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Wenn Wasser teurer ist als Benzin

Es gibt genug Wasser auf der Welt. Nur nicht überall und für jeden. Ausgerechnet da, wo der Rohstoff knapp ist, beuten Konzerne wie Nestlé die Vorkommen aus und verkaufen sie für viel Geld weiter.

Von Niels Kruse

  Rohstoff Wasser: 20 Liter davon braucht der Mensch pro Tag im Schnitt.

Rohstoff Wasser: 20 Liter davon braucht der Mensch pro Tag im Schnitt.

Wenn in wenigen Tagen die "World Toilet Organization" ihren jährlichen "Welttoilettentag" begeht, wird sie wieder erschreckende Zahlen verkünden: Etwa, dass jeder zehnte Mensch keinen Zugang zu frischem Wasser hat. Dass deswegen Abertausende täglich sterben. Vor allem in Entwicklungsländern. Was die Hygienelobbyisten, wenn überhaupt, nur am Rande erwähnen werden, ist, dass genau dort, wo das Trinkwasser knapp ist, Unternehmen den kostbaren Rohstoff ausbeuten, um damit Geld zu verdienen. Viel Geld. Nestlé zum Beispiel, weltgrößter Lebensmittelkonzern und weltgrößter Verkäufer von Flaschenwasser gehört dazu. Das Unternehmen genießt ohnehin schon einen ausnehmend schlechten Ruf. Wegen Gen-Food und ihrem notorisch überzuckerten und verfetteten Warenangebot. Mittlerweile wird das Geschäft des Markenmultis (Schöller, Alete, Nesquik) mit dem wichtigsten aller Lebensmittel zunehmend zu einem Problem - vor allem für Menschen.

Wasser für alle?

Es gibt genug Trinkwasser für jeden Erdbewohner. Theoretisch jedenfalls. Denn die Vorkommen sind sehr ungleich verteilt. Von der rund eine Billion Liter, die zur Verfügung stehen, entfallen zum Beispiel auf den bevölkerungsreichsten Kontinent Asien gerade einmal 36 Prozent. Auch in Afrika und im Nahen Osten wird Wasser zunehmend knapp. Der Klimawandel, extensive Landwirtschaft und das Bevölkerungswachstum sorgen zudem dafür, dass im Jahr 2040 nur noch für 70 Prozent der Menschheit ausreichend Wasser vorhanden sein wird. Die mangelnde Versorgung mit Frischwasser hat schon jetzt zur Folge, dass täglich 4000 Kinder unter fünf Jahren sterben, wie die Welt-Toiletten-Organisation ausgerechnet hat.

Wo das Wasser bleibt

Der durchschnittliche Deutsche verbraucht täglich 120 Liter Wasser. Das ist im internationalen Vergleich eher wenig, der Durchschnitts-Amerikaner zapft 300 Liter ab. Und es ist selbst für die hiesige Kanalisation zu wenig. Da die für einen deutlich höheren Wasserverbrauch ausgelegt ist, bilden sich dort schnell Krankheitserreger, wenn die Rohre nicht ausreichend durchgespült werden. Deshalb kommt es zu der absurden Situation, dass sie mit unbenutztem Frischwasser geflutet werden müssen, um die Keimbildung zu verhindern. In wasserärmeren Gebieten wie Israel dagegen gehen gigantische Mengen Wasser für die Landwirtschaft drauf, in Staaten wie Dubai oder Saudi Arabien für die Wässerung von Golfplätzen und in Kenia fürs Rosenzüchten.

Das Geschäft mit dem Wasser

Experten gehen davon aus, dass der Mensch zum Trinken, Kochen und Waschen rund 20 Liter am Tag braucht. Sehr sparsam verwendet würden auch zehn Liter reichen. In Regionen mit Wassermangel müssen Bewohner mit gerade einmal fünf Liter auskommen. Da Trinkwasser schon jetzt ein knappes Gut ist, lockt es eine Reihe von Geschäftemachern an. Einer der größten, umtriebigsten und umstrittensten ist Nestlé: Sechs Milliarden Euro verdienen die Schweizer mit ihren weltweit 73 Wassermarken. Die bekannteste heißt "Pure Life" und wird vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern verkauft. 34,6 Liter Flaschenwasser werden weltweit pro Kopf und Jahr getrunken. Tendenz stark steigend. Der Verbrauch variiert allerdings von Region zu Region: Mexikaner trinken jährlich 201 Liter, Deutsche 135 Liter und Chinesen 21 Liter. Der Clou für die Wasserhändler: Der Rohstoff ist spottbillig, die Weiterverarbeitung einfach, der Verkaufswert hoch. In Nigeria ist ein Liter Wasser teurer als ein Liter Benzin.

Und wo ist das Problem?

Die UNO hat 2010 Wasser zum Menschenrecht erklärt. Was bedeutet, dass jeder Mensch freien Zugang zu Wasser haben soll. In der viel beachteten #link; de.bottledlife.tv/;Dokumentation "Bottled Life"# aber werfen die Filmemacher dem Konzern vor, genau das zu verhindern. In Algerien etwa hat Nestlé dem Staat die Wassernutzungsrechte abgekauft und schottet die Quellen harsch mit Panzerdraht und Alarmanlagen ab. Von freiem Zugang keine Rede. In Pakistan soll das Unternehmen die Reservoirs zu Ungunsten der dortigen Bevölkerung ausbeuten. Der Vorwurf lautet: Nestlé gräbt im wahrsten Sinne den Menschen das Wasser ab, füllt es in Plastikflaschen und verkauft es wieder für ein Vielfaches des Preises. Der Konzern rechtfertigt sein Geschäft mit Hinweis darauf, dass die Bevölkerung so Zugang zu sauberen Trinkwasser bekomme. Ein Argument, das nicht ganz von der Hand zu weisen ist, denn gerade in Entwicklungsländern mangelt es an Klär- und anderen Wiederaufbereitungsanlangen. Dennoch mutet das Geschäft mit dem Wasser zumindest fragwürdig an. Die globalisierungskritische Organisation SumOfUS hat deswegen eine Petition aufgesetzt, mit der diese Form des Geldmachens verboten werden soll.

Wie wird Wasser noch vermarktet?

Außer dem Anzapfen, der Veredelung und dem Verkauf natürlicher Ressourcen liegt die Wasserversorgung vieler Kommunen weltweit in privaten Händen. Ursprünglich hoffte man, dass sich Qualität und Preise durch die Privatisierung verbessern würde. Beispiele aus den meisten Großstädten aber zeigen, dass genau das Gegenteil eingetreten ist, die Bürger mussten mehr Geld für schlechteres Wasser ausgeben. Erst im Sommer war die EU nach einem Bürgerbegehren von ihren Plänen abgerückt, den Mitgliedsstaaten die Privatisierung der Wasserversorgung nahezulegen. Berlin hatte zudem jüngst beschlossen, die 1999 teilprivatisierten Wasserwerke wieder zurückzukaufen.

Nebeneffekte des Wasserhandels

Der Boom von Wasserflaschen hat ökologisch bedenkliche Nebeneffekte. Genaue Zahlen gibt es zwar nicht, aber schätzungsweise bis zu 300 Millionen PET-Pullen werden von der Industrie täglich produziert. Der Kunststoff, hergestellt aus Erdöl, frisst den Rohstoff massenhaft, dazu Energie (auch für den Transport) und verschmutzt nicht nur ganze Landstriche, sondern vor allem die Meere. Fische, Wale und andere Seebewohner leiden unter der Verschmutzung: Sie essen den sich langsam zersetzenden Kunststoff und verenden qualvoll oder geben die Stoffe an die Menschen weiter. Sieben Millionen Tonnen Plastikmüll landen jährlich im Meer. Einige US-Städte haben deshalb zumindest den Verkauf von kleinen Flaschen verboten, auch Brüssel beginnt mit dem Kampf gegen den Plastikmüll - zunächst sollen Einwegtüten deutlich verteuert oder sogar verboten werden.

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