Die Welt beschwört mit Wonne den Tod der Wall Street. Dabei verkörpert sie unsere Gesellschaft: Sie ist unmoralisch, hemmungslos und aggressiv. Kein Wunder, dass die Straße des Kapitalismus und ihre Protagonisten die Kultur anziehen und unsere Welt stärker geprägt haben, als uns bewusst ist. Von Dirk Benninghoff

Die berühmteste "Heuschrecke" der Filmgeschichte: Michael Douglas als Superzocker Gordon Gekko in "Wall Street"© Cinetext
Die Spezies der "Heuschrecken" ist die Teufelsbrut der Globalisierung und somit eine Geburt des 21. Jahrhunderts – soweit die Logik der neuzeitlichen Kapitalismusskeptiker. Dabei hat der SPD-Politiker Franz Müntefering nur einem Phänomen einen neuen Namen gegeben, das die Kulturschaffenden Amerikas seit vielen Jahrzehnten fasziniert: William Faulkner, Hermann Melville, Tom Wolfe oder Bret Easton Ellis schrieben Geschichten und Romane über die grausame Anziehungskraft des herzlosen Investors, lange bevor von Globalisierung die Rede war. Oliver Stone drehte einen oscargekrönten Film darüber: "Wall Street".
Die kleine, nicht einmal eine halbe Meile lange Straße in New York war seit jeher voll von Monster-Kapitalisten, denen Tom Wolfe im "Fegefeuer der Eitelkeiten" den Titel "Master of the Universe" verlieh. Zerstörerische Subjekte, die Kunstschaffende zu höchster Kreativität getrieben haben - ganz im Sinne marxscher Dialektik: Die Materie bestimmt den Geist, Kohle befeuert Künste. Ausgerechnet die Wall Street gibt dem Urkommunisten Recht.
Amerikanischer Traum und Albtraum ließen sich am besten mit den Königen der Wall Street erklären. Sie waren teilweise abartig und jenseitig wie Patrick Bateman, die Bestie aus Easton Ellis' "American Psycho", oder nur abgezockt und diesseitig wie Stones Super-Spekulant Gordon Gekko aus "Wall Street". Eines waren sie immer: böse – mal mehr, mal weniger. Die Kultur überzeichnete dabei gekonnt, wie es ihre Aufgabe ist, die Realität. Wenn die Börsenstraße schon nicht im Mittelpunkt stand, dann waren ihre Akteure zumindest Beiwerk. Kaum ein Film oder eine Serie aus New York kommt ganz ohne die Wall Street und ihre Alpha-Männchen aus wie "Mister Big" aus "Sex and the City". Die Inspirationskraft des Mythos Wall Street auf Literatur und Film, die kreative Konfrontation von Geist und Geld, ist seit Jahrzehnten ungebrochen.
Der Punk New Yorker Prägung beispielsweise wäre nicht möglich gewesen ohne die wirtschaftlichen Begleitumstände. Die siebziger Jahre waren ökonomisch gesehen das schlimmste Jahrzehnt der Nachkriegsgeschichte. Die Ölkrise machte dem Westen zu schaffen. Der Dow-Jones-Index stagnierte nach langem Wachstum quasi ein ganzes Jahrzehnt lang. Es gab zwar keine riesigen Börsenverwerfungen, aber Wall Street und Stadt agierten wie gelähmt. New York, kriminell und gewalttätig wie kaum zuvor, war 1975 quasi pleite und bettelte um Bundeshilfen, was US-Präsident Gerald Ford harsch ablehnte - was wiederum das Boulevardblatt "Daily News" zu einer der berühmtesten Schlagzeilen der Mediengeschichte bewog: "Ford to City: Drop dead". Nur vor diesem abgewrackten, fast schon hoffnungslosen Hintergrund konnte eine Bewegung gedeihen, die musikalische Ikonen wie die "Ramones" oder "Blondie" hervorgebracht hat.
In den 80er Jahren schließlich, als es wieder besser lief mit Wirtschaft und Börse, gaben Banker und Börsianer der ganzen Gesellschaft den Lifestyle-Takt an. Der "Yuppie", der "Young urban professionell", wurde geschaffen – und Vorbilder waren die New Yorker Investmentbanker vom Schlage Patrick Batemans, die Konsum- und andere Triebe hemmungslos auslebten. Ihre Werte - Individualismus und Nihilismus – wurden zum Gemeingut einer entsolidarisierten Gesellschaft. Mit dem ersten Satz von "American Psycho" schuf Easton Ellis das Credo einer ganzen Generation, die sich ohne Glauben und Ideale bereitwillig dem Kapitalismus überlässt: "Ihr, die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung fahren."