Inflation trotzt Krisensorgen

7. September 2012, 14:30 Uhr

Eurokrise, kletternde Energiepreise, dazu viele Pessimisten: Nimmt man alles zusammen, müsste die Inflation 2012 massiv gestiegen sein. Nun gibt das Statistische Bundesamt Entwarnung.

Eigentlich könnten die Deutschen doch ganz entspannt sein. Während in weiten Teilen Europas die Schuldenkrise tobt, geht es uns prächtig: Die Wirtschaft läuft gut, die Arbeitslosigkeit ist niedrig. Doch viele Bürger beschleicht die Ahnung, dass das nicht so bleiben muss. Die Euro-Krise ist eine unsichtbare Bedrohung, von der man nicht so genau weiß, was sie uns noch für Unheil bringen wird. Gehen doch noch Staaten Pleite? Müssen wir Deutschen irgendwann zahlen für die Verpflichtungen, die wir eingegangen sind, um den Euro zu retten? Führt die expansive Geldpolitik der Notenbank nicht zwangsläufig zu Inflation?

Erst am Donnerstag beschloss die Europäische Zentralbank (EZB) ein neues Programm zum Ankauf von Staatsanleihen klammer Euroländer. Gegen den Willen von Bundesbankpräsident Jens Weidmann, der diesen Schritt als Staatsfinanzierung mithilfe der Notenpresse wertet. Nach Berechnungen der SPD haftet Deutschland schon jetzt – über die EZB, Rettungsschirme und Griechenland-Hilfe – mit rund einer Billion Euro für die Krisenländer.

"Die Verbraucher sind verunsichert", sagt Martha Chlebowski von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Die Anlageexpertin trifft in ihren Beratungsgesprächen auf Menschen, die Angst um ihr Geld haben, eine massive Euro-Entwertung fürchten oder sogar eine Währungsreform. Von ähnlichen Sorgen berichtet auch Jutta von Bargen, Leiterin des Vermögensmanagements der Hamburger Volksbank. "Unsicherheit mögen die Menschen überhaupt nicht. Wenn die Leute wissen, dass die Welt untergeht, ist das gefühlt besser als wenn sie nicht wissen, ob es so kommt", beschreibt sie das Dilemma.

Weil die Deutschen nicht wissen, wie sie ihr Geld anlegen sollen, kaufen sie was das Portemonnaie hergibt. Der Konsum ist seit Monaten auf hohem Niveau, die Sparneigung dagegen ist gering. Wo aber soll man auch hin mit seinem Geld? Denn zu der allgemeinen Unsicherheit kommt, dass die Zinsen seit geraumer Zeit auf einem extrem niedrigen Niveau verharren. Der Leitzins der EZB liegt gerade einmal bei 0,75 Prozent. "Es geht darum, einen Teil so anzulegen, dass er sicher und liquide ist. Und einen Teil so zu streuen, dass die Risiken verteilt sind", sagt Jutta von Bargen. Daher empfiehlt sie grundsätzlich ihren Kunden, ihr Geld nicht nur auf der Bank zu horten, sondern auch über eine Investition in Anlagen wie Aktien, Unternehmensanleihen und anderen Währungen nachzudenken.

stern.de klärt die wichtigsten Fragen für Sparer und Anleger.

Welche Anlagen sind noch sicher?

Die unspektakulärste Anlageform ist die sicherste. Wer sein Geld auf ein Tagesgeld- oder Festgeldkonto legt, kann es nicht verlieren. Die gesetzliche Einlagensicherung schützt Kundengelder im Falle einer Bankpleite bis zu einer Höhe von 100.000 Euro. Die von den Banken gebotenen Zinsen sind derzeit allerdings extrem niedrig. Beim Tagesgeld bieten selbst die Top-Anbieter mittlerweile kaum mehr als zwei Prozent. Wer sein Geld für einen längeren Zeitraum festlegt, bekommt etwas mehr Zinsen – für drei Jahre sind es rund drei Prozent. Von noch längeren Laufzeiten rät Verbraucherschützerin Martha Chlebowski ab. Denn sollten die Zinsen demnächst wieder steigen, hängt der Anleger in seinem Niedrigzinskonto fest.

Hier geht es zum Tagesgeld-Vergleich

Wie kann ich den Niedrigzinsen begegnen?

Wer sich nicht mit Zinsen in Höhe der Inflationsrate zufrieden geben will, muss mehr Risiko in Kauf nehmen. Das geht zum Beispiel mit Aktien und Anleihen. Hier hat die Schuldenkrise die Wahrnehmung verändert: Hielt man früher viele Staaten für kreditwürdiger als Unternehmen, so wurden einige Länder mittlerweile von den Ratingagenturen stark abgestuft. Große Unternehmen haben heute ein besseres Rating als manche Staaten. Wer Unternehmensanleihen erwirbt, gibt einer Firma damit einen Kredit für eine bestimmte Laufzeit und erhält dafür Zinsen. Das Risiko besteht darin, dass das Unternehmen den Kredit nicht zurückzahlen kann. Wer Aktien kauft, beteiligt sich damit an einem Unternehmen und hofft, dass der Wert an der Börse steigt und/oder Dividenden ausgeschüttet werden.

Verbraucherschützerin Chlebowski empfiehlt, keine einzelnen Aktien oder Anleihen zu kaufen, sondern auf Fonds zu setzen, die Werte aus verschiedenen Branchen und Währungsregionen beinhalten, um das Risiko zu streuen. Neben Aktien- und Rentenfonds gibt es auch noch Immobilien- und Rohstofffonds. Wie viel seines Vermögens man in welche Fonds stecken sollte, kann man nicht pauschal beantworten. Das hängt von der individuellen Vermögenssituation, Lebensplanung und Risikoneigung ab. Einen goldenen Tipp gibt es aber doch, und er gilt in solch unsicheren Zeiten mehr denn je: "Man sollte niemals alles in einen Topf werfen, sondern sein Vermögen auf verschiedene Anlageklassen verteilen", sagt Expertin Chlebowski.

Wie kann ich mich gegen einen Verfall des Euro schützen?

Wer einen Wertverlust des Euro befürchtet, kann einen Teil seines Geldes in Fremdwährungen anlegen. Am einfachsten geht das mit einem Währungskonto. Das funktioniert wie ein Girokonto, das in einer anderen Währung geführt wird. Die gesetzliche Einlagensicherung in Deutschland gilt allerdings nicht für Konten in Währungen aus Nicht-EU-Staaten.

Bei der Comdirect-Bank sind derzeit vor allem Währungskonten in Schweizer Franken, Norwegischen Kronen und US-Dollar gefragt. Fällt der Euro gegenüber der entsprechenden Währung, ist das Geld auf dem Konto mehr wert. Aber Vorsicht: Der Mechanismus funktioniert natürlich auch andersherum. Zudem unterliegt der Wechselkurs auch geldpolitischen Entscheidungen, die Schweizer Notenbank etwa hält den Franken derzeit künstlich niedrig. Da es außerdem meist keine Zinsen gibt, dafür aber Gebühren fällig werden, kann das Währungskonto schnell zum Verlustgeschäft werden.

Eine Alternative, die Zinsen bringt, sind Anleihen ausländischer oder deutscher Unternehmen, die in fremder Währung gehandelt werden. Auch wer in Aktien von Unternehmen außerhalb des Euro-Raumes investiert, hat darüber automatisch verschiedene Währungen im Depot.

Wie die Währungsentwicklung den Kurs einer Aktie beeinflusst, ist allerdings nicht eindeutig. So kann etwa eine schwache Währung einer Firma auch nutzen, weil sie den Export ins Ausland erleichtert. "Anleger sollten Währungen als Möglichkeit zur Diversifikation betrachten. Eine reflexartige Flucht aus dem Euro ist dagegen nicht angebracht", sagt Jutta von Bargen von der Hamburger Volksbank. "Angst ist kein guter Ratgeber."

Was ist mit Lebensversicherungen?

Wegen der niedrigen Zinsen können die Lebensversicherer ihre Kundengelder nicht mehr so gewinnbringend anlegen wie früher. Der Garantiezins für Kapitallebensversicherungen ist daher von einst vier Prozent schrittweise gesunken. Seit diesem Jahr liegt er nur noch bei 1,75 Prozent. Je nachdem wie hoch die Kosten sind, kann unter dem Strich sogar nur eine Rendite von unter einem Prozent herauskommen.

"Von einem Neuabschluss raten wir ab", sagt daher Martha Chlebowski von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Wer noch in einen alten Vertrag einzahlt, der bessere Konditionen bietet, sollte aber genau prüfen, welche Verluste ihm bei Auflösung beziehungsweise Verkauf entstehen würden und ob es das wert ist.

Wie kann ich mich gegen Inflation absichern?

Obwohl die Inflationsrate derzeit niedrig ist, befürchten viele, dass es in den nächsten Jahren zu einer starken Inflation kommen wird. Gegen eine solche Geldentwertung helfen Sachwerte. Dazu zählen vor allem Aktien (Beteiligung an einem Unternehmen), Immobilien und Spekulationswerte wie Gold. Vor allem Immobilien kaufen die Deutschen derzeit wie verrückt.

Ein risikoloses Investment ist das aber auch nicht. Schließlich sind die Preise momentan hoch, und sie werden sicherlich nicht überall weiter steigen. Wer die Immobilie wegen der momentan niedrigen Zinsen auf Pump kauft, sollte bedenken, dass sich nicht nur die Inflationsrate ändern kann, sondern auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die persönliche Einkommenssituation. Ein Schuldenberg ist immer ein Risiko.

Auch Gold ist als Schutz gegen Inflation und noch schlimmere Szenarien beliebt. In den vergangenen Jahren stieg der weltweite Goldpreis mit dem zunehmenden Misstrauen in die großen Währungen stark. Sollte die Unsicherheit an den Finanzmärkten weiter zunehmen, könnte Gold als Angstwährung noch wichtiger werden.

Wie sich der Kurs wirklich entwickelt, weiß aber niemand, kurzfristige Schwankungen sind jederzeit möglich. Zudem werden für die Lagerung der Barren Gebühren fällig, feste Erträge durch Zinsen bringt das Edelmetall nicht. Experten empfehlen daher, nicht mehr als einen kleinen Teil des Vermögens in Gold zu investieren.

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