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Bitte keinen Sex-Skandal, wir sind Ergo

Ergo versucht, mit einer PR-Kampagne ihren Ruf aufzumöbeln. Das geht nach hinten los. Zumal die "Klartext-Initiative" des Konzerns von juristischen Attacken gegen das "Handelsblatt" begleitet wird.

Von Thomas Schmoll

  Das Schwimmbecken der Gellert-Therme in Budapest. In dem Heilbad fand die Orgie der Ergo-Tochter Hamburg-Mannheimer statt.

Das Schwimmbecken der Gellert-Therme in Budapest. In dem Heilbad fand die Orgie der Ergo-Tochter Hamburg-Mannheimer statt.

Beim Thema Sex kennen manche Deutsche keinen Spaß. Notfalls bemühen sie Juristen, um unliebsame Berichterstattung zu verhindern. Zum Beispiel der Papst. Oder auch die Ergo-Versicherung. Beide gehen juristisch gegen deutsche Blätter vor. Dem Papst gefällt ein Titelbild der "Titanic" nicht, das ihn in befleckter Soutane zeigt. Der Ergo gefällt die Berichterstattung des "Handelsblatt" nicht. Der Versicherungskonzern untersagte der Wirtschaftszeitung per Einstweiliger Verfügung, einen Bericht der Konzernrevision über Sex-Reisen zur Belohnung besonders erfolgreicher Mitarbeiter zum Download anzubieten. Laut "Handelsblatt"-Chefredakteur Gabor Steingart begründen die Ergo-Anwälte ihre Forderung mit dem Urheberrecht der Versicherung. Die Revisionsberichte seien wie ein Stück Literatur zu behandeln. Steingart: "Wenn das Literatur ist, dann allenfalls Schundliteratur."

Zur Erinnerung: Das "Handelsblatt" deckte den Sex-Skandal der Ergo auf. 2007 feierten Mitarbeiter eine Orgie in Budapest. Die Einzelfallversion von Vorstandschef Torsten Oletzky bröckelt. Das Unternehmen räumte inzwischen Sex-Reisen auf Firmenkosten in ein Swingerhotel auf Jamaika und nach Mallorca ein. Nur war es eben nicht der Konzern selbst, der das publik machte, sondern wiederum das "Handelsblatt". Die Einstweilige Verfügung und das zögerliche Agieren passen alles andere als zur mehrfach groß angekündigten Transparenzoffensive, die Ergo kurz nach Auffliegen der Budapest-Orgie versprach. Schließlich gehöre zum Leitbild der Firma, "das Vertrauen ebenso wichtig ist wie der Vertrag".

Vorhang auf für die "Klartext-Initative"

Ergo beschloss Mitte 2011 eine Kampagne zum Aufmöbeln des ramponierten Rufs. Das Unternehmen nannte die PR-Offensive "Klartext-Initiative". Kunden durften Fragen stellen, Ergo antwortete. Am Sonntag warb der Konzern im Internet mit einem 83 Seiten umfassenden Bericht mit 179 Fragen und Antworten. Auch wenn der Konzern auf den Sex-Skandal eingeht und auch den Vorwurf, bei der Riester-Rente abgezockt zu haben, ist das Schriftstück eine einzige Peinlichkeit. Denn das Unternehmen versucht, die Budapest-Affäre als Marginalie zu behandeln nach dem Motto: Es gibt Wichtigeres. Mallorca und Jamaika kommen gar nicht erst vor. So wirkt die allererste Frage wie (ungewollte) Selbstironie: "Was soll dieses Heft?" Die Frage stellt sich der Leser erst Recht, wenn er die Broschüre gelesen hat.

Mit der Antwort versucht sich Ralf Königs, Ergo-Kundenanwalt, der einschläfernd erklärt: "Versichern heißt verstehen: Das ist unser Versprechen an unsere Kunden. Unter diesem Motto haben wir intern einen Veränderungsprozess gestartet und innerhalb unserer Organisation zahlreiche Projekte, Initiativen und Instanzen geschaffen, die das Versprechen mit Leben füllen." Über Budapest, Auslöser der Initiative, verliert er kein einziges Wort. Auf Seite 10 taucht der Sex-Skandal erstmals auf: im Inhaltsverzeichnis unter "zur Sache: Budapest". Und auf Seite 11 heißt es in der Rubrik "Das ERGO Jahr im Zeitraffer" schüchtern: "18. Mai - Das 'Handelsblatt' berichtet über eine Party mit Prostituierten anlässlich einer Incentive-Reise von Vermittlern der Hamburg-Mannheimer im Jahr 2007 nach Budapest." Es fällt auf, dass die Autoren hier den Firmennamen der Tochter verwenden. Inhaltlich korrekt, aber es sticht ins Auge, weil ansonsten immer von Ergo die Rede ist. Weiter geht es im Zeitraffer: "1. Juli - Die Klartext-Initiative startet..."

"Herr Oletzky, wie war Ihr Jahr?"

Bevor Vorstandschef Torsten Oletzky das Wort an die Kunden richtet, werden bedeutsame Fragen beantwortet wie "Wer mischt bei ERGO alles mit?" Und "Sind große Unternehmen in Wirklichkeit nicht Spielplätze für große Jungs?" Dann hat der Ergo-Boss das Sagen. Und das schlägt dem Fass den Boden aus. "Herr Oletzky, wie war Ihr Jahr?" Der Konzernchef: "Es gab Licht und Schatten. Wir haben unsere Neuausrichtung einen guten Schritt vorangebracht. ERGO ist heute transparenter, verständlicher und steht insgesamt viel mehr im Dialog mit Kunden als noch vor ein, zwei Jahren. Andererseits gab es unerfreuliche Dinge, die Schatten auf ERGO warfen – und dafür sorgten, dass wir uns im vergangenen Jahr öffentlich mit vielen unangenehmen Themen auseinandersetzen mussten." Der Fragesteller hakt nicht nach, sondern hakt Budapest ab: "Davon war ja schon viel die Rede, mich interessiert aber heute eher ein anderes Thema." Anschließend darf sich Oletzky umfassend selbstfeiern und beweihräuchern. Endlich, auf Seite 26, erhält der Kunde Auskunft zum Sex-Skandal. Bruno Viggen, seit 1984 im Unternehmen und Chef der Revision wirkt bei seinen Aussagen wenigstens authentisch. Man glaubt ihm, wenn er schildert, wie schockiert er war - Budapest "ist mir bis heute ein Rätsel - und dass die damaligen Firmenstrukturen solche Reisen leichter ermöglichten. "Wenn ein unzureichendes internes Kontrollsystem auf Personen trifft, die eine solche Idee unterstützen, lassen sich solche Auswüchse kaum verhindern." Viggen versucht auch nicht zu beschönigen. Er schildert, wie der Skandal intern aufgedeckt wurde. "Wir sprachen mit allen, die heute noch in der HMI (der Vertrieb - die Red.) aktiv sind, und werteten Gruppenfotos aus. Auf diese Weise konnten wir die 64 Teilnehmer identifizieren.

Späte Einsicht

Viggen gibt auch zu: "Hätte nicht jemand ein Interesse daran gehabt, das Thema in die Medien zu bringen, wüssten wir heute noch nicht, was auf dieser Reise passiert ist." Übrigens wurden die Mitarbeiter der Revision für ihre Aufklärungsarbeit mit einer Reise belohnt. Laut Viggen fiel die Wahl auf einen Ort, "an dem man ganz regelkonform Spaß haben kann: ins Phantasialand." Trotzdem fragt man sich, warum die Auskunft erst auf Seite 26 erteilt wird.

Auf der nächsten Seite beteuert das Unternehmen abermals: "Nach der Budapestreise ist allen klar geworden, welche Auswirkungen das Fehlverhalten Einzelner auf die Reputation eines ganzen Unternehmens haben kann." Sicher, so funktioniert PR, aber es ist extrem platt, was Ergo den Lesern zumutet. Dabei ist das Anliegen, die komplizierte Materie der Versicherungen verständlich zu machen und die Kunden nicht allein zu lassen, redlich und richtig. Nur, bitte, nicht so. Oletzky sagt: "Ich blicke mit einem gesunden Schuss rheinischem Optimismus in die Zukunft. Was ich jetzt schon sehe: Es bleibt anstrengend." Und wohl deshalb will er Reisen weiter als Belohnung Mitarbeitern schenken. "Motivation spielt in jedem Vertrieb eine wichtige Rolle", verkündet der Konzernchef im "Focus".

Thomas Schmoll
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