, damit diese von überall arbeiten können.

Arbeit, nicht Ausbeutung

Gewerkschaften warnen vor der Flexibilität. Was auf den ersten Blick wie die absolute Freiheit im Arbeitsleben aussieht, kann auch zur Ausbeutung werden, wenn Mitarbeiter ständig erreichbar sind. Wer dauerhaft Vollgas im Job gibt, kann auch einfach vollkommen überlastet sein. Doch das kommt beim Chef dann nicht an - schließlich buckelt der Mitarbeiter ja zu Hause oder im Café zu viel. Microsoft hat die Angestellten angehalten, genau auf die Arbeitszeit zu achten - und bei Überlastung zu reagieren.

Die Zukunft der Arbeit scheint klar umrissen. Die junge Generation wünscht sich Freiheit und Selbstbestimmung - und durch den zunehmenden Fachkräftemangel werden Unternehmen künftig umdenken müssen. Die Analysten der "Future Foundation" haben in einem Report eine klare Vision für das künftige Arbeiten:"Wir werden im Jahr 2020 nicht mehr zur Arbeit gehen. Wir werden unsere Arbeit einfach machen."

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