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Der rastlose Mr. Karstadt

Was für eine Überraschung! Nicolas Berggruen darf Karstadt kaufen. Auch wenn er den Deal noch nicht endgültig unter Dach und Fach hat - seine Vision klingt wie ein verfrühtes Sommermärchen. Ein Porträt.

Von Thomas Jahn

Alle freuten sich an diesem Montag. Der Insolvenzverwalter lobte den "Wunschpartner", der "mit Abstand der beste Bieter" gewesen sei. Der Verkauf sei "ein Meilenstein im Insolvenzverfahren". Der Investor selbst sagte Sätze, die Hoffnung machten: "Der Name Berggruen verpflichtet", verkündete Nicolas Berggruen. "Nicht nur kulturell, sondern auch sozial." Und fügte hinzu: "Wir investieren nur in etwas, das wir noch aufbauen können. Wir werden niemals Geld ausgeben und dann nichts daraus machen."

"Uns gibt es noch, und wir sind sehr zufrieden"

Das war im Oktober 2007. Berggruen hatte gerade bei Schieder zugeschlagen, einst Europas größter Möbelhersteller, der wenige Monate zuvor in die Insolvenz gerutscht war. Auch so ein Gigant, wenngleich einer aus dem Hintergrund. Berggruen erwarb zwei Töchter aus der Schieder-Holding, darunter die Liechtensteiner IMS Group. Es ging um weniger Geld, aber die Sätze ähneln sich: "Einen bedeutenden Akteur im europäischen Möbelmarkt" wolle er schaffen, verkündete Berggruen.

Bei IMS will man heute über den Retter zwar nichts sagen - weil der besser selbst reden solle. So viel aber sei verraten: "Uns gibt es noch, und wir sind sehr zufrieden." Und aus Berggruens Holding wird versichert: IMS schreibt schwarze Zahlen.

Ein große Suche nach Sinn

Jetzt also das größere Abenteuer. Berggruen soll Karstadt kaufen, in seinen Augen die "deutsche Marke mit Kultstatus". Wer ist dieser Mann, für den Gewerkschaften schwärmen und dessen Vision für das Herz deutscher Innenstädte nach einem verfrühten Sommermärchen klingt? Nicolas Berggruen ist das Anti-Klischee des Investors. Nicht geleckt, sondern mit Wuschelkopf und unrasiert, nachdenklich statt smart, zurückhaltend statt laut. Ja, einer der Geld verdienen will. Aber für den es dabei nicht nur um Rendite geht.

Seine Investments sind eine große Suche nach Sinn. Er hat diese Sätze, die zu gut klingen, Sätze über Sinn und Nachhaltigkeit, schon immer gesagt - und auch gelebt. "Wie kann ich mit meinem Leben einen Unterschied machen?", fragte Berggruen einmal. "Wo am meisten helfen?"

Der Vater ist streng

Seine Biografie ist atemlos, rastlos. 1961 in Paris geboren, Sohn des berühmten Kunstsammlers und Mäzens Heinz Berggruen, der 1936 aus Berlin in die USA emigriert war. Er wächst in Paris, der Schweiz und England auf. Als kleines Kind sitzt er auf dem Schoß von Pablo Picasso. In seiner Jugend ist Kunst immer präsent, die Werke und ihre Maler. "Für uns war Kunst immer eine natürliche Umgebung. Wir wurden nie gezwungen, sie uns anzusehen", sagt er.

Dennoch ist der Vater streng, Nicolas, der dritte Sohn, muss mit seinen Geschwistern beim Abendbrot an einem Extratisch sitzen, das Schlafzimmer der Eltern dürfen sie nicht betreten. Nicolas liest viel, die französischen Existenzialisten Albert Camus und Jean-Paul Sartre. Im Internat weigert er sich, Englisch zu lernen, das sei "die Sprache des Imperialismus". Er fliegt von der Schule und macht seinen Abschluss - in London.

1979 eine weitere Zäsur, er geht nach New York, wo er 1981 an der New York University den Bachelor in International Business and Finance macht. Er arbeitet bei Investmentfirmen, ehe er sich selbständig macht.

Erst Millionär, dann Milliardär

Er kauft erst Aktien, dann ganze Unternehmen. Nach wenigen Jahren ist er Multimillionär, dann Milliardär. "Er ist ein smarter und kreativer Investor" sagt David Bonderman, ein Freund und Chef der Private-Equity-Firma TPG. Zu den Deals zählen Media Capital, Portugals größter Medienkonzern, oder der US-Brillenhersteller FGX. Media Capital hat er 2006 wieder verkauft. Gewinn: 150 Millionen Euro. Zuletzt kaufte er den spanischen Medienkonzern Grupo Prisa mit dem Flaggschiff "El País".

Vor fünf Jahren taucht Berggruen in Deutschland auf, in Berlin, wo er ein Büro eröffnet. Sein Vater hat seine gesamte Kunstsammlung in einer Geste der Versöhnung der Stadt vermacht, der Sohn kümmert sich um die Erweiterung des Museums. "Ich fühle mich privilegiert, dies fortzusetzen", sagt er in einem Interview. Er investiert aber auch, kauft die Hauptpost in Potsdam, das Café Moskau an der Berliner Karl-Marx-Allee, die Sarotti-Höfe in Kreuzberg, alles denkmalgeschützte Architekturperlen, die er restauriert. 140 Millionen Euro gibt er aus. In Deutschland fühlt er sich wie ein "Tourist", andererseits "sehr deutsch", weil er zu Hause immer die Sprache seiner Eltern gesprochen hatte.

"Ich habe kein Zuhause"

Als Erwachsener kennt er keine Heimat. Schon vor Jahren hat er seine Häuser verkauft. "Ich habe kein Zuhause", sagt er. "Ich fühle mich dort zu Hause, wo ich gerade bin, heute in Berlin, morgen in London. Ich brauche kein Haus mit meinem Namen vorne drauf. Ich bin glücklich mit einem Bett, Essen, Freunden und einem Telefon."

Immer wieder betont er dieses Rastlose, das wird auch bei einem Treffen in Los Angeles Ende April deutlich. Berggruen betritt das Peninsula, ein Luxushotel. Er durchschreitet die Halle, an der Rezeption wird er mit Namen begrüßt. Als er im Fahrstuhl ist, sagt er: "Ich bin schon zu lange hier." In seiner Suite legt Berggruen zwei Visitenkarten auf den Tisch. Auf der einen steht: Nicolas Berggruen Holdings. "Dafür will ich weniger machen", sagt er und tippt auf die andere Karte mit der Aufschrift Nicolas Berggruen Institute: "Da will ich hin." Weniger Geschäfte machen, mehr für seine Politikstiftung arbeiten, mehr Gutes tun - das ist kein Geschwafel.

"Er kennt nicht einmal die Mietverträge"

Trotz seines Reichtums bleibt sein Verhältnis zu Eigentum zwiespältig. "Was ich besitze, ist zeitlich begrenzt", sagt er. Oder: "Die Leute denken immer, mir gehört das Geschäft. Aber es ist genau andersherum. Ich gehöre dem Geschäft." Ähnliches hat er auch über seine Kunstsammlung gesagt, zu denen Meisterwerke von Andy Warhol, Jeff Koons und Damien Hirst gehören. "Man muss Fashion und langfristige Investitionen unterscheiden. Beides ist interessant, aber als Sammler sollte man sich langfristig engagieren." Sieht er den Karstadt-Deal vielleicht gar als großes Kunstwerk?

Nicht wenige glauben, dass er sich verhebt. Und die Bieterkonkurrenten sticheln, er würde lieber in Afrika Elefanten jagen, als sich um die Offerte für die Warenhauskette kümmern. "Persönlich hat Berggruen an dem Deal vielleicht zwei, drei Tage lang gearbeitet", ätzt ein Teilnehmer. "Er kennt nicht einmal die Mietverträge", heißt es im Highstreet-Vermieterkonsortium. In der Tat war Berggruen gerade für zehn Tage in Afrika. "Ich bin unterwegs nach Afrika: Elfenbeinküste, Mauretanien, Togo, Sierra Leone, Kongo, Tansania, Zentralafrikanische Republik!", schrieb er kürzlich hastig in einer E-Mail. Er war dann auch in Ruanda, sprach mit Präsident Paul Kagame. Am vergangenen Freitag unterbrach er die Reise, um bei der Gläubigerversammlung von Karstadt zu sprechen - keine 24 Stunden später flog er wieder nach Afrika.

Bergruen hat Erfahrung mit Restrukturierungen

Am Montag war er wieder in Essen, um an der entscheidenden Sitzung teilzunehmen. So ist Berggruen eben. Rastlos, kaum zu greifen. Den Schieder-Deal schloss er einst am Telefon ab. Auch engste Mitarbeiter bekennen, dass sie nicht immer genau wüssten, wo sie ihn suchen sollen.

Also braucht er Leute vor Ort. Eine Schlüsselrolle spielt dabei Thomas Fox von der Berliner Wirtschaftsberatung Modalis. Der Sanierungsexperte kümmert sich seit 2009 im Auftrag des Insolvenzverwalters um Karstadt. Fox und Berggruen kennen sich bereits vom Schieder-Deal. Fox war bei der Tochter IMS Interimsgeschäftsführer, er tummelte sich bei "Ihr Platz" und der Geldtransportfirma Heros. Schon früh zeigte sich Fox optimistisch bei Karstadt. Die Vermieter würden "erstaunliche Zugeständnisse" geben.

Berggruen ist ein langfristiger Investor. "Am liebsten würde ich meine Unternehmen gar nicht verkaufen", sagt er. So scheut er vor den in der Branche üblichen Partnerdeals mit anderen Private-Equity-Firmen zurück. "Wenn es gut läuft, wollen sie nach zwei oder drei Jahren aussteigen", sagt er.

Ihm sei das zu kurzfristig. So zahlte er Mitte der 90er-Jahre acht Millionen Dollar für die US-Holding FGX, hinter der die legendäre Brillenmarke Foster Grant steckt. Mit einem Ausbau des Vertriebsnetzes und einer Werbekampagne mit Cindy Crawford stiegen die Umsätze wieder. Erst beim Börsengang 2007 verabschiedete Berggruen sich - und kassierte 400 Millionen Dollar. Auch deshalb gibt er sich heute selbstsicher: "Wir haben sehr viel Erfahrungen mit Restrukturierungen."

Horrende Mieten könnte Deal noch zum Platzen bringen

Die Karstadt-Mietverträge, die Berggruen angeblich nicht kennt, wären allerdings eine intensive Durchleuchtung wert - denn der Streit mit den Immobilienbesitzern könnte den Deal noch zum Platzen bringen. Gegen den Vermieter Highstreet kann Berggruen Karstadt nicht sanieren. Von dem notwendigen Miteinander war bis gestern aber nicht viel zu spüren. "In Kernfragen gibt es weiterhin keine Einigung", sagt ein Highstreet-Sprecher. Sonst drohe Karstadt die Zerschlagung. Das von der US-Bank Goldman Sachs geführte Immobilienkonsortium wollte Karstadt selbst übernehmen, um so den größten Teil der bisherigen Mieten zu sichern, schied aber als erster Bieter aus - und ist jetzt stocksauer. Für diesen Milliardär Mieten senken, dessen Geschäftskonzept wackelig ist?

Dieser bleibt zumindest erst mal in Deutschland: Am Freitag wird Berggruen in Berlin mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit ein Kulturzentrum einweihen, am Sonntag gibt das Berggruen Museum einen Empfang mit 200 Gästen. Die Karstadt-Mitarbeiter haben sich ohnehin auf seine Seite geschlagen. Nach der Verkündung prasselten in das Postfach der Berggruen Holdings in Berlin zig begeisterte E-Mails von Filialleitern und Verkäufern. Sie wollen den Kunstsammler.

Mitarbeit: Angela Maier, Horst von Buttlar

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