HOME

Komm, wir schalten ein Atomkraftwerk ab!

Jede Woche wechseln Tausende Verbraucher zu Anbietern von Ökostrom. Je mehr es werden, desto schneller werden AKWs und Kohlekraftwerke überflüssig.

Micheal Schmutzer machte es, als der Brief mit der Preiserhöhung kam. Marina Schnoor wusste, dass es Zeit ist, als sie herausfand, wie viel Atomstrom aus ihren Steckdosen floss. Für Götz Schell war es einfach eine Frage des umweltbewussten Lebensstils. Was diese Menschen gemeinsam haben? Sie sind gerade zu einem Ökostromanbieter gewechselt. Michael Schmutzer sagt: "Ich habe die höheren Strompreise zum Anlass genommen, um mich über meinen Versorger zu informieren."

Als der 36-jährige Fachinformatiker aus Bad Tölz dann erfuhr, dass Tölzer Strom zu fast 90 Prozent aus Atomkraft und Kohle gemacht wird, entschloss er sich auszusteigen. Ruck, zuck melde- te er sich per Internet bei Greenpeace Energy an. "Jetzt werde ich auch in meiner Firma eine Mordswerbung für den Wechsel machen. Das muss uns die Umwelt wert sein." Mit dieser Entscheidung hat sich Schmutzer einem wahren Exodus angeschlossen: Zigtausende Deutsche haben in den vergangenen Wochen Stromkonzernen wie Eon, Vattenfall und RWE den Rücken gekehrt, um zu Ökoanbietern zu wechseln. Rund 1000 Neukunden registriert allein das Unternehmen Lichtblick pro Tag. Auch der kleinere Konkurrent Naturstrom vermeldet zehnmal so viele Anmeldungen wie im Vorjahr. Bei Greenpeace Energy herrscht ebenfalls Feierlaune: "Wir verzeichnen pro Monat doppelt so viele Neukunden wie im letzten Jahr", sagt Sprecherin Corinna Hölzel. Nach Berechnungen des Verbraucherportals Verivox ist mindestens jeder siebte neu abgeschlossene Stromtarif ein Ökovertrag. Anfang des Jahres war es gerade mal jeder sechzehnte.

Bewusstseinswandel in der Bevölkerung

Wer aber heute einen Stromtarif sucht, ist schnell verwirrt, denn auf dem Markt wimmelt es von Ökoangeboten. Neben Greenpeace Energy oder Lichtblick tummeln sich da Anbieter wie Teldafax oder Flexstrom, und auch die großen Konzerne wie RWE oder Vattenfall bieten Strom aus Wasserkraft oder Biomasse an. Absurderweise verdanken die grünen Stromlieferanten ihren Erfolg vor allem den konventionellen Anbietern: "Nach den Störfällen in den Atomkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel gingen unsere Anmeldezahlen noch mal richtig nach oben", berichtet Corinna Hölzel. Auch die Klimadebatte heizt den Wechselwillen der Deutschen offensichtlich an. Marina Schnoor sagt: "Ich will nicht mit schuld sein, dass noch mehr CO2 ausgestoßen wird, und ich will mich auch nicht an irgendwelchen Atomstrom-Sachen beteiligen."Seit Anfang Juni bezieht die 46-jährige Schiffsmaklerin ihren Strom von der Firma Naturstrom, einem überregionalen Anbieter für Elektrizität aus erneuerbaren Energien. Aufgerüttelt durch die Berichte über den Klimawandel, hatte Schnoor im Internet den Strommix ihres Anbieters Eon Hanse recherchiert – der zur Hälfte aus Atomkraft und zu 36 Prozent aus fossilen und anderen Brennstoffen stammt. "Da war für mich klar, dass ich wechseln muss."

Zusätzlich brachten die jüngsten Tariferhöhungen den Wechsel in Schwung: Mehr als 100 Versorger verärgerten Anfang Juli ihre Kunden, weil sie den Wegfall der gesetzlichen Preisaufsicht zu teilweise saftigen Aufschlägen nutzten. Strom aus erneuerbaren Energien ist längst nicht mehr ein Luxus für ökologisch korrekt lebende Besserverdiener, sondern auch für Normalos erschwinglich. "Wir hatten gedacht, wir könnten uns den Wechsel nicht leisten", sagt Waltraud Dietz, 55, aus Delmenhorst. "Aber dann haben wir gesehen, dass der Preisunterschied gar nicht so groß ist." Ein genauer Vergleich lohnt sich: Mancherorts ist heute der grüne Stromtarif sogar der günstigere . "Inzwischen sind die Ökostromanbieter aus der Nische herausgekommen", stellt Manfred Fischedick fest. Der Energieexperte am Wuppertal Institut beobachtet "einen Bewusstseinswandel und einen stärkeren Wunsch in der Bevölkerung, Signale zu setzen". Botschaften, die inzwischen auch in der Politik ankommen – und zwar nicht mehr nur auf der Ebene kleiner Gemeinden: Der Grüne Boris Palmer setzte sich im Wahlkampf um das Amt des Tübinger Oberbürgermeisters mit dem Versprechen durch, alle städtischen Einrichtungen nur noch mit Ökostrom zu betreiben. Für Mehrkosten von lediglich 30.000 Euro im Jahr laufen nun alle städtischen Betriebe, Schulen und Büros mit Strom aus Wasserkraft. Den Bürgern bieten die Stadtwerke ebenfalls Ökostrom an, "und ich nutze jedes Grußwort, um dafür Werbung zu machen", sagt Palmer. Und vor wenigen Tagen erst hat der Stuttgarter Gemeinderat entschieden, ab 2008 ein Viertel des städtischen Strombedarfs aus erneuerbaren Energien zu decken.

Mein Strom ist öko

Einen ähnlichen Beschluss hat vor Kurzem der Hamburger Senat gefasst: In den nächsten Jahren soll Lieferant Vattenfall Ämter, Bücherhallen und Kitas mit Strom versorgen, der zu mindestens 25 Prozent aus erneuerbaren Energien gewonnen wird. Im Spätsommer will man darüber befinden, ob die Quote nachträglich auf 100 Prozent erhöht werden kann. All das passt zu den Zielen, die der Bundesumweltminister für das ganze Land anpeilt: Bis 2020 sollen mindestens 27 Prozent des bundesweit verbrauchten Stroms aus erneuerbaren Energien stammen. Verwundert reibt man sich die Augen: Hieß es nicht noch vor Kurzem, erneuerbare Energien seien zu teuer, zu ineffizient, zu knapp? Können stattdessen bald alle sagen: Mein Strom ist öko? Tatsache ist: Er ist es schon – zumindest ein bisschen. Denn egal, ob man seinen Strom bei herkömmlichen Anbietern oder beim Ökostromlieferanten bezieht: Ein Teil der gesamten Stromerzeugung stammt aus regenerativen Quellen. Dieser Strom wird ins Netz eingespeist und betreibt in jedem Haushalt Kühlschrank und Fernseher. Zurzeit beträgt sein Anteil 13,3 Prozent. Dafür verantwortlich ist auch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) aus dem Jahr 2000. Es fördert den Strom, der von Windmühlen oder aus Wasserkraft, aus vergorener Biomasse oder aus der Kraft der Sonne erzeugt wird.

Das war bislang deutlich teurer, als die Energie aus fossilen Brennstoffen zu gewinnen. Diese Kosten werden dem Verbraucher auf die Rechnung aufgeschlagen – pro Kilowattstunde ein halber Cent. Die gesetzliche Förderung verteuert den Strompreis damit für jeden Kunden um rund 2,5 Prozent. Das Gesetz wirkt: Innerhalb eines Jahres ist der Anteil des EEG-Stroms um 34 Prozent gestiegen. Der Geschäftsführer des Bundesverbandes Erneuerbarer Energien, Milan Nitzschke, sagt: "Allein der Zuwachs gegenüber dem Vorjahr übersteigt die Jahresproduktion des störanfälligen Atomkraftwerks Brunsbüttel." Aber reicht das, um die Zehntausenden von Ökostrom-Neukunden zu versorgen? Wenn man dem Verband der Elektrizitätswirtschaft glaubt, schon: Er hat ausgerechnet, dass im vergangenen Jahr 73 Terawattstunden grüner Strom ins Netz eingespeist wurden. Rechnerisch genug Energie für 21 Millionen der etwa 39 Millionen Haushalte in Deutschland, denn die verbrauchen nur rund ein Viertel der Elektrizität. Oliver Hummel, Geschäftsführer von Naturstrom, sagt: "Da können noch ein paar Millionen Menschen wechseln, bevor Ökostrom knapp wird." Aber bewegen Waltraud Dietz und Marina Schnoor und all die anderen wechselwilligen Verbraucher dann überhaupt etwas, wenn doch schon viel mehr Ökostrom produziert wird, als sie überhaupt nachfragen? Energieexperte Fischedick sagt: "Es ist richtig: Der Wechsel zum Ökostromanbieter hat zunächst mehr eine Symbolfunktion. Nur drei bis vier Prozent der neu gebauten Anlagen sind von der Ökostromnachfrage ausgelöst worden – alle anderen durch die EEG-Förderung."

Aber nicht überall, wo "öko" draufsteht, ist es auch drin

Doch laut Heiko von Tschischwitz, Geschäftsführer des größten reinen Ökostromanbieters Lichtblick, haben die Stromwechsler durchaus Einfluss auf den Strommarkt: "Je mehr Kunden wechseln, desto mehr nicht geförderten Ökostrom kaufen wir ein. Außerdem investieren wir in den Neubau von Anlagen." Auch die anderen drei bundesweit agierenden Anbieter Naturstrom, EWS-Schönau und Greenpeace Energy verpflichten sich, Geld in neue Anlagen zu stecken. Aber nicht überall, wo "öko" draufsteht, ist es auch drin. Dagmar Ginzel vom Verbraucherportal Verivox sagt: "Viele Stadtwerke haben es sich sehr einfach gemacht. Sie haben den Strom aus umweltfreundlicher Wasserkraft, den sie auch schon vorher hatten, einfach in einen separaten Ökotarif transferiert." Ähnlich verfahren auch die großen Versorger, sagt Karin Jahn vom Bremer Energie Institut: "Der Strommix aus Atom, Kohle, Wasser und Wind wird bloß neu auf zwei Tarife aufgeteilt. Es gibt dann zwar einen grünen Strom, aber der restliche graue Strom wird bloß noch grauer." Nur wenn der Anbieter sich verpflichte, mit den Einnahmen neue Ökoanlagen zu bauen, werde sich etwas verändern. Götz Schell geht deshalb lieber gleich zum reinen Ökoanbieter. Dort kann er sicher sein, dass sein Geld am Ende nicht doch in der Kasse eines der großen Produzenten wie RWE, Eon, EnBW oder Vattenfall landet.

Allerdings gibt es auch große Anbieter, die versuchen, die Versorgung auf regenerative Energien auszurichten. So haben die überregional anbietenden Stadtwerke Flensburg zwar einen reinen Ökotarif, der sich aus norwegischer Wasserkraft speist. Aber auch der normale Tarif enthält immerhin zu 21 Prozent Strom aus erneuerbaren Energiequellen. Manfred Fischedick sagt: "Wenn viele Stadtwerke auf Ökostrom umschwenken würden, würde das den Prozess natürlich beschleunigen." Auch immer mehr Unternehmen denken um: Alexander Borwitzky, Vertriebschef der Kosmetikkette The Body Shop, stellt gerade seine rund 100 deutschen Filialen auf Strom von Lichtblick um. Er sagt: "Wir wechseln auch zu Ökostrom, um die CO2-Emissionen dauerhaft zu senken, deshalb haben wir uns für ein zertifiziertes Unternehmen entschieden." Bei den Hunderten von Ökotarifen ist ein Zertifikat eine gute Entscheidungshilfe. Es zeigt an, ob Ökostrom der Umwelt nachhaltig zugutekommt. Als führend gelten das TÜVZertifikat, das rund 100 Anbieter besitzen, und das "OK-power-Label". Unternehmen mit diesem Siegel verpflichten sich, den Neubau von Anlagen zu fördern. So leicht der Wechsel in einen Ökotarif auch ist: Es kostet dennoch Kraft, den inneren Schweinehund zu überwinden. Gerade hat der Kabarettist Matthias Deutschmann bei der EWS unterschrieben. "Der Wechsel war längst überfällig, aber ich war immer zu bequem." Nun fühlt er sich besser. "Und teurer ist mein Strom auch nicht."

print

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren