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Ihr Geld liegt unter der Straße

Ein Ölfeld größer als Deutschland, Österreich und die Schweiz zusammen - davon leben sie, in North Dakota. Der Öl-Boom lässt einfache Arbeiter zu Millionären werden. Ein Besuch bei Glücksrittern.

Von Norbert Höfler, Williston

  Eine öde Siedlung auf schwarzgoldenem Boden: Unter Williston lagert Öl, das Deutschland 30 Jahre lang mit Energie versorgen könnte

Eine öde Siedlung auf schwarzgoldenem Boden: Unter Williston lagert Öl, das Deutschland 30 Jahre lang mit Energie versorgen könnte

Gleich hinter dem Ortsschild "Williston, North Dakota" beginnt das Job-Wunderland. Es ist Freitagabend, im Walmart herrscht Hochbetrieb. Männer und Frauen in ölverschmierten Overalls stehen Schlange. Als ich an der Reihe bin, schaut die Kassiererin auf und fragt: "Wohl neu in der Stadt? Suchst du 'nen Job? Bei uns fängst du mit 17 Dollar pro Stunde an, nach drei Monaten gibt es 23."

Als ich später im Motel einchecke, steht ein Schild in der Eingangshalle: "Wir suchen Personal." Die Lokalzeitung "Williston Herald" druckt auf Seite eins die Zahl der aktiven Bohrtürme in der Gegend. Ende Dezember waren es 181. Weiter hinten findet man die Stellenanzeigen, in den Jobs auf den Ölfeldern angeboten werden.

Tägliche Ölmenge: 15 Züge mit je 100 Waggons

North Dakota ist das neue Ölland. Hier wurde in den vergangenen Jahren das Fracking perfektioniert, bei dem Öl und Gas unter hohem Druck, mit Wasser und einem Chemikalienmix aus tief in der Erde liegendem Schiefer- und Dolomitgestein gepresst werden. Die Technik stellte den Weltölmarkt auf den Kopf. Noch vor zehn Jahren tröpfelten nur ein paar tausend Barrel pro Tag aus den Quellen im Norden der USA. Heute fördern sie pro Tag 1,1 Millionen Fass (1 Barrel entspricht 159 Liter). Eine Menge, die 15 Züge mit je 100 Waggons füllt. Auch in Texas und vielen anderen US-Bundesstaaten holen sie mit der neuen Fördertechnik täglich Millionen Fass Öl aus dem Boden. Die USA wurden so zur neuen Ölmacht.

Interaktive Grafik
Wie Fracking funktioniert

Wasser, Sand und Chemikalien werden ins Gestein gepresst, um so an riesige Gas- und Ölvorkommen zu gelangen. Die interaktive Grafik zeigt, wie die umstrittene Fracking-Technologie funktioniert.

Obwohl der Ölpreis fällt, in North Dakota glauben sie fest an den unendlichen Boom. Jeder Unternehmer, jede Firmenleiterin, die ich traf, sagten: "Wir suchen gute Leute."

Die Arbeitslosigkeit liegt hier bei 0,8 Prozent. Die Löhne sind überdurchschnittlich. Gesucht werden Hilfsarbeiter und Fachleute. Hauptsache man will wirklich schwer arbeiten. Sogar bei McDonalds zahlen sie 20 Dollar pro Stunde. Ein Lastwagenfahrer, der die Ölfelder beliefert, verdient im Jahr bis zu 120.000 Dollar. Der Durchschnittsverdienst in den USA ist halb so hoch. Die Arbeitslosenquote im Land liegt bei sechs Prozent.

Nach Williston, dem Zentrum des Booms, zieht es die modernen Golddigger. Drei typische Geschichten:

Rich Vestal, 66, ehemaliger US-Soldat ...

... aus Montana, in den 80er Jahren in Garmisch-Partenkirchen stationiert, machte das Öl zum Millionär.

Rich Vestal hält es in neuen Konferenzraum seiner Firma nicht lange aus. Er will lieber zeigen, womit seine Firma 50 Millionen Dollar Umsatz pro Jahr macht und das geht am besten von seinem schweren roten Geländewagen aus.

Vestal ist ein Größe in Williston. Seiner Firma Red River Supply gehören über 100 Lastwagen, ein eigener Rangierbahnhof mit Diesellock, zig Lagerhallen, Silos und Spezialgerät. Vestal versorgt die Ölförderer in der Region an 365 Tagen und rund um die Uhr mit Material - vom Bohrgestänge bis zur ausgeklügelten Mischung aus Sand und Chemikalien zum Frakken. Er sagt: "Ich wachse mit meinen Kunden." Was in seinem Fall eine Verdopplung des Geschäftes alle paar Jahre bedeutet - und eine Beinahe-Pleite.

In den 80er hätte es ihn fast gefaltet

"Während der Krise in den 80er Jahren hätte es mich beinahe gefaltet", erzählt er. Damals fiel der Ölpreis ins Bodenlose und löste eine Kettenreaktion aus: Die Ölförderer zogen ab, die Zulieferer kollabierten, Geschäfte und Restaurants schlossen. Viele zogen weg. Williston schrumpfte. Rich Vestal lernte daraus, dass der Ölpreis unberechenbar ist, dass man sich im Boom auf die nächste Krise vorbereiten muss.

Abends im "The Williston", einem Restaurant und Unternehmerclub, erklärt Vestal wie er seine Firma führt. Seine Finanzierungsmethode sei sehr altmodisch, warnt er und erzählt dann: "Wenn ich Geld übrig hab’, kauf ich mir was." Das sei mal ein Lastwagen für 100.000 Dollar, eine Lagerhalle oder eine neue Firmenzentrale für ein paar Millionen. Mit Banken arbeite er so wenig wie möglich zusammen. Wenig Schulden, kleines Risiko.

700 Quadratmeter-Ranch in Montana

An der Bar sitzen Männer mit schmutzigen Arbeitsstiefeln. Vestal zeigt hinüber: "Viele von denen sind sehr reich. Manche haben Ferienhäuser in Florida oder Kalifornien." Vestal selbst gehört eine 700 Quadratkilometer große Ranch in Montana. Übers Wochenende fliegt er mit einem seiner drei eigenen Flugzeuge gern dort hin. "Es ist so ruhig. Keine Menschenseele. Wunderbar."

Geschäfte in Millionenhöhe werden im Williston per Handschlag geregelt. "Ich mach das auch so", sagt Vestal. Verträge zu schreiben, dauere zu lange und sei zu teuer. Oft wären die Selfmade-Unternehmer auch gar nicht in der Lage dazu, einen mehrseitigen Vertrag aufzusetzen.

Am Nebentisch sitzt ein Farmer mit seiner Frau. Vestal erzählt: "Sie hatten Glück. Viele Familien haben die Schürfrechte unter ihrem Grund und Boden vor Jahren an Ölfirmen verkauft. Die beiden haben alles behalten und bekommen jetzt jeden Monat einen fetten Scheck für das Öl, das aus ihren Quellen sprudelt." Stille Millionäre, nennt man diese Leute in Williston. Sie sitzen buchstäblich auf ihrem Reichtum. Wenn der Ölpreis wieder steigt, schwimmen sie im Geld.

Das Geld liegt unter der Straße

Vestal sagt: "Das Bakken-Ölfeld ist für uns wie eine Bank. Das Geld liegt da drin. Man muss es nur rausholen." Er glaubt, dass auch noch die Kinder seiner Enkel vom Öl unter North Dakota leben werden.

Anetta Replogle, 42, ehemalige Barfrau ...

... Anetta Replogle, 42, eine ehemalige Barfrau aus Las Vegas, will in Willison reich werden. Sie sagt: "Das Öl ist die Chance meines Lebens."

Anetta Replogle hat schon viel ausprobiert. Mit 19 zog sie aus einem kleinen Dorf in Kalifornien nach Las Vegas. Sie arbeitete in Bars und Casinos. ("Glaub mir, mich haut nix um.") Zuletzt liefen die Geschäfte in der Spielerstadt schleppend. Vor vier Jahren suchte Replogle im Internet nach "Boomregionen in den USA" und fand auf den vorderen Plätzen "Williston". "Als ich in die Stadt kam, campierten auf dem Parkplatz von Walmart 500 Leute. Für sie gab es keine Häuser und keine Wohnungen.

Auch Replogle schlief in ihrem Auto, dann in einer billigen Unterkunft. Dort kam das Wasser aus einem alten Bohrloch. Es war so verseucht, dass sich ihre Haare lila färbten. Also duschte sie in den Baracken der Ölarbeiter nebenan. Heute gehört ihr ein Männercamp mit 40 Betten. Die Nacht kostet 25 Dollar. Und sie kaufte das Cafe "The Daily Addiction" auf der Hauptstraße, das schnell zum Treffpunkt für die Teenager und die jungen Mütter der Stadt wurde.

Einwohnerzahl in zehn Jahren verdoppelt

Nun will Anetta Replogle die "kleine Krise" nutzen und weitere Grundstücke und Immobilien dazu kaufen. Die Preise seien jetzt günstig. Zeit für einen Mann habe sie nicht. Anetta ist Single. "Die Straßen waren hier nie mit Gold belegt, du musst hart arbeiten."

Am runden Tisch beim Fenster sitzt Christie Smith mit Freundinnen. Sie reden über die Löhne ihrer Männer. Christies Mann, der auf einem Bohrturm arbeitet, bekam im letzten Monat keinen Bonus mehr. Als sie davon erzählt, gehen im Cafe die Lichter und die Musik aus. "Keine Sorge, ruft Replogle, ich hab meine Stromrechnung bezahlt." Das Stromnetz bricht hier manchmal zusammen. Williston wächst zu schnell. Die Zahl der Einwohner verdoppelte sich in den vergangenen zehn Jahren auf inzwischen über 30.000.

Anetta sagt: "Das Ölfeld unter unseren Füßen ist wie Las Vegas. Es wird so schnell nicht erledigt sein."

  stern-Korrespondet Norbert Höfler (M.) in Williston mit Dan Sundaker (l.)

stern-Korrespondet Norbert Höfler (M.) in Williston mit Dan Sundaker (l.)

Amerika sitzt auf Öl. Rund neun Millionen Barrel werden jeden Tag von North Dakota bis Texas aus dem Boden gefrackt und gepumpt. Und obwohl Fracking relativ teuer ist Um wirtschaftlich zu arbeiten, müsste der Preis pro Barrel bei rund 60 Dollar betragen. Aktuell liegt er nicht einmal bei 50 Dollar, zurzeit lohnt sich der Aufwand also nicht. Doch das ist egal, die USA werden dennoch weiterhin das Öl aus den Böden pressen. Das hat nun noch einmal das Energieministerium bestätigt.

Denn der neue Kraftstoffreichtum hilft dem ganzen Land. Niedrige Energiepreise stabilisieren und beleben die Wirtschaft. Sogar für Unternehmen wie Dow Chemical, BASF oder Alcoa, die für ihre Produktion viel und günstige Energie brauchen, bleiben die USA als Standort attraktiv. Sie bauen sogar neue Fabriken im Land. US-Präsident Barack Obama spricht schon von einer "Re-Industrialisierung" der USA. Die Wirtschaft des Landes wuchs im dritten Quartal um sensationelle fünf Prozent. Die Welt erlebt eine Ölschwemme. Die Preise für ein Fass Öl fiel im letzten halben Jahr um fast 50 Prozent.

Dan Sandaker, der Pionier in Williston

Seit 15 Jahren schuftet er auf den Ölfeldern. Er hat es vom "Roughneck", einer der jede Drecksarbeit macht, zum Chef auf dem Bohrturm gebracht. Ein stolzer Mann.

Dan Sundaker führt an diesem Samstagnachmittag das Kommando im Bohrturm hinterm Bahndamm. Er könnte von hier oben die zahlreichen Kirchtürme von Williston sehen, die neuen Wohnsiedlungen und Lagerhallen, den vereisten Seitenarm des Missouri, die fünf Fasanen im Ufergestrüpp.

Aber sein Blick ist fest auf die drei Monitore gerichtet, seine Rechte hält den Joystick. Gleich erreicht der Bohrer die 600 Meter Marke. Dann sind es noch 2500 Meter bis der Edelstahlkopf die Bakken-Formation erreicht, eine gigantische Erdöllagerstätte. Sie ist zwar nur 40 Meter dick aber mit 520.000 Quadratkilometern so groß wie Deutschland, Österreich und die Schweiz zusammen.

Den Boom von Anfang an miterlebt

Der Bohrer biegt dann langsam ab bis er sich viele Kilometer weit horizontal Richtung Süden, ins innere des Bakken frisst. Später demontieren sie den Bohrturm und die Frakker gehen ans Werk. 24 Milliarden Barrel Öl sollen dort unten lagern. Eine Menge, mit der man den Bedarf Deutschlands 30 Jahre lang decken könnte.

Sundaker hält die Maschine an, neues Bohrgestänge wird aufgesetzt. Zeit zum Reden. Er hat den Boom in North Dakota von Anfang an miterlebt. Seit 15 Jahren ist er dabei. Damals kippten sie den giftigen Bohrschlamm noch in tiefe Gruben neben der Förderstelle, die Technik war klobig, Fracking sehr dreckig und noch sehr teuer. Heute wird viel effizienter und sauberer gearbeitet. Sogar der Bohrschlamm wird vor Ort aufbereitet und was dann noch übrig bleibt auf spezielle Deponien gekarrt.

North Dakota erlebte eine Öl-Bonanza. Der Preis für Erdöl stieg im vergangenen Sommer auf über 115 Dollar pro Fass. Jede Quelle des Bakken-Ölfeldes war bei diesem Preis rentabel. Bei 60 Dollar pro Barrel ändert sich das. "Viel tiefer darf es nicht gehen", sagt Sundaker, "sonst müssen viele aufgeben." Der Ölproduzent Oasis Petroleum, für den Dan Sundaker arbeitet, kündigte zum Jahresbeginn an, die Zahl seiner Bohrtürme nach und nach von 16 auf sechs zu reduzieren.

Der Ölpreis steigt wieder. Jede Wette

Sundaker will fest daran glauben, dass der Ölpreis schon in ein paar Monaten wieder steigt. "Das ist mein Gefühl", sagt er. Und wenn nicht? "Dann halten wir die Produktion an, die Pumpen können jederzeit aus- und angeschaltet werden." Anders als im Bergbau müssen die Förderstellen während eines Stillstandes nicht aufwändig gewartet werden.

Sundaker kennt das aus der Krise von 2008. Der Ölpreis sank in wenigen Monaten von 136 Dollar pro Fass auf unter 30 Dollar. Erst wurden Überstunden reduziert, später Bohr- und Förderanlagen eingemottet und Leute entlassen. Zwei Jahre später kehrte der Ölboom zurück. Stärker denn je. Darauf will er wetten.

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