"In vielem zutiefst zuwider"

1. Dezember 2005, 16:37 Uhr

Der vom stern enthüllte Skandal um Schecks und Geschenke an Ärzte zeigt Wirkung: Pharmareferenten weht in Arztpraxen ein eisiger Wind ins Gesicht. Der Medikamentenhersteller Ratiopharm feuerte zwei Top-Manager. Doch die entscheidende Person sitzt weiter fest im Sattel. Von Markus Grill

Der Sitz des Pharmakonzerns Ratiopharm in Ulm©

Timo Ried, Besitzer der Engel-Apotheke im Stadtzentrum von Ulm, gibt zu, dass der Fall Ratiopharm mittlerweile "Stadtgespräch" sei. "Ich bin entsetzt", sagt der Apotheker. "Ratiopharm hat einen immensen Imageschaden verursacht." Er fürchtet, dass Ärzte und Apotheker "jetzt unter Generalverdacht stehen". Viele Ärzte würden in Zukunft wohl weniger häufig die Präparate des Generika-Herstellers mit Sitz in Ulm verschreiben, vermutet Apotheker Ried. Er selbst will allerdings weiter Ratiopharm-Pillen abgeben, "weil ich von der Qualität überzeugt bin".

Sieben Tage, nachdem der stern enthüllte, dass Ratiopharm Ärzte systematisch mit Schecks motiviert, die hauseigenen Pillen zu verschreiben, hat die Ratiopharm-Eigentümerfamilie Merckle den Geschäftsführer Claudio Albrecht entlassen. Auch Finanzchef Peter Prock musste gehen. Als Vertreter der Familie erklärte Philipp Daniel Merckle den Rausschmiss in der "FAZ" mit drastischen Worten: "Die Folgen der bisherigen Führung sind mir in vielem zutiefst zuwider."

Dass der 39-jährige Philipp Daniel Merckle seinem Ex-Geschäftsführer nun Vorwürfe hinterherschleudert, wertet der Geschasste als "Versuch, meinen Ruf zu ruinieren". Mündlich habe man sich, so Albrecht, auf ein verklausuliertes Statement verständigt gehabt, in dem von "Divergenzen über die Art und Weise, wie das Geschäft zu führen ist", die Rede hätte sein sollen. Fünf Jahre lang leitete Claudio Albrecht die Firma Ratiopharm wirtschaftlich sehr erfolgreich, wie er sagt - von Merckle sei er nun aber "menschlich tief enttäuscht", so Albrecht zum stern. "Seine öffentlichen Angriffe auf meinen Führungsstil finde ich geschmacklos", erklärte der gebürtige Tiroler bereits am Montag in der "Tiroler Tageszeitung".

Philipp Daniel Merckle, 39, übernahm selbst die Geschäftsführung von Ratiopharm©

Im Hause Merckle versteht man indessen immer noch nicht recht, wieso ausgerechnet Ratiopharm in die Kritik geraten konnte. Schließlich wende man doch nur eine Vertriebspraxis an, die mehr oder weniger alle pflegten: Apotheker mit Gratis-Packungen überhäufen, um die eigenen Medikamente in den Markt zu drücken, und Ärzten die eine oder andere finanzielle Gefälligkeit erweisen, damit diese auch weiter die eigenen Pillen verschreiben.

Das Unverständnis in der Firma hängt auch damit zusammen, dass sich gerade die Merckles immer als besondere Unternehmer verstanden, die auf den Gleichklang von Ethik und Monetik achten. So leisten sie sich eine eigene Firmenpfarrerin mit Büro auf dem Betriebsgelände. Firmenpatriarchin Ruth Merckle engagierte sich in der "Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Unternehmer" (AEU). Deren Geschäftsführer berichtet in der Mitarbeiterzeitung "Die Pharmer": "Ich erinnere mich, wie sie half, das Gebet vor Vorstandssitzungen der AEU wieder einzuführen."

Auch eher ungewöhnlich für Pharmakonzerne: 2004 erhielten alle Ratiopharm-Mitarbeiter das Losungsbuch der Herrnhuter Brüdergemeinde mit Bibelworten für jeden Tag. "Die Losungen geben Halt in der Unbeständigkeit des Alltags", hieß es in dem beiliegenden Brief von Philipp Daniel Merckle.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 48/2005

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