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Wie kann ein mieses Pflegeheim super Noten bekommen?

Vernachlässigte Menschen, Misshandlungen, Abrechnungsbetrug und Untreue: Gegen das Pflegeheim "Haus der Heimat" laufen sechs Ermittlungsverfahren. Dabei hatte das Altenheim Spitzen-Noten bekommen. Was ist schief gelaufen?

Pflegeheim: Gegen das "Haus der Heimat" wird ermittelt

Pflegeheim: Gegen das "Haus der Heimat" wird ermittelt (Symbolbild).

Was die Kontrolleure im Juli 2016 im Pflegeheim "Haus der Heimat" zu sehen bekommen haben, muss selbst hartgesottene Profis geschockt haben. Sie fanden Bewohner des Altenheims im eigenen Kot vor, von Wechselwäsche fehlte jede Spur. Einige Bewohner waren wochenlang nicht geduscht worden, berichtet die "taz". Die Betten seien verdreckt gewesen und lose Kabel hingen in den Zimmern herum, zitiert der "NDR" aus einem Bericht des für das Hedemündener Heim zuständige Gesundheitsamtes in Göttingen. Die Beurteilung im Prüfbericht überrascht wenig: "Menschenunwürdig" seien die Zustände. Das Heim musste sich schon 2015 mit massiver Kritik auseinandersetzen. Dennoch konnte sich das Heim bis zum Sommer mit einer guten Note schmücken.

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Pflegeheimbetreiber

Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft in sechs Verfahren gegen das Pflegeheim. Neben den gruseligen Zuständen geht es auch um den Vorwurf der körperlichen Misshandlung. Ein Pfleger soll demente Bewohner misshandelt haben. Außerdem steht der Verdacht der Körperverletzung im Raum: Eine Heimbewohnerin war mit offenem Rücken in die Göttinger Uniklinik eingeliefert worden. Bei der Aufnahme soll sie bereits eine Hautschädigung gehabt haben, berichtet die "HNA". Doch das ist noch nicht alles: Auch Abrechnungsbetrug und Unterschlagung des Taschengeldes wird dem Heim vorgeworfen. "Es besteht Anlass zur Sorge um die Bewohnerinnen und Bewohner des Heimes. Die jüngsten Überprüfungen der Heimaufsicht und des Gesundheitsamtes in der Einrichtung haben Mängel zutage gefördert, wie auch Probleme beim Umgang mit Schmerzen, Versorgung chronischer Wunden und der Versorgung mit Flüssigkeit und Nahrung", so der Landtagsabgeordnete Grant Hendrik Tonne (SPD) in einer Pressemitteilung. Er hatte eine mündliche Anfrage zu dem Heim an die niedersächsische Landesregierung gestellt.

Prüfung der Pflegeheime: Bestnoten für alle

Doch wie konnte es soweit kommen? Tatsache ist, dass das Heim zwar seit vergangenem Jahr im Fokus steht, doch bis dahin recht unbehelligt arbeiten konnte. Und mit einer super Bewertung gesegnet war. Seit 2009 prüft der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) die Qualität der Häuser, veröffentlicht die Berichte im Intenet und vergibt Schulnoten. So sollen Angehörige die passende Einrichtung finden. Doch das System steht seit Beginn in der Kritik. Häuser können Punktabzüge bei der Pflege und der medizinischen Versorgung durch gutes Essen oder große Zimmer ausgleichen. Das Ergebnis: In Deutschland haben fast alle Häuser Bestnoten, im Durchschnitt sind die Einrichtungen mit einer 1,3 bewertet. Auch das "Haus der Heimat" konnte sich mit der vergebenen Note 1,6 schmücken.

Nach der Überprüfung des Heims im Sommer erhielt die Einrichtung nur noch eine 3,3. Im Bericht der Prüfer wird die Frage: "Ist der Gesamteindruck der stationären Pflegeeinrichtung im Hinblick auf Sauberkeit, Ordnung und Geruch gut?" mit "Nein" beantwortet. Der Bereich der "sozialen Betreuung" erhielt die Teilnote 4,1. Inzwischen hat der Landkreis die Aufnahme weiterer Bewohner in das "Haus der Heimat" gestoppt. Die Heimleitung habe einen Maßnahmenkatalog erhalten, Mängel müssten nun beseitigt werden, berichtet der "NDR". Der Landkreis sei zuversichtlich, die Zustände hätten sich bereits verbessert. "Besucher des Hauses zweifeln jedoch an den Aussagen des Landkreises. Es werde gerade nur das absolute Minimum dessen erledigt, was verlangt werde", so der "NDR".

Betreiberin verantwortet noch ein zweites Pflegeheim

Die Betreiberin ist für die Staatsanwaltschaft keine Unbekannte, denn Bettina K. war auch in einem anderen Pflegeheim als Geschäftsführerin eingesetzt. Das Seniorenheim "Inselfrieden" auf Norderney ist inzwischen insolvent. Auch dort waren die Zustände katastrophal: Von "herumliegenden Windeln" berichtet der "NDR" und von "vergessenen Medikamenten". Einer der Bewohner musste nachts dehydriert ins Krankenhaus eingeliefert werden. "Da wurde dann festgestellt, dass die Nieren nicht mehr richtig arbeiteten, er hatte eine Lungenstauchung und einen ganz entzündeten Po, es war rohes Fleisch", berichtet die Nichte des Bewohners dem "NDR". Auch im Seniorenheim Inselfrieden soll es Unregelmäßigkeiten beim Taschengeld der Bewohner gegeben haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Körperverletzung. Auch dieses Heim konnte lange Zeit mit super Bewertungen glänzen: Der MDK benotete das Heim mit 1,1. 

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