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Wir sind die Mitte Deutschlands - und das sind unsere Probleme

Viele Menschen in Deutschland fühlen sich von der Politik alleingelassen. Ihre Sorgen sind zu einem Machtfaktor geworden, seit SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz gezielt um die "hart arbeitende Mitte" wirbt. Wer sind diese Menschen? Und was bewegt sie?

Die Mitte Deutschlands

Die Mitte Deutschlands - gehören Sie auch dazu?

"Meine Arbeit wird kaum gewürdigt", sagt Karin Darko, 52, Friseurmeisterin, alleinerziehende Mutter zweier Töchter.

"Früher konnten sich Leute wie wir ein Einfamilienhaus leisten, das können Sie heute vergessen" , sagt André Schlotthauer, 39, Führungskraft bei einem Personaldienstleister.

"Wir haben immer gearbeitet, trotzdem machen wir uns Sorgen, dass das Geld im Alter knapp wird", sagt Ronny Pirlich, 47, IT-Servicemanager.

Menschen wie Karin Darko, André Schlotthauer oder die Pirlichs: Sie sind die Mehrheit von Deutschland. Man kann sie überall treffen, in der Fußgängerzone oder in der Schlange an der Supermarktkasse. Hartz IV brauchen sie nicht, aber sie sind auch nicht reich. Sie leben im Irgendwo zwischen ganz oben und ganz unten. Sie sind Dazwischen-Menschen.

Den großen Krawall machen in dieser Republik andere, vom Anti-TTIP-Bündnis bis zu Pegida. Aber die Dazwischen-Menschen sind viel mehr, auf 40 Millionen schätzt das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) ihre Zahl. Sie bilden die Mitte. Die Mitte, die meist schweigt.

Nun aber wird diese "Mitte" wiederentdeckt – spätestens seit Martin Schulz die Berliner Bühne betreten hat. "Millionen Menschen fühlen, dass es in diesem Staat nicht gerecht zugeht!" , ruft der Sozialdemokrat in die Säle der Republik. Er wettert gegen "Ungleichheit" und "Abstiegsangst" – und macht Vorschläge, mit denen er die schmerzhaften Reformen, die sein Parteigenosse Gerhard Schröder mit der Agenda 2010 einst auf den Weg brachte, rückabwickeln will, zumindest zum Teil. Ältere Menschen, die ihren Job verlieren, sollen länger Arbeitslosengeld bekommen, die Befristung von Jobs soll erschwert, Leiharbeit zurückgedrängt, das Rentenniveau nicht weiter gesenkt werden.

Wahlkampfthema Mittelschicht

Die SPD hat Schulz auf ihrem Parteitag zum Kanzlerkandidaten küren. Er will kämpfen – um die Stimmen der "hart arbeitenden Mitte" . Er will "fühlen" und "spüren" , was diese Menschen bewegt. "Fühlen" und "spüren" sind Worte, die man lange nicht mehr gehört hat in der deutschen Politik. Mit Angela Merkel bringt man sie nicht unbedingt in Verbindung.

Schulz hat offenbar einen Nerv getroffen – den Nerv der Dazwischen-Menschen. "Er war selbst mal ein ‚kleiner Mann'" , sagt Ronny Pirlich. "Deshalb glaube ich, dass er die Mittelschicht wieder mehr unterstützen wird. Durch ihn fühle ich mich besser vertreten als durch Angela Merkel."

Deutschland boomt. Die Wirtschaft brummt wie lange nicht, der Staat schwimmt in Geld. Das Land ist Exportweltmeister. Die Zahl der Arbeitslosen sank im Februar auf 2,76 Millionen – der niedrigste Wert seit 1991. In manchen Regionen herrscht schon akuter Arbeitskräftemangel. Gut eine Million Jobs sei bundesweit zu vergeben, meldet das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung – die meisten per sofort.

Noch um die Jahrtausendwende galt Deutschland als der "kranke Mann Europas" – reformunfähig, unflexibel, zu teuer für die Weltmärkte. Heute ist Deutschland der Musterknabe des Kontinents, den man beneidet. In keinem anderen Land in Europa ist die Jugendarbeitslosigkeit so niedrig.

Eigentlich müsste dieses Land glücklich sein. Und die Mitte, die in Politiker-Reden gern als "wirtschaftliches Rückgrat" der Republik umschmeichelt wird, müsste besonders glücklich sein. Doch wenn man mit Menschen aus dieser Mitte spricht, hört man Geschichten, die von Ungerechtigkeit handeln. Von Ängsten. Und auch: von mangelndem Respekt.

"Es ist unfassbar, wie wenig manche Arbeitgeber zum Beispiel für eine Mechanikerstunde zahlen", sagt André Schlotthauer. "Für ein reiches Land wie Deutschland ist das beschämend."

Ronny Pirlich sagt: "Manchmal fragen wir uns: Wer denkt eigentlich an uns? Wer fängt uns auf, wenn einer von uns schwer krank wird oder seinen Job verliert?" 59 Prozent der Deutschen zählen sich laut einer aktuellen Forsa-Umfrage für den stern zur "hart arbeitenden Mitte" . Von ihnen wiederum haben 60 Prozent das Gefühl, dass sich die Politiker nicht ausreichend um ihre Sorgen und Bedürfnisse kümmern – beinahe 22 Millionen Menschen. Die "Abgehängten" – das sind nicht irgendwelche Leute in verarmten Randmilieus. Sie finden sich mitten in der Gesellschaft. Im ganz normalen Leben.

"Wohnraum zum Beispiel wird für die hart arbeitende Mitte immer unerschwinglicher. Dabei sollte Wohnen Grundrecht sein! Ich sorge mich, dass sich die Gesellschaft entzweit. Das Gesetz des Stärkeren – das passt nicht zur Demokratie, finde ich. Im Hintergrund wird über zu vieles geklüngelt, was für uns Bürger nicht ersichtlich ist."  Domenico Di Santolo, 37, selbstständiger Zahntechniker, Status: Mitte im engen Sinn

"Wohnraum zum Beispiel wird für die hart arbeitende Mitte immer unerschwinglicher. Dabei sollte Wohnen Grundrecht sein! Ich sorge mich, dass sich die Gesellschaft entzweit. Das Gesetz des Stärkeren – das passt nicht zur Demokratie, finde ich. Im Hintergrund wird über zu vieles geklüngelt, was für uns Bürger nicht ersichtlich ist."

Domenico Di Santolo, 37, selbstständiger Zahntechniker, Status: Mitte im engen Sinn

Die "Mitte" wird meist über das Geld definiert. 3218 Euro netto hatte ein deutscher Durchschnittshaushalt 2014 zur Verfügung. Für Ökonomen ist dieses Durchschnittseinkommen jedoch als Maßstab ungeeignet: Wenige Spitzenverdiener können es nach oben verzerren. Die Wissenschaftler bedienen sich lieber des "Medianeinkommens". Das ist der Wert, bei dem sich die Bevölkerung in eine Hälfte mit höherem und eine mit niedrigerem Einkommen teilen lässt. 2014 betrug das Medianeinkommen für einen Single 1758 Euro netto, für ein Paar mit zwei Kindern waren es 3690 Euro.

Wer gehört in Deutschland zur Mittelschicht?

Das IW zählt Haushalte, die über 80 bis 150 Prozent dieses Medianeinkommens verfügen, zur klassischen Mittelschicht ("Mitte im engen Sinn"). Ein Single gehört demnach zur "Mitte", wenn er monatlich zwischen 1410 und 2640 Euro netto verdient, ein Paar mit zwei Kindern, wenn es auf 2950 bis 5540 Euro kommt (siehe Tabelle). Diejenigen, die mehr haben, gehören zur "oberen Mitte"; wer weniger hat, zur "unteren Mitte".

Es ist nicht egal, wie es dieser Mitte geht. Sie trägt die finanzielle Hauptlast der Gesellschaft, auch weil der Staat mit der Steuer bei ihr unbarmherzig zugreift. Schon ab einem zu versteuernden Monatseinkommen von etwa 4500 Euro ist man für das Finanzamt Besserverdiener: Für jeden darüber verdienten Euro gilt der Spitzensteuersatz von 42 Prozent.

Die Mitte ist wichtig für die politische Stabilität im Land. Geht es ihr schlecht, können Extremisten schnell Zulauf bekommen. Vom sich ausbreitenden "Unbehagen in der bürgerlichen Mitte" spricht der Soziologe Heinz Bude. Das deutsche Ideal der "inklusiven Mittelstandsgesellschaft" gerate zunehmend unter Druck. "Die Menschen fragen sich: Wie steht es um die soziale Symmetrie? Wie sehen die Bilanzen von Gewinnern und Verlierern in der Globalisierung aus? Auf welchem Boden der Selbstverständlichkeiten stehen wir?"

Bude hat vor Kurzem ein hochinteressantes Buch geschrieben, es heißt "Das Gefühl der Welt". "Stimmungen sind vage, flüchtig und unberechenbar", schreibt er darin. "Aber wer verstehen will, wie Gesellschaft und Politik funktioniert, muss von ihrer Macht über die Menschen wissen." Martin Schulz weiß von ihrer Macht. Gefühle sind keine ökonomische Kategorie. Aber sie haben trotzdem großen Einfluss. Und erst aus dem Wechselspiel von ökonomischen Befunden und kollektiven Empfindungen ist Mitte wirklich zu verstehen.

Welche Erfahrungen haben die Menschen in Deutschland gemacht, auf dem Weg zum Musterknaben Europas? Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin hat die Einkommensentwicklung von 1991 bis 2014 untersucht. Ergebnis: Die einkommensstärksten zehn Prozent konnten sich über einen realen, also um Preisanstiege bereinigten, Zuwachs von 27 Prozent freuen. In der Mitte gab es neun Prozent Plus. Bei den ärmsten zehn Prozent hingegen schrumpften die Einkommen – um acht Prozent.

"Als Single denke ich häufig über diese Frage nach. Obwohl ich hart arbeite, werde ich meinen Lebensstandard im Alter nicht halten können. Der Staat hilft mir dabei nicht. Ich werde jetzt in eine Wohnung investieren.“ Martin Steffen, 41, Servicetechniker, Status: Mitte im engen Sinn

"Als Single denke ich häufig über diese Frage nach. Obwohl ich hart arbeite, werde ich meinen Lebensstandard im Alter nicht halten können. Der Staat hilft mir dabei nicht. Ich werde jetzt in eine Wohnung investieren.“ Martin Steffen, 41, Servicetechniker, Status: Mitte im engen Sinn


Die Schere zwischen Gutverdienern und niedrigen Einkommen ist also weit aufgerissen. Die Menschen am unteren Rand wurden sogar ärmer, als sie vorher waren. Ganze Bevölkerungsgruppen waren am Aufschwung nicht oder nur kaum beteiligt. Wie konnte es dazu kommen? Wirtschaftsforscher unterscheiden zwei Phasen. Die erste Phase beginnt in den 1990er Jahren: Damals traf die Globalisierung Deutschland mit voller Wucht. Klassische Arbeitsplätze verschwanden, vor allem in der Industrie. Die Arbeitslosigkeit schnellte hoch, bis auf rund fünf Millionen 2005.


Nur noch geringe Lohnsteigerungen

Dann, in der zweiten Phase, griff die Agenda 2010: härtere Regeln für Arbeitslose, effizientere Jobvermittlung, gelockerter Kündigungsschutz. Die Gewerkschaften akzeptierten über Jahre hinweg geringe Lohnsteigerungen. Wie mit dem Staubsauger wurden Hunderttausende wieder in den Arbeitsmarkt hineingezogen. Aber das bedeutete nicht unbedingt, dass sie sich einen Platz in der Mittelschicht erobern konnten.

Denn mit dem Aufschwung breitete sich ein ganz neuer Sektor aus. Er wird bestimmt von Minijobs, Teilzeitverträgen, Leiharbeit und befristeten Stellen. 7,5 Millionen Menschen in Deutschland arbeiten unter diesen Bedingungen – vor allem in Dienstleistungsjobs, in Callcentern und Pflegeheimen, bei Sicherheitsdiensten, aber auch an den Universitäten, wo sich Nachwuchswissenschaftler oft über Jahre von einem befristeten Job zum nächsten hangeln.

"In Deutschland gibt es eigentlich genug Geld, nur die Verteilung ist problematisch. Auch die Schwächsten müssen wir mitnehmen, sonst ist die Gesellschaft bald so gespalten wie in Amerika. Dort gibt es viele Perspektivlose. Die Kinder verrohen immer mehr. Mit Martin Schulz kann man wieder daran denken, SPD zu wählen. Er verspricht einen verheißungsvollen Wechsel."  Ulrich, 57, und Angela Schmidt, 55, Angestellter der Wasserschutzpolizei und Sonderpädagogin, Status: Mitte im engen Sinn

"In Deutschland gibt es eigentlich genug Geld, nur die Verteilung ist problematisch. Auch die Schwächsten müssen wir mitnehmen, sonst ist die Gesellschaft bald so gespalten wie in Amerika. Dort gibt es viele Perspektivlose. Die Kinder verrohen immer mehr. Mit Martin Schulz kann man wieder daran denken, SPD zu wählen. Er verspricht einen verheißungsvollen Wechsel."
Ulrich, 57, und Angela Schmidt, 55, Angestellter der Wasserschutzpolizei und Sonderpädagogin, Status: Mitte im engen Sinn


Digitalisierung fordert Jobs

Seit einigen Jahren wächst dieser Sektor nicht mehr. Aber er wird auch nicht wieder verschwinden. Wer darin unterkommt, hat Arbeit und wird nicht mehr in den Sozialsystemen geparkt. Das ist der Vorteil. Aber die Bezahlung ist oft schlecht, die Unsicherheit hoch. Das sind die Nachteile.

Selbst diejenigen, die in der Premiumetage des Arbeitsmarktes sitzen, im "Normalarbeitsverhältnis" mit Tariflohn und Kündigungsschutz, sind nicht unberührt von dem, was sich im Souterrain der "atypischen Arbeitsverhältnisse" tut. Denn es ist möglich, dass sie sich dort in naher Zukunft selber wiederfinden werden.

Experten erwarten, dass in den kommenden Jahren mit der unter dem Schlagwort "Industrie 4.0" forcierten Digitalisierung zahlreiche Jobs wegfallen werden. Roboter und Computer werden dann die Arbeit der Menschen übernehmen, nicht nur in den Fabriken. Der nächsten Rationalisierungswelle könnten Buchhalter, Anlageberater, Rechtsanwaltsgehilfen oder Verwaltungsangestellte zum Opfer fallen. Klassische Mitte also.

Deren Zuversicht schwindet schon jetzt. 45 Prozent der Menschen, die sich zur Mitte zählen, sorgen sich laut Forsa, dass es ihnen oder ihren Familien in den nächsten Jahren schlechter gehen könnte. 49 Prozent aus der Mitte klagen, dass es in unserem Land weitgehend oder ganz und gar ungerecht zugeht.

"Deutschland geht es so gut wie nie zuvor" , jubelt Angela Merkel.

"Es geht in diesem Staat nicht gerecht zu", klagt Martin Schulz.

Beide haben recht. Denn das eine hat mit dem anderen zu tun. Wachsende Ungleichheit und mehr Unsicherheit – nur so war das "German Jobwunder" möglich. Zugleich ist das der Preis, den die Deutschen dafür zahlen, dass sie so beneidenswert gut dastehen. So wie es aussieht, werden sie ihn auch in Zukunft zahlen müssen.

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"Am Monatsende bleiben mir vielleicht 1000 Euro zum Leben. Meine Rente wird nie und nimmer reichen. Ich werde mir im Alter einen Job suchen müssen, damit ich über die Runden komme", sagt Karin Darko, die Friseurmeisterin. "Meine Frau und ich sind froh, wenn am Ende des Monats 400 Euro übrig bleiben, obwohl wir beide arbeiten", sagt André Schlotthauer.

Deutschland ist zur Effizienzmaschine geworden. Aber dabei hat es sich verändert. Wie stark, das wird erst jetzt so richtig klar. Es ist nicht mehr das Land, das die Älteren noch kennen, das Deutschland der 50er, 60er und 70er Jahre. Mit allgegenwärtigen Flächentarifverträgen und einem Sozialsystem, das Sicherheit bis ins hohe Alter versprach. Vor 20 Jahren zahlten 60 Prozent der Unternehmen nach Tarif – heute noch 35 Prozent. Und auf die Rente können sich die Menschen längst nicht mehr verlassen – sie sollen privat vorsorgen. Aber angesichts explodierender Mieten, niedriger Zinsen und nur moderat steigender Löhne und Gehälter bei unverändert hoher Steuer- und Abgabenlast fragen sich auch in der Mittelschicht viele: Wovon denn, bitte schön?

"Wohlstand für alle" – diese Devise war lange das zentrale Grundversprechen in Deutschland: Wer sich anstrengt, kann teilhaben am Aufschwung. Später kamen andere Versprechen hinzu. Aufstieg durch Bildung, oder auch: Deine Kinder werden es einmal besser haben. Jahrzehntelang bildeten diese Sätze die Grundlage für die ganz normalen Träume der ganz normalen Leute: genug Geld für ein Auto, für einen Urlaub pro Jahr und für die monatliche Hypothek, damit das Eigenheim bis zur Rente abbezahlt ist.

"Meine Generation wechselt schnell Jobs, reist viel oder besorgt sich Geld auf Pump. Für meine Eltern war ein fester Arbeitsplatz oder ein Eigenheim wichtig.  Wir müssen stark aufpassen, dass wir nicht in die Altersarmut rutschen. Über meine eigene Zukunft sorge ich mich nicht.  Ich muss aber auch viel leisten, um Erfolg zu haben. Mit zehn bis zwölf Stunden pro Tag muss ich rechnen. So ist das heute."  Björn Stoll, 29, Leiter Produktplanung, Status: obere Mitte

"Meine Generation wechselt schnell Jobs, reist viel oder besorgt sich Geld auf Pump. Für meine Eltern war ein fester Arbeitsplatz oder ein Eigenheim wichtig.
Wir müssen stark aufpassen, dass wir nicht in die Altersarmut rutschen. Über meine eigene Zukunft sorge ich mich nicht.
Ich muss aber auch viel leisten, um Erfolg zu haben. Mit zehn bis zwölf Stunden pro Tag muss ich rechnen. So ist das heute."

Björn Stoll, 29, Leiter Produktplanung, Status: obere Mitte


Jetzt gelten die Versprechen nur noch bedingt. Statt "Wohlstand für alle" müsste es heißen: "Wohlstand für einige". Im Boom schafften es manche, sich aus der Mitte nach oben abzusetzen. Aber viele fielen aus der Mitte heraus. Oder sie kamen, da sie im Niedriglohnsektor feststeckten, gar nicht erst hinein. Nach Berechnungen des DIW ist der Anteil der Mittelschicht an der Bevölkerung zwischen 1991 und 2013 geschrumpft – um immerhin gut fünf Prozentpunkte, auf 61 Prozent. Die Mitte ist ein flüchtiger Ort geworden.

Auch das IW kommt zu dem Ergebnis, dass die Mitte geschrumpft sei, allerdings seit mehr als zehn Jahren nahezu stabil bleibe. Das heißt aber auch: Millionen neue Stellen haben nicht etwa dazu geführt, dass die Mittelschicht gewachsen ist. Im "German Jobwunder" haben nur wenige den Aufstieg dorthin geschafft.

Rentner und Alleinerziehende wurden abgehängt

Das IW hat auch die Bevölkerungsgruppen ermittelt, an denen der Boom vorbeigegangen ist: Unterhalb der Mittelschicht hängen geblieben sind vor allem Arbeiter mit schlechter Bildung, Rentner und Alleinerziehende. Von den Alleinerziehenden gehören fast zwei Drittel zur "unteren Mitte" oder zu den "relativ Armen". Ein gesellschaftlicher Skandal. "Wenn ich dann höre, was Manager verdienen, wundere ich mich schon" , sagt Ronny Pirlich. "Wir überlegen ernsthaft, ob wir nach unserer Tochter noch ein zweites Kind in die Welt setzen wollen. Die Frage ist, ob das Geld später noch für uns alle reichen wird" , sagt André Schlotthauer.

Spricht man mit den Top-Ökonomen des Landes über die Lage der "hart arbeitenden Mitte" , macht man eine erstaunliche Erfahrung. Ihre Befunde unterscheiden sich nur wenig. Aber ihre Bewertung fällt völlig unterschiedlich aus. "Martin Schulz zeichnet das Bild einer sich prekarisierenden Mittelschicht" , sagt IW-Chef Michael Hüther. "Mit Verlaub, das ist Unsinn. Fast 80 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung ist am Arbeitsleben beteiligt. Eine solch hohe Beschäftigungsquote gibt es nirgendwo sonst in Europa, außer in Schweden. Die Mitte schrumpft auch nicht mehr, sondern ist seit Jahren stabil."

Dagegen sagt DIW-Chef Marcel Fratzscher: "Wir haben in den letzten 15 Jahren viele Menschen in Arbeit gebracht, aber gleichzeitig die Gesellschaft polarisiert. Mehr als ein Drittel der Menschen hat heute ein niedrigeres Realeinkommen als noch vor 15 Jahren."

Der eine sagt: Gut ist, was Arbeit schafft. Der andere sagt: Aber nicht, wenn dadurch das Land zerrissen wird. Es geht dabei nicht um Armut. Es geht um Sicherheit. Wenn die Mitte unter den Bedingungen eines neuen, dynamischen Arbeitsmarktes nach unten ausfranst, dann wissen auch Menschen, denen es heute gut geht, nicht, ob das morgen noch so sein wird. Aber ohne Sicherheit keine Planbarkeit. Ein Haus bauen, Kinder in die Welt setzen – alles wird zur Wette auf eine ungewisse Zukunft.

"Sie hatten längerfristige Arbeitsverträge und konnten mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Wir arbeiten beide. Es tut weh, die Kinder so lange weggeben zu müssen. In der Zukunft werden Jobs noch härter umkämpft sein. Unseren Kindern wird es wohl nicht so gut gehen wie uns. Und wir werden unseren Kindern im Ernstfall wahrscheinlich nicht aushelfen können."  Katherine, 34, und Deon Marais, 33, mit Juli, 2, und Mika, 4, Sonderpädagogin und Webentwickler, Status: obere Mitte

"Sie hatten längerfristige Arbeitsverträge und konnten mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Wir arbeiten beide. Es tut weh, die Kinder so lange weggeben zu müssen. In der Zukunft werden Jobs noch härter umkämpft sein. Unseren Kindern wird es wohl nicht so gut gehen wie uns. Und wir werden unseren Kindern im Ernstfall wahrscheinlich nicht aushelfen können."
Katherine, 34, und Deon Marais, 33, mit Juli, 2, und Mika, 4, Sonderpädagogin und Webentwickler, Status: obere Mitte


Und es geht um Respekt. SPD-Kandidat Schulz hat die Sorge angesprochen, bei Jobverlust nach jahrzehntelangem Erwerbsleben inklusive Beitragszahlung in die Arbeitslosenversicherung binnen 15 Monaten auf Hartz-IV-Niveau zu fallen. Und dann genauso viel zu haben wie jemand, der nie gearbeitet hat.

Ökonomen sagen dazu: Die meisten Älteren finden heute ohnehin schnell wieder eine Stelle. Und früher, als es länger Arbeitslosengeld gab und danach noch Arbeitslosenhilfe, nutzten dies die Unternehmen zur Verjüngung ihrer Belegschaften – als öffentlich subventioniertes Frühverrentungsprogramm.

Schulz entgegnet: "Menschen müssen mit Respekt und Anstand behandelt werden, wenn sie ihren Job verlieren. Menschen, die viele Jahre, oft Jahrzehnte, hart arbeiten und ihre Beiträge zahlen, haben ein Recht auf die Solidarität ihrer Mitmenschen." Er beweist damit ein gutes Gespür für die Stimmung im Land. Zwei Drittel der Deutschen teilen seine Forderung, das Arbeitslosengeld wieder länger zu zahlen.

Politiker wissen: Wahlen werden in der Mitte gewonnen. Und sie haben aufmerksam registriert, wie Donald Trump in seiner Kampagne, die ihn ins Weiße Haus brachte, immer wieder die "forgotten men and women" ansprach, die "vergessenen Männer und Frauen" aus der (überwiegend weißen) Mittelschicht in den USA.

Wahlen werden in Deutschlands Mitte gewonnen

Schon im Sommer vergangenen Jahres, als noch viele glaubten, Sigmar Gabriel würde Kanzlerkandidat, legte die SPD-Führung als Strategie fürs Wahljahr 2017 fest: bloß nicht das Land schlechtreden – aber die zentralen Probleme benennen. Regelmäßig lässt die SPD Intensiv-Interviews mit "Fokus-Gruppen" aus verschiedenen Bevölkerungsschichten und Regionen durchführen, um ein Gespür für die Unterströmungen in der Gesellschaft zu bekommen. Aus diesen Gesprächen erhalten die Strategen im Willy-Brandt-Haus schon länger hochinteressante Signale: Es gibt eine tiefe Spaltung im Land, viele Menschen fühlen sich abgestoßen und unverstanden von der Politik. Und: Es gibt eine große Sehnsucht nach mehr Gerechtigkeit.

Die gefühlige Kampagne des Martin Schulz entspringt also nüchternem Kalkül. Das muss nicht heißen, dass die Probleme, die er anspricht, nicht existieren würden. Seit er durchs Land tourt und in den Umfragen abräumt, reden plötzlich alle Parteien über das Millionenheer der Dazwischen-Menschen.

CSU-Chef Horst Seehofer fordert milliardenschwere Steuerentlastungen für kleine und mittlere Einkommen und ein "Baukindergeld" für Familien. FDP-Chef Christian Lindner sagt: "Unsere Mitte, das sind die vernünftigen, ungeduldigen Menschen, die vorankommen wollen im Leben. Die fragen uns: Wann tut ihr endlich was gegen marode Schulen und kaputte Straßen, gegen die allgegenwärtige Bürokratie, gegen erdrosselnde Steuern und Sozialabgaben? Für die wollen wir uns einsetzen."

Die Geschichte der "hart arbeitenden Mitte" in Deutschland ist auch eine Geschichte der Vernachlässigung, der mangelnden Wertschätzung durch die Politik. Jahrelang hat sich die Kanzlerin um anderes gekümmert, um die Euro-Rettung, um die Flüchtlinge. Angela Merkels unausgesprochene Botschaft an die Mitte war: Ihr kommt auch allein zurecht. Das wird jetzt nicht mehr reichen. Merkel braucht dringend eine eigene Botschaft an die „hart arbeitende Mitte“. Sonst kann ihr Martin Schulz wirklich gefährlich werden."Vor der Wahl sind die Politiker immer alle nett", sagt André Schlotthauer, der Mann, der meint, dass Deutschland sich für die niedrigen Löhne in manchen Branchen schämen müsse.

Aber eines findet er ziemlich gut: Er hat das Gefühl, dass jetzt endlich mal über Leute wie ihn geredet wird. Zum ersten Mal seit einer halben Ewigkeit.

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