Jede Woche wechseln Tausende Verbraucher zu Anbietern von Ökostrom. Je mehr es werden, desto schneller werden AKWs und Kohlekraftwerke überflüssig.

Schon fünf Prozent des Stromes macht der Wind
Micheal Schmutzer machte es, als der Brief mit der Preiserhöhung kam. Marina Schnoor wusste, dass es Zeit ist, als sie herausfand, wie viel Atomstrom aus ihren Steckdosen floss. Für Götz Schell war es einfach eine Frage des umweltbewussten Lebensstils. Was diese Menschen gemeinsam haben? Sie sind gerade zu einem Ökostromanbieter gewechselt. Michael Schmutzer sagt: "Ich habe die höheren Strompreise zum Anlass genommen, um mich über meinen Versorger zu informieren."
Als der 36-jährige Fachinformatiker aus Bad Tölz dann erfuhr, dass Tölzer Strom zu fast 90 Prozent aus Atomkraft und Kohle gemacht wird, entschloss er sich auszusteigen. Ruck, zuck melde- te er sich per Internet bei Greenpeace Energy an. "Jetzt werde ich auch in meiner Firma eine Mordswerbung für den Wechsel machen. Das muss uns die Umwelt wert sein." Mit dieser Entscheidung hat sich Schmutzer einem wahren Exodus angeschlossen: Zigtausende Deutsche haben in den vergangenen Wochen Stromkonzernen wie Eon, Vattenfall und RWE den Rücken gekehrt, um zu Ökoanbietern zu wechseln. Rund 1000 Neukunden registriert allein das Unternehmen Lichtblick pro Tag. Auch der kleinere Konkurrent Naturstrom vermeldet zehnmal so viele Anmeldungen wie im Vorjahr. Bei Greenpeace Energy herrscht ebenfalls Feierlaune: "Wir verzeichnen pro Monat doppelt so viele Neukunden wie im letzten Jahr", sagt Sprecherin Corinna Hölzel. Nach Berechnungen des Verbraucherportals Verivox ist mindestens jeder siebte neu abgeschlossene Stromtarif ein Ökovertrag. Anfang des Jahres war es gerade mal jeder sechzehnte.
Wer aber heute einen Stromtarif sucht, ist schnell verwirrt, denn auf dem Markt wimmelt es von Ökoangeboten. Neben Greenpeace Energy oder Lichtblick tummeln sich da Anbieter wie Teldafax oder Flexstrom, und auch die großen Konzerne wie RWE oder Vattenfall bieten Strom aus Wasserkraft oder Biomasse an. Absurderweise verdanken die grünen Stromlieferanten ihren Erfolg vor allem den konventionellen Anbietern: "Nach den Störfällen in den Atomkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel gingen unsere Anmeldezahlen noch mal richtig nach oben", berichtet Corinna Hölzel. Auch die Klimadebatte heizt den Wechselwillen der Deutschen offensichtlich an. Marina Schnoor sagt: "Ich will nicht mit schuld sein, dass noch mehr CO2 ausgestoßen wird, und ich will mich auch nicht an irgendwelchen Atomstrom-Sachen beteiligen."Seit Anfang Juni bezieht die 46-jährige Schiffsmaklerin ihren Strom von der Firma Naturstrom, einem überregionalen Anbieter für Elektrizität aus erneuerbaren Energien. Aufgerüttelt durch die Berichte über den Klimawandel, hatte Schnoor im Internet den Strommix ihres Anbieters Eon Hanse recherchiert – der zur Hälfte aus Atomkraft und zu 36 Prozent aus fossilen und anderen Brennstoffen stammt. "Da war für mich klar, dass ich wechseln muss."
Zusätzlich brachten die jüngsten Tariferhöhungen den Wechsel in Schwung: Mehr als 100 Versorger verärgerten Anfang Juli ihre Kunden, weil sie den Wegfall der gesetzlichen Preisaufsicht zu teilweise saftigen Aufschlägen nutzten. Strom aus erneuerbaren Energien ist längst nicht mehr ein Luxus für ökologisch korrekt lebende Besserverdiener, sondern auch für Normalos erschwinglich. "Wir hatten gedacht, wir könnten uns den Wechsel nicht leisten", sagt Waltraud Dietz, 55, aus Delmenhorst. "Aber dann haben wir gesehen, dass der Preisunterschied gar nicht so groß ist." Ein genauer Vergleich lohnt sich: Mancherorts ist heute der grüne Stromtarif sogar der günstigere . "Inzwischen sind die Ökostromanbieter aus der Nische herausgekommen", stellt Manfred Fischedick fest. Der Energieexperte am Wuppertal Institut beobachtet "einen Bewusstseinswandel und einen stärkeren Wunsch in der Bevölkerung, Signale zu setzen". Botschaften, die inzwischen auch in der Politik ankommen – und zwar nicht mehr nur auf der Ebene kleiner Gemeinden: Der Grüne Boris Palmer setzte sich im Wahlkampf um das Amt des Tübinger Oberbürgermeisters mit dem Versprechen durch, alle städtischen Einrichtungen nur noch mit Ökostrom zu betreiben. Für Mehrkosten von lediglich 30.000 Euro im Jahr laufen nun alle städtischen Betriebe, Schulen und Büros mit Strom aus Wasserkraft. Den Bürgern bieten die Stadtwerke ebenfalls Ökostrom an, "und ich nutze jedes Grußwort, um dafür Werbung zu machen", sagt Palmer. Und vor wenigen Tagen erst hat der Stuttgarter Gemeinderat entschieden, ab 2008 ein Viertel des städtischen Strombedarfs aus erneuerbaren Energien zu decken.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 32/2007