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Spitzeln hat in Deutschland System

Wer bislang dachte, Bespitzelungsskandale wie die bei der Bahn oder der Telekom seien Einzelfälle, wird nun eines Besseren belehrt. Nach Recherchen des stern ist die Mitarbeiterüberwachung in Deutschlands Unternehmen weit verbreitet - ob bei Konzernen oder im Mittelstand.

  Spazierengehen trotz Krankmeldung? Das interessiert den Chef und er setzt womöglich einen Privatdetektiv ein

Spazierengehen trotz Krankmeldung? Das interessiert den Chef und er setzt womöglich einen Privatdetektiv ein

Deutsche Unternehmen lassen Mitarbeiter in bislang ungeahntem Ausmaß überwachen. So setzen viele Arbeitgeber systematisch Detektive auf Beschäftigte an - etwa im Krankheitsfall oder zur Kontrolle von Außendienstlern. Das berichtet der stern in seiner neuen, am Donnerstag erscheinenden Ausgabe.

Dem Magazin liegen die vertraulichen Protokolle von Dutzenden Detektiveinsätzen vor, bei denen Arbeitgeber Angestellte beschatten ließen. Der Raststättenbetreiber Tank & Rast etwa engagierte genauso Privatermittler wie eine Tochter des Industriekonzerns Evonik und die Fluggesellschaft Air Berlin. Selbst kleine Familienbetriebe wie etwa eine Gärtnerei in Troisdorf und eine Apotheke in Siegen setzten nach stern-Erkenntnissen Detektive ein; die Müllabfuhr in Bochum, die mittelständische Chemiefirma ISL und die Pharmafirma Orthomol ebenfalls. Die Arzneimittelhersteller Betapharm und Medice wiederum ließen ihre Außendienstler kontrollieren.

Observationen von Mitarbeitern können bei begründetem Verdacht berechtigt sein. Die Detektivprotokolle legen jedoch den Eindruck nahe, dass die Aktionen in vielen Fällen nur einem Zweck dienen: einen Kündigungsgrund zu finden. Das Magazin hat dem Bundesbeauftragten für Datenschutz, Peter Schaar, eine Reihe von Protokollen vorgelegt. Sein Urteil: "Oft fehlt es an einem konkreten Verdacht gegenüber dem Mitarbeiter. In solchen Fällen dient eine Observation nur dazu, einen Anlass für den Rausschmiss zu finden." Vom stern mit den Protokollen konfrontiert, bezeichneten die meisten Firmen die Spähaktionen als "Einzelfälle" oder distanzierten sich im Nachhinein.

Das Augsburger Unternehmen Betapharm beispielsweise ließ nach stern-Recherchen im Frühsommer 2007 seine Pharmareferenten beschatten. Die Rechnung ging auf: Offenbar schummelten einige bei der Angabe ihrer Arbeitszeiten. Viele verloren ihren Job. Die Firma will heute nur noch so viel zu den Observationen sagen: "Bei den Kündigungen hat Betapharm im Rahmen arbeitsrechtlicher Vorschriften gehandelt."

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