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"...die weckt, was in dir steckt"

Branchenriese Müller Milch hat trotz EU-Förderung in Millionenhöhe Arbeitsplätze verschoben und gestrichen. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (Bund) fordert die Überprüfung durch den Gerichtshof. Subventions-Missbrauch lautet der Vorwurf.

"Wir erleben nichts anderes als die Subventionierung des Verdrängungswettbewerbs", sagt Hubert Weiger, Agrarsprecher des Bund in Berlin. Im Fall Müller Milch meint diese Äußerung Zweckentfremdung von Staatsgeldern. Kleinere Betriebe dürfen davon nicht in Gefahr geraten. Die Organisation kritisiert, dass die Europäische Union den Ausbau des Sachsenmilch-Werks in Leppersdorf (Sachsen) zum modernsten Milchwerk Europas durch die Müller Milch-Gruppe gefördert habe. Die Millionen-Forderung wurde jedoch nur bewilligt, weil Müller versprach, Arbeitsplätze zu schaffen. Jedoch soll die Molkerei trotz der Subventionen in Höhe von über 70 Millionen Euro Arbeitsplätze verschoben und abgebaut haben. Zwar seien im strukturarmen Sachsen 148 neue Arbeitsplätze geschaffen worden, doch ist das nur die halbe Wahrheit von Müller Milch. Fast gleichzeitig seien nämlich zwei Werke in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen geschlossen worden und somit mussten insgesamt 165 Beschäftigte. Nach Angaben des Bundes flossen rund 31 Millionen Euro Beihilfe aus einem Fonds für ländliche Entwicklung sowie 40 Millionen Euro aus einer EU-Investitionsbeihilfe für den Freistaat Sachsen an den Konzern Müller Milch. Wegen diesem moralischen Spagat des Milchriesen, das bis an den Rand des rechtlich noch Zulässigen ausgereizt worden sei, fordert der Bund jetzt die Überprüfung der EU-Subventionspraxis im Agrarbereich durch den Gerichtshof.

Steuergelder eingesteckt, Arbeitsplätze abgeschafft

"Es ist ein Skandal, dass das finanzstärkste Molkereiunternehmen Deutschlands, die Müller-Gruppe, mit dem Segen der EU-Kommission Millionen von Steuergeldern einsteckt und dennoch Arbeitsplätze abschafft. Angesichts von Massenarbeitslosigkeit und Staatsverschuldung liegt hier der Gedanke von Subventionsmissbrauch mehr als nahe", sagt Agrarexperte Weiger. "Der Europäische Gerichtshof ist aufgefordert, sich mit der Vergabe der entsprechenden Mittel zu befassen." Müller Milch hat sich bisher nicht zu den Vorwürfen geäußert.

Die Rüge gilt vorallem der Angelegenheit, dass die Förderung einem Monopolisten wie Müller zufließt, statt kleineren Molkereien im Land. So hätten selbst mit geringeren Förderungsmaßnahmen bis zu zwölf Mal mehr Arbeitsplätze entstehen können, wenn sie in die handwerkliche Milchverarbeitung gegangen wären, so der Bund. Die Praxis der Subventionen aus dem Strukturfonds müsse daran gebunden werden, ob im Ergebnis tatsächlich Arbeitsplätze geschaffen würden.

Der Hintergrund

Als Folie für die Müller Milch-Affäre wird eine widersprüchliche EU-Milchpolitik genannt, die verbunden ist mit einem drastischem Preisverfall und sehr starker Konzentration der Molkereiwirtschaft. Die bestehende Überproduktion werde durch die Agrarreform vielfach ausgedehnt. Bereits heute werden in der EU 20 Prozent mehr Milch gemolken als verbraucht.

Diese Situation führt zu einem Preisverfall, der sich wiederum negativ auf Umwelt und Tiergesundheit auswirke, sagt der Bund. So hätten nur Hochleistungsbetriebe noch eine Chance. Das hingegen führe zu mehr Stallhaltung des Viehs, zu mehr Maisanbau und Verwendung gentechnisch veränderter Futtermittel. Hier endet jedoch der Teufelskreislauf noch nicht. Die größere Belastung der Milchkühe verlange nämlich den Einsatz von Antibiotika, was wiederum zu Lasten des Grundwassers geht. Simultan zur Leistungssteigerung der Milchkühe ging die Anzahl der Molkereien dramatisch zurück. So gab es 1990 noch 360 Milchwerke in Deutschland, 2004 waren es noch 108, und für das Jahr 2010 erwartet der Verband der Milchindustrie, dass noch 30 Molkereien übrig bleiben.

Fakt ist, dass Monopolist Müller Milch mittlerweile 85 Prozent der gesamten sächsischen Milcherzeugnisse verarbeitet, was auf die sächsische Agrarstruktur wie ein Klotz wirkt.

Genfutter für Milchkühe

Nicht nur wegen der Subventions-Affäre ist der Konzernriese unter Beschuss. Umweltaktivisten wie Greenpeace und Verbraucherorganisationen wie Foodwatch gelten als Lieblingsfeinde des Joghurt-Moguls Müller. Von ihrer Seite kommt der Vorwurf, dass die Vertragsbauern des Markenmulti Gen-Pflanzen an die Milchkühe verfüttern. Dabei sollte ein so großer Konzern wie Müller Milch es sich eigentlich leisten können, auf Qualität und somit auf genfreies Futtermittel zu setzen, lautet die Begründung. Was die Fernseh-Werbung nämlich nicht verraten würde: Für die Produktion von Joghurt, Milch und Buttermilch der zu Müller gehörenden Marke werden im Gentechniklabor designte Pflanzen eingesetzt. Aber auch hier ginge es dem Milchfürsten lediglich um die Durchsetzung seines eisernen Willens. Veränderungswünschen gegenüber bleibt er stur. Dabei lehnen insgesamt 70 Prozent der Verbraucher Gen-Pflanzen für Tierfutter ab, wie eine Studie von Greenpeace ergibt.

Einem gewonnenen Gerichtsprozess zufolge dürfen deshalb die Aktivisten Produkte der Molkerei als "Gen-Milch" bezeichnen. Lothar Jährig, vorsitzender Richter des Oberlandesgerichts Köln, hat das Urteil zur Verwendung des Begriffs bestätigt. Dass sich der Konzern mit dieser Niederlage nicht abfinden will, liegt auf der Hand. Jetzt hat Imperiumschef Theo Müller ein Hauptsacheverfahren gegen Greenpeace eingeleitet, mit dem er bis zum obersten deutschen Zivilgericht, dem Bundesgerichtshof ziehen will. Dazu soll in diesem Oktober noch eine richterliche Entscheidung gefällt werden.

Verbraucher werden ignoriert

Die Organisation Greenpeace wirkt seit über einem Jahr intensiv auf die Molkereiwirtschaft Müller ein. Aktivisten fordern, auf Gen-Pflanzen in der Tierfütterung zu verzichten und damit den allgemeinen Verbraucherwünschen zu folgen. So solle auch die Ausbreitung der genmanipulierten Pflanzen in den Anbauländern Südamerikas aufgehalten werden, die einen großen Teil der Futtermittel für Europa liefern. In der Schweiz und in Schweden werden bereits keine Gen-Pflanzen mehr an Tiere verfüttert. In Deutschland ist es anders. Der Milchgigant Müller behauptet, eine Umstellung der Fütterung sei nicht möglich. Damit ignoriert er die Forderungen der Verbraucher.

Der Starrsinn des Self-Made Man vergrault zudem die Topmanager, die Innovationen und Kostenlösungen bringen könnten.

Aufschäumend gegen Kritik

Der bekannteste Milchmann der Nation gilt als pressescheu, unbeherrscht und aufschäumend. Theo Müller ist allseits gefürchtet. Es heißt, dass er höchstpersönlich bei Kampagnen von Greenpeace erschienen sei, um Aktivisten zu schlagen und Fotografen zu attackieren.

Patriarch Theo Müller soll Pressefotografen bereits so heftig angegriffen haben, dass er sich Verfahren wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung aufgehalst habe. Dem mächtigsten Milchmann der Republik wird vorgeworfen, dass er wiederholt zu derartigen Maßnahmen greife: Fotografen beleidigen, sie tätlich angreifen, verletzen und deren Kameras zerstören. "Mit Faustrecht kommt der Milchriese aber nicht durch", sagt Carmen Ulmen von Greenpeace. Zwei weitere Fotografen berichteten ebenso von scharfen Attacken auf sie. Einer der beiden Männer blutete an beiden Händen, der andere klagte über Hals-, Kopf- und Rückenschmerzen. Aussagen zu Folge war Müller in beiden Fällen aktiv beteiligt. Die öffentlich ausgetragenen Streitereien beschädigen das Image des Konzerns. Die Unbeherrschtheit droht sich gegen sein Lebenswerk zu richten.

Wie es nach den vermehrten Anschuldigungen für Müller Milch weiter gehen wird, ist bisher noch unklar. Um die aktuell umstrittene Überprüfung der Subventionspraxis wird der Konzern nicht herum kommen.

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