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"In vielem zutiefst zuwider"

Der vom stern enthüllte Skandal um Schecks und Geschenke an Ärzte zeigt Wirkung: Pharmareferenten weht in Arztpraxen ein eisiger Wind ins Gesicht. Der Medikamentenhersteller Ratiopharm feuerte zwei Top-Manager. Doch die entscheidende Person sitzt weiter fest im Sattel.

Von Markus Grill

Timo Ried, Besitzer der Engel-Apotheke im Stadtzentrum von Ulm, gibt zu, dass der Fall Ratiopharm mittlerweile "Stadtgespräch" sei. "Ich bin entsetzt", sagt der Apotheker. "Ratiopharm hat einen immensen Imageschaden verursacht." Er fürchtet, dass Ärzte und Apotheker "jetzt unter Generalverdacht stehen". Viele Ärzte würden in Zukunft wohl weniger häufig die Präparate des Generika-Herstellers mit Sitz in Ulm verschreiben, vermutet Apotheker Ried. Er selbst will allerdings weiter Ratiopharm-Pillen abgeben, "weil ich von der Qualität überzeugt bin".

Sieben Tage, nachdem der stern enthüllte, dass Ratiopharm Ärzte systematisch mit Schecks motiviert, die hauseigenen Pillen zu verschreiben, hat die Ratiopharm-Eigentümerfamilie Merckle den Geschäftsführer Claudio Albrecht entlassen. Auch Finanzchef Peter Prock musste gehen. Als Vertreter der Familie erklärte Philipp Daniel Merckle den Rausschmiss in der "FAZ" mit drastischen Worten: "Die Folgen der bisherigen Führung sind mir in vielem zutiefst zuwider."

Dass der 39-jährige Philipp Daniel Merckle seinem Ex-Geschäftsführer nun Vorwürfe hinterherschleudert, wertet der Geschasste als "Versuch, meinen Ruf zu ruinieren". Mündlich habe man sich, so Albrecht, auf ein verklausuliertes Statement verständigt gehabt, in dem von "Divergenzen über die Art und Weise, wie das Geschäft zu führen ist", die Rede hätte sein sollen. Fünf Jahre lang leitete Claudio Albrecht die Firma Ratiopharm wirtschaftlich sehr erfolgreich, wie er sagt - von Merckle sei er nun aber "menschlich tief enttäuscht", so Albrecht zum stern. "Seine öffentlichen Angriffe auf meinen Führungsstil finde ich geschmacklos", erklärte der gebürtige Tiroler bereits am Montag in der "Tiroler Tageszeitung".

Im Hause Merckle versteht man indessen immer noch nicht recht, wieso ausgerechnet Ratiopharm in die Kritik geraten konnte. Schließlich wende man doch nur eine Vertriebspraxis an, die mehr oder weniger alle pflegten: Apotheker mit Gratis-Packungen überhäufen, um die eigenen Medikamente in den Markt zu drücken, und Ärzten die eine oder andere finanzielle Gefälligkeit erweisen, damit diese auch weiter die eigenen Pillen verschreiben.

Das Unverständnis in der Firma hängt auch damit zusammen, dass sich gerade die Merckles immer als besondere Unternehmer verstanden, die auf den Gleichklang von Ethik und Monetik achten. So leisten sie sich eine eigene Firmenpfarrerin mit Büro auf dem Betriebsgelände. Firmenpatriarchin Ruth Merckle engagierte sich in der "Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Unternehmer" (AEU). Deren Geschäftsführer berichtet in der Mitarbeiterzeitung "Die Pharmer": "Ich erinnere mich, wie sie half, das Gebet vor Vorstandssitzungen der AEU wieder einzuführen."

Auch eher ungewöhnlich für Pharmakonzerne: 2004 erhielten alle Ratiopharm-Mitarbeiter das Losungsbuch der Herrnhuter Brüdergemeinde mit Bibelworten für jeden Tag. "Die Losungen geben Halt in der Unbeständigkeit des Alltags", hieß es in dem beiliegenden Brief von Philipp Daniel Merckle.

Zum Blättern in den Losungen besteht nun reichlich Anlass. Denn den Außendienstmitarbeitern von Ratiopharm weht seit der stern-Enthüllung ein steifer Wind ins Gesicht, wenn sie Arztpraxen und Apotheken besuchen - falls sie nicht gleich wieder rausfliegen. "In meiner Praxis wird diese Firma keine Rolle mehr spielen", schreibt etwa Allgemeinmediziner Wulf-Dieter Möhring aus Leutkirch in einem Brief an den stern.

Dass nach dem Rausschmiss von Geschäftsführer Albrecht jetzt vieles anders wird, kann bezweifelt werden. Denn Albrecht fand bei seinem Eintritt in die Firma im Jahr 2000 eine Vertriebspraxis vor, die schon lange vor ihm eingeübt worden war. So regelt ein firmeninternes Protokoll aus dem Jahr 1997 unter der Überschrift "Fortbildungsanträge/Honorarwünsche" die Bedingungen für die Geldzahlungen an Ärzte: "Anträge werden nur noch genehmigt, wenn der entsprechende Arzt/Ärztin bereit ist, seine Verordnungen offen zu legen. Leistung und Gegenleistung." Es folgt eine Beschreibung der Methoden, mit denen man nachweisen kann, dass der Arzt sich an sein "Verordnungsversprechen" hält.

Schon damals war Dagmar Siebert für die Außendienstmitarbeiter zuständig, heute ist sie Geschäftsführerin Vertrieb und Marketing bei Ratiopharm. Siebert ist in der Firma groß geworden. Von ihr stammen die entscheidenden E-Mails über aggressive Rabattaktionen ("Für diese Aktion gilt absolutes Faxverbot") oder fragwürdiges Marketing bei Ärzten ("Setzen Sie alle Möglichkeiten/Budgets ein, um Mehrumsatz zu generieren"), die der stern vor zwei Wochen veröffentlichte.

Nach Erscheinen des stern

lud Siebert eiligst für Freitag, 11. November, alle Pharmareferenten in Deutschland zu einer Tagung ins Sheraton-Hotel am Frankfurter Flughafen ein. Doch der Termin wurde am Abend zuvor wieder abgesagt - offenbar hatte sich das Krisenmanagement von Geschäftsführer Albrecht durchgesetzt, der fürchtete, Inhalte der Nottagung könnten öffentlich werden.

Siebert musste bislang ihren Schreibtisch nicht räumen. Insider schätzen, dass die Vertriebschefin zu viel Pikantes weiß, um gekündigt zu werden. Regelmäßig trifft sie sich als Mitglied der "Task Force Pharma" mit Vertretern aus dem Gesundheits- und dem Wirtschaftsministerium. Daneben sitzt Dagmar Siebert auch im Verwaltungsrat der AOK Baden-Württemberg.

Ein Posten, der wertvoll für Ratiopharm sein kann: So bekommt sie mögliche Abwehrreaktionen der Krankenkassen gegen die Praktiken des Ulmer Unternehmens frühzeitig mit. Schließlich ist Siebert Vorsitzende des Verbandes Pro Generika, in dem sich alle großen Hersteller nachgebauter Medikamente zusammengeschlossen haben. Ein Posten, an dem sie auch nach den Schlagzeilen über Ratiopharm festhält.

Am Donnerstag vergangener Woche, als Ratiopharm-Chef Albrecht seinen Schreibtisch im Beisein von Anwälten räumen musste, meldeten sich die Spitzenverbände der gesetzlichen Krankenkassen zum Fall Ratiopharm zu Wort. Als Konsequenz aus den Berichten über die Schecks an Ärzte verlangen die Krankenkassen von der Bundesregierung "die Gleichbehandlung von niedergelassenen und staatlich angestellten Ärzten in Fragen des Korruptionstatbestandes". Die Dachverbände von AOK, BKK und IKK erklärten sich auch bereit, in der von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt angekündigten Expertengruppe in Sachen Korruption im Gesundheitswesen mitzuarbeiten. Allerdings fordern sie, dass dies "nicht wieder auf eine bloße Selbstverpflichtung von Pharmaunternehmen hinauslaufen" dürfe.

Wie wenig freiwillige Regeln helfen, zeigt die schon bisher gültige Musterberufsordnung für Ärzte, nach der kein Mediziner "für die Verordnung von Arzneimitteln eine Vergütung annehmen darf". Eckart Fiedler, Chef der Barmer Ersatzkasse, fordert nun im stern drastische Strafen für Sünder: Die Ärztekammern sollten jene Ärzte, die regelmäßig Geld von Pharmafirmen genommen haben, "konsequent bestrafen, bis hin zum Entzug der Zulassung".

Mitarbeit: Mathias Rittgerott

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