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Kopf.Geld.Freund

Kurz vor seiner Verhaftung in Italien traf der abgetauchte Hedgefonds-Manager Florian Homm auf seinen Kopfgeldjäger. Mitten in München. Angeblich, um ihn zu engagieren.

Von Jens Brambusch

  Florian Homm (r.) und Kopfgeldjäger Josef Resch in München.

Florian Homm (r.) und Kopfgeldjäger Josef Resch in München.

  • Jens Brambusch

Florian Homm isst kalten Fisch. Einen gemischten Vorspeisenteller hat er gewählt, dazu etwas Stangenbrot. Er sitzt am Münchner Hauptbahnhof, bei Gosch. Es ist warm an diesem Dienstagmittag, Anfang März. Seine Jacke hat er abgelegt, den obersten Knopf seines weißen Hemdes geöffnet. Deutschland berüchtigtster Hedgefonds-Manager wirkt gelöst. Keine Maskerade, kein Versteckspiel. Die Bodyguards, die ihn in den vergangenen Wochen und Monaten schützen sollten, sind nicht zu sehen. Homm, seit mehr als fünf Jahren auf der Flucht vor den US-Behörden und geprellten Anlegern, scheint sich sicher zu fühlen. Und das mitten in Deutschland.

Ihm gegenüber sitzt ein kräftiger Mann in einem dünnen Strickpulli. "Flori" und "Sepp" nennen sich die beiden, plaudern lange - eineinhalb Stunden. Dann, kurz bevor sie sich verabschieden, schreibt "Sepp" seine private Mailadresse auf das Reiseticket von Florian Homm. Der ahnt nicht, dass es sein Ticket ins Gefängnis ist. Es sind seine letzten Momente in Freiheit.

Drei Tage später wird Florian Homm in Florenz verhaftet. Bei einem Museumsbesuch in den Uffizien, zwischen den Meisterwerken von Raffael, Michelangelo und da Vinci, vor den Augen seiner aus den USA angereisten Ex-Frau und seines Sohnes. Das FBI hat laut italienischen Medien der Polizei den entscheidenden Tipp gegeben. Zwei Tage vor der Verhaftung erließ die USA Haftbefehl. Homm soll in den USA der Prozess gemacht werden. Wird er ausgeliefert und verurteilt drohen ihm bis zu 25 Jahren Haft. Es ist das abrupte Ende einer filmreifen Flucht, die skurriler nicht hätte sein können.

Enfant terrible der deutschen Finanzszene

Mythen rankten sich um Homm, den Großneffen des legendären Versandhauskönigs Josef Neckermann. Mal sollten ihn die Hells Angels jagen, mal hieß es, er sei tot. Dann wieder hieß es, er arbeite als Finanzexperte für Drogenbosse in Südamerika. Er sollte sich sogar das Gesicht operiert haben lassen, um unentdeckt zu bleiben.

Der 53-Jährige war das Enfant terrible der deutschen Finanzszene, der Inbegriff der skrupellosen Heuschrecke. Reich an Millionen, aber arm an Charakter. Er galt als härtester deutscher Corporate Raider, der Unternehmen enterte, um sie dann zu plündern. Über Nacht wurde er bekannt, als er 2004 beim Bundesligisten Borussia Dortmund einstieg. Mit 25 Prozent Aktienanteil fühlte er sich als Mr Borussia. Mit Leerverkäufen scheffelte er Millionen, vergoldete fallende Kurse. Doch dabei ging es nicht immer mit rechten Dingen zu. Die Kursverluste redete er herbei, streute Gerüchte und negative Analysen, etwa beim Autovermieter Sixt oder beim Immobilienkonzern WCM. Mit diesen Tricks stieg er zu einem der reichsten Deutschen auf - und verschwand plötzlich über Nacht. Seit 2007 ist er auf der Flucht, vor Behörden, Anlegern und ehemaligen Freunden aus der Finanz- und Halbwelt, die ihn jagen ließen. Homm wird Betrug bei Wertpapier-Geschäften in großem Stil vorgeworfen. Die US-Börsenaufsicht SEC verlangt von ihm rund 56 Millionen Dollar. Zudem ermitteln die Strafverfolgungsbehörden in Los Angeles gegen ihn – wegen Verschwörung und Betrug. Homm soll für Verluste von Investoren seiner ehemaligen Hedgefondsgesellschaft Absolute Capital Management in Höhe von 200 Millionen Dollar verantwortlich sein.

Den Höhepunkt erreichte die abenteuerliche Jagd auf Homm, als im Mai vergangenen Jahres Privatermittler Josef Resch in einem mehrsprachigen Youtube-Video 1,5 Millionen Euro Kopfgeld präsentierte – ausgesetzt von geprellten Anlegern. Im November sagte Homm gegenüber Capital, die "menschenverachtende Jagd" habe sein Leben im Untergrund unmöglich gemacht. Deshalb habe er die Öffentlichkeit gesucht, indem er ein Buch (Kopf.Geld.Jagd) schrieb, das Ende vergangenen Jahres erschien: Seine Autobiografie, über sein Wirken als Finanzhai, seine Flucht und vor allem über seine – mehr oder weniger glaubhafte - Läuterung im Untergrund. Er versprach, sich den Behörden zu stellen. Doch die sind ihm nun zuvorgekommen.

Der Kopfgeldjäger, dem Homm in seinem Buch unterstellt, er würde auch vor Folter nicht zurückschrecken, um für dessen Auftraggeber an seine Millionen zu kommen, ist "Sepp" – der Mann vom Münchner Hauptbahnhof. Homm selbst hatte um das Treffen gebeten, er wusste also, wen er traf. Nur warum? Seit Monaten lief die Anbahnung. Zunächst per Telefon, aus dem sicheren Exil. Capital hatte die Gelegenheit, damals zuzuhören.

Zahnloses Streitgespräch in Peter Hahnes Talkrunde

Homms Intention: Er wollte wissen, wer Reschs Auftraggeber sind, wer die Maulwürfe aus seinem Umfeld. Offiziell hatte Resch zu diesem Zeitpunkt die Fahndung längst nach Homm eingestellt, seine Auftraggeber hatten einen Rückzieher gemacht. Also versuchte Homm den Spieß umzudrehen. Jetzt bot er Geld für Infos. Aus "Capital" und der "Financial Times Deutschland" hatte er von seinen Aufenthaltsorten, von Treffen mit Familienangehörigen erfahren. Dinge, die nur wenige wissen konnten. Er war verunsichert. Wer ist der Verräter in seinen Reihen? Diese Frage ließ ihn nicht ruhen.

Drei Tage vor dem ominösen Treffen in München, trat Homm in der ZDF-Talkrunde von Peter Hahne auf. "Eurokrise: Finanzhai trifft Sozialistin" lautete der Titel des zahnlosen Streitgesprächs mit Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht. Als Hahne fragte, ob Homm nicht Angst habe in der Livesendung aufzutreten, sagte Homm verschwörerisch, sein Abgang sei sorgfältig geplant. Er fühlte sich anscheinend sicher. Aus dieser Sicherheit heraus, hatte er tags zuvor auch Resch kontaktiert, das Treffen in München vorgeschlagen.

War das Homms Verhängnis? Hat Resch dem FBI den alles entscheidenden Tipp gegeben? Das zumindest vermuten anscheinend Homms Helfer. Seit der Verhaftung bekommen Resch und sein Partner, der ehemalige Marinetaucher Mossi, Drohanrufe. Aber der Privatermittler blockt ab. "Meine Mandanten haben mir das Mandat bereits vor Monaten entzogen", sagt er einsilbig. Das Treffen in München habe auf ausdrücklichem Wunsch Homms stattgefunden. Doch was haben die beiden 90 Minuten lang besprochen? "Wir haben eine Art Burgfrieden geschlossen", sagt Resch. Homm habe sogar erwogen, ihn zu engagieren. Für seine Verteidigung. Schließlich habe Homm damals nicht ohne Netzwerk agiert. Auch Banken hätten mitgespielt. "Homm wollte die Strippenzieher bloßstellen", sagt Resch. Dafür sollte Resch Beweise sammeln und auswerten. Homm stellte umfangreiches Material in Aussicht.

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