HOME

Vorsicht, Pharma - Wie die Industrie Ärzte manipuliert und Patienten täuscht

Bei jeder Tablette geht es nicht nur um Ihre Gesundheit, sondern auch um Geld: Ärzte werden mit Reisen und Schecks geködert, Patienten mit falschen Versprechungen gelockt. Der stern zeigt, wer sich mit welchen Tricks an unseren Krankheiten bereichert – und wie man den gierigen Helfern auf die Schliche kommt.

Von Markus Grill

Jeden Monat fließen 14 Prozent Ihres Gehalts an die Krankenkasse. Vielleicht denken Sie: Hohe Krankenkassenbeiträge sind in Ordnung, schließlich ist unser Gesundheitssystem besonders gut, und Qualität hat eben ihren Preis. Schön wär’s! Aber im internationalen Vergleich ist die Qualität nur mittelmäßig. Gemessen daran, wie lange jemand überlebt, der an Brustkrebs, Darmkrebs oder Gebärmutterhalskrebs erkrankt, landet Deutschland innerhalb der OECD-Staaten nur auf den hinteren Plätzen.

Spitzenmäßig wachsen dagegen die Einnahmen der Pharmaunternehmen. Vor zehn Jahren gaben die gesetzlichen Kassen noch 17 Milliarden Euro für Arzneimittel aus, im vergangenen Jahr waren es bereits 26 Milliarden - ein Plus von 48 Prozent. Fürs laufende Jahr zeichnet sich ein weiterer Kostenanstieg um 8,4 Prozent ab. Kein anderer Bereich im Gesundheitssystem ist so gefräßig wie "Big Pharma": Während jeder Krankenversicherte im vergangenen Jahr für Arzthonorare durchschnittlich 441 Euro zahlen musste, kosteten Arzneimittel jeden Versicherten satte 513 Euro. Eine Perversion des Systems: Seit 2001 geben wir für Pillen mehr Geld aus als für alle niedergelassenen Ärzte im Land. Nur Krankenhäuser kosten noch mehr als die Arzneimittel. Sie denken vielleicht: Arzneimittel sind so teuer, weil Forschung und Entwicklung neuer Medikamente so viel Geld verschlingen? Pharmalobbyisten erzählen diese Geschichte gern - aber es ist ein großer Schwindel.

"Me too"- Präparate anstatt Verbesserung

Nach Berechnungen etwa von Marcia Angell, Harvard-Professorin und ehemalige Herausgeberin der angesehensten Medizinzeitschrift der Welt, des "New England Journal of Medicine", gibt die Industrie für die Entwicklung eines neuen Medikaments nur ein Achtel dessen aus, was sie behauptet. Also statt 600 Millionen Euro nur rund 80 Millionen. Doppelt so viel Geld wie in Forschung stecken die Konzerne in Marketing und Verwaltung. Trickreich rechnen aber manche Unternehmen ihre Kosten für Anwendungsbeobachtungen, Pharmareferenten und Ärztereisen unter die Forschungsausgaben. Tatsächlich bringt die Industrie heute kaum noch Medikamente auf den Markt, die eine echte Verbesserung bedeuten. Viele angebliche Neuheiten sind lediglich Abwandlungen bestehender Medikamente, sogenannte Scheininnovationen oder "Me too"- Präparate (engl.: "ich auch").

So verfügten unter den 21 neuen Arzneimitteln, die 2005 auf den Markt kamen, nur 10 über ein neues Wirkprinzip, das für Patienten auch eine therapeutische Verbesserung bedeutete. Die Verfasser des "Arzneiverordnungsreports", eines Standardwerks mit den Verordnungsdaten der Krankenkassen, kommen nach Sichtung aller seit 1978 zugelassenen Wirkstoffe zu dem Ergebnis, dass nur knapp 28 Prozent "therapeutisch bedeutsame neue Wirkprinzipien" zeigen. Doch nichts hasst die Pharmaindustrie mehr als die Feststellung, sie sei forschungsfaul und drücke überwiegend Scheininnovationen in den Markt. Und wer es wagt, diese simple Wahrheit auszusprechen, wird mit Prozessen überzogen. Wie die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Nordrhein. Eigentlich gelten diese Vereinigungen, deren Aufgabe es ist, das Geld der Krankenkassen unter den Ärzten zu verteilen, als pharmafreundlich. Doch die KV Nordrhein fällt da ebenso wie die KV Bayern aus dem Rahmen.

"Wir machen Sie platt"

Jedenfalls wagte es die KV Nordrhein, eine "Me too"- Liste zu veröffentlichen mit 82 Präparaten, für die es ebenso wirksame günstigere Alternativen gibt. Erstellt hat die Liste Professor Ulrich Schwabe von der Uni Heidelberg. 21 Pharmaunternehmen verklagten die KV Nordrhein daraufhin. Gleichzeitig versuchten Pharmabosse, den KV-Chef Leonhard Hansen unter Druck zu setzen. "Es ging der Industrie ums Prinzip", vermutet Hansen, "die Liste musste weg, weil sie den Firmen ins Geschäft hagelte." Hansen erinnert sich an die Besuche mehrerer Pharmageschäftsführer in seinem Büro in Düsseldorf. "Da fielen Sätze wie: "Wir machen Sie platt" oder "Wir klagen Sie in Grund und Boden" oder "Wir können uns auf die Ärzte verlassen‘."

Doch die Gerichte erlaubten Hansen, diese Übersicht zu erstellen (s. Seite 104). Wenn alle Ärzte solche Scheininnovationen meiden würden, hat Professor Schwabe errechnet, könnten die gesetzlichen Krankenkassen jedes Jahr rund 1,6 Milliarden Euro sparen. Wenn sie außerdem noch konsequent Generika verordnen würden, also preiswerte Kopien von Medikamenten, deren Patentschutz abgelaufen ist, würden die Kassen weitere 1,3 Milliarden Euro sparen. In Nordrhein entfaltet die Liste bereits Wirkung: Während die Arzneimittelausgaben im vergangenen Jahr bundesweit um 1,3 Prozent stiegen, fielen sie in Nordrhein um exakt 2 Prozent. Auf der Liste steht zum Beispiel Nexium, ein Mittel gegen Magengeschwüre und Sodbrennen. Hergestellt wird es vom Pharmakonzern Astra-Zeneca. Es kam 2001 auf den Markt, als der Patentschutz des Vorgängerprodukts Prilosec auslief, mit dem Astra-Zeneca weltweit sechs Milliarden Dollar Umsatz machte - ein echter "Blockbuster" für den Konzern. So werden in Anlehnung an Hollywood-Kassenschlager auch die Topmedikamente in der Pharmaindustrie genannt. Der Wirkstoff von Prilosec war Omeprazol. Die Firma änderte die Zusammensetzung ein wenig, nannte den Wirkstoff Esomeprazol, taufte das Medikament auf den Namen Nexium, startete einen gigantischen Werbefeldzug und drückte Nexium als verbesserte Form von Prilosec in den Markt.

Verschreibung gegen Geld

Um Nexium gegenüber seinem Vorgängerprodukt besser aussehen zu lassen, griffen die Wissenschaftler von Astra- Zeneca sogar noch zu einem weiteren Trick, wie die Medizinexpertin Marcia Angell ausführt: "Statt die einander vermutlich entsprechenden Dosierungen zu vergleichen, setzten die Wissenschaftler des Unternehmens Nexium in höherer Dosierung ein. Sie verglichen 20 und 40 Milligramm Nexium mit 20 Milligramm Prilosec. Mit derart gezinkten Karten sah Nexium wie eine Verbesserung aus - die aber nur geringfügig war und sich nur in zwei der vier Studien zeigte." Man vergleicht also eine niedrige Dosierung des älteren Präparats mit einer teilweise höheren Dosierung des neuen Präparats und kann damit einen geringen Fortschritt zeigen – so dünn ist die wissenschaftliche Basis für Nexium. "Daraus hätte sich eigentlich die Schlussfolgerung ergeben müssen ... Nexium zu den Akten zu legen", urteilt Marcia Angell, "aber das wäre für Astra-Zeneca nicht hilfreich gewesen, sondern nur für die Menschen, die an Sodbrennen leiden."

Dennoch ist Nexium in Deutschland mit knapp vier Millionen Verordnungen die erfolgreichste Neueinführung eines Medikaments in den vergangenen zehn Jahren - obwohl selbst die Kassenärztliche Bundesvereinigung das Präparat als unwirtschaftlich brandmarkt: "Kostengünstigere Omeprazol-Generika erzielen den gleichen Behandlungserfolg. Die aktuelle Studienlage bietet keinen Grund, das teurere Esomeprazol (Nexium) zu verordnen." Würden sich die Ärzte an diesen Rat halten und das günstigere Omeprazol verordnen, könnten die Krankenversicherten pro Jahr 99 Millionen Euro sparen - allein bei diesem Präparat. Und ohne dass ein Patient schlechter versorgt wäre. Warum aber verschreiben so viele Ärzte wie wild Nexium? Die Antwort ist so schlicht wie bedrückend: Weil es dafür Geld gibt und weil es ihnen offenbar egal ist, was die Krankenkassen dafür ausgeben müssen. Die Pharmaindustrie verfügt über ein ganzes Arsenal von Anreizen, um Mediziner zu ködern. Ein besonders perfides sind sogenannte Anwendungsbeobachtungen (AWB). Offiziell handelt es sich dabei um Studien, mit denen ein Arzt beobachten soll, wie gut seine Patienten ein bestimmtes Präparat vertragen. Dazu muss er einen Bogen ausfüllen und erhält als Honorar meist 50 Euro pro Patient. Im Fall des Krebsmedikaments Glivec von Novartis sind es sogar 1.000 Euro pro Patient.

AWB zu Lasten der Krankenkasse

Voraussetzung jedenfalls ist, dass der Arzt dem Patienten das Medikament verordnet - die ausgefüllten Bögen interessiert sich anschließend meist niemand mehr. Was aber ist das Problem, könnte man sich fragen, wenn Ärzte nebenher ein wenig Geld verdienen? Das Problem ist, dass mit diesen Scheinstudien meist alte und unwirtschaftliche Medikamente angekurbelt werden - zulasten der Krankenkassen. Im Januar veröffentlichte der stern die bis dahin geheime Liste der größten AWB ("Die Schein-Forscher", stern Nr. 5/2007). Demnach wurden zwischen Ende 2004 und Ende 2006 mehr als eine Million Patienten in AWB "beobachtet". Platz eins der Liste belegt übrigens - Nexium. Allein in Deutschland hat Astra-Zeneca dafür mehr als 30 000 Ärzten Geld bezahlt, wie der "Arzneiverordnungsreport 2006" berichtet. Gerd Glaeske vom Sachverständigenrat für das Gesundheitswesen empört sich: "Ich frage mich, wann eigentlich mal ein Abgeordneter im Bundestag aufsteht und sagt: Ihr Ärzte solltet euch schämen, heute noch Nexium zu verordnen." Auf Platz drei der Liste massenhafter Anwendungsbeobachtungen steht der Blutdrucksenker Emestar mono/plus des Pharmaunternehmens Trommsdorff. Auf dem AWB-Bogen konnten die Ärzte genau sehen, wie vielen Patienten sie Emestar verordnen mussten, um sich bestimmte Belohnungen zu verdienen (siehe Faksimile unten):

  • für 5 Patienten: Flachbildschirm 17 Zoll oder iPod mini
  • für 12 Patienten: Espressomaschine Jura Impressa
  • für 18 Patienten: Laptop, Beamer oder PC und Drucker

Der Arzt musste nur noch ankreuzen, was er möchte. Die Firma Trommsdorff leugnet die Existenz dieses Formulars nicht und räumt ein, den Ärzten angeboten zu haben, "anstatt des Geldbetrags ein technisches Gerät im gleichen Wert zu erhalten". Gleichwohl, so Trommsdorff- Chef Ernst Mohler, entspreche "diese Regelung geltendem Recht". Dennoch bleibt die Frage, welche Anreize mit einem solchen Belohnungssystem gesetzt werden. Der Pharmakonzern Ratiopharm wiederum hat Ärzten jahrelang Schecks zukommen lassen, deren Höhe sich am Umsatz der verschriebenen Ratiopharm-Präparate orientierte. Ärzte, die mitmachten, konnten pro verordnetes Medikament fünf Prozent des Herstellerpreises als Provision erhalten. Darüber hinaus gab es zur Einführung eines neuen Präparats Gutscheine für den Einkauf bei Mediamarkt, Karstadt, der Parfümerie Douglas und anderen Geschäften.

Korruption und Vorteilsannahme im Amt

Die Summe richtete sich nach der Anzahl der Patienten, denen der Arzt das Medikament verschrieb. Seit der stern Ende 2005 die Geschäftspraktiken von Ratiopharm aufdeckte, ermittelt die Staatsanwaltschaft Ulm gegen mehrere Hundert Pharmareferenten ("Der Pharma-Skandal", stern Nr. 46/2005). Ein Ende der Untersuchung ist nicht abzusehen. Bei der Staatsanwaltschaft München laufen derzeit gleich mehrere Großverfahren gegen Pharmaunternehmen, denen Korruption zur Last gelegt wird. Dabei handelt es sich um die Firmen Amgen, Fujisawa (heute Astellas), Bristol-Myers Squibb und Servier. Allein bei Bristol-Myers Squibb gibt es 2500 Verfahren gegen Mediziner (Vorwurf: Vorteilsannahme im Amt) und Mitarbeiter der Firma. Häufig geht es dabei um Fortbildungsreisen für Klinikärzte, bei denen es sich in Wirklichkeit um Vergnügungsreisen handelt. So lud Bristol-Myers Squibb Ärzte zum "Symposium" auf die griechische Ferieninsel Rhodos ein. Obwohl die Reise vom 22. bis zum 24. Februar 2002 dauerte, begann das Tagungsprogramm erst am 23. und endete nach fünf Stunden. In ihren Hotelzimmern fanden die Ärzte einen Brief des Pharmaunternehmens vor: "Wir hoffen, Sie hatten eine angenehme Reise und heißen Sie auf Rhodos herzlich willkommen."

Die Firma kündigte einen "anregenden Abend in griechischer Atmosphäre mit typischem Essen an", für den nächsten Vormittag das Symposium, dessen Ende "für ca. 13.15 Uhr vorgesehen" ist. Im Anschluss wird "bei schönem Wetter" ein "Buffet am Lagoon Pool aufgebaut", danach folgt ein Rundgang durch die Altstadt von Rhodos, "im Anschluss erwartet Sie nach einer kurzen Fahrt eine Weinprobe mit verschiedenen griechischen Weinen", weiter haben die Ärzte "nach einem köstlichen Menü" die Möglichkeit, "zu stimmungsvoller Life-Musik das Tanzbein zu schwingen". Schließlich steht der Sonntagvormittag "zu Ihrer freien Verfügung". Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, sagt, dass er sich wegen solcher Reisen fast schäme: "Das sind Dinge, die kein Arzt, der nicht die Glaubwürdigkeit bei seinen Patienten endgültig verlieren möchte, auch nur erwägen sollte." Zu einer weiteren Reise lud Bristol- Myers Squibb Klinikärzte nach Reykjavik, Island, ein. "Wir möchten Ihnen die Ergebnisse ... wichtiger Studien mit AT1-Rezeptorantagonisten in der Indikation Hypertonie intensiv vorstellen", heißt es wissenschaftlich verbrämt in dem Einladungsschreiben. Vielversprechend waren dagegen die "nützlichen Informationen", die sich mit Bristol-Myers-Squibb-Briefkopf für die "lieben Gäste" zusammengestellt fanden: "In ungezwungener Umgebung warten nicht nur interessante wissenschaftliche Informationen auf Sie. Vielmehr möchten wir Sie einladen, zusammen mit uns die Urgewalten dieser rauen Landschaft zu erfahren. Mehr werden wir Ihnen an dieser Stelle noch nicht verraten."

Manipulation mit falschen Informationen

Unter der Überschrift "Was Sie unbedingt mitnehmen sollten" fanden die Ärzte weitere Hinweise: Warme und schneesichere Schuhe für die "Besichtigungstour im Super-Jeep", bequeme, warme und sportliche Kleidung für den "Ausritt zu Pferd". Außerdem: "An diese Sachen sollten Sie denken, um Ihren Aufenthalt auf Island perfekt abzurunden: Sonnenschutzcreme und Sonnenbrille, Fotoapparat und Filmmaterial, viel gute Laune." Heute laden Pharmafirmen Ärzte noch immer großzügig zu Kongressen ein - mit dem Unterschied, dass das touristische Rahmenprogramm heute nicht mehr in der Einladung auftaucht, sondern nur noch mündlich mitgeteilt wird. Bestenfalls gibt es am Veranstaltungsort ein Tagungsprogramm. Aber wenn ein Pharmaunternehmen im März nach Davos einlädt, muss es auch nicht extra betonen, dass es ums Skifahren geht. Meist rechnen die Hotels, Fluggesellschaften, Skiliftbetreiber oder Restaurants nicht mehr direkt mit dem Pharmaunternehmen ab, sondern mit einer Event-Agentur, die das Rahmenprogramm im Auftrag des Unternehmens veranstaltet, sodass die Staatsanwälte bei einer Durchsuchung von Firmenzentralen heute sehr viel weniger aussagekräftige Dokumente finden. Bei Vernehmungen von Mitarbeitern der Event-Agentur erfahren die Ermittler aber zum Beispiel, dass zu der Zeit, zu der im Programm "Gruppenarbeit" steht, die Ärzte zu einem nahe gelegenen Weinkeller chauffiert werden.

Das Ziel all dieser "Fortbildungen" ist stets das gleiche wie bei den AWB: Die Ärzte sollen dazu verleitet werden, das Präparat des Sponsors zu verordnen und nicht das vielleicht bessere, vielleicht auch nur günstigere Medikament der Konkurrenz. Manche Ärzte denken sich nichts dabei, glauben gar, sie hätten einen Anspruch auf Geschenke. Tatsächlich hat die Pharmaindustrie aber nichts zu verschenken. Denn ihre "Marketingausgaben" holt sie sich über hohe Arzneimittelpreise zurück. Der eigentliche Skandal sind aber nicht Reisen, Schecks und Geschenke. Wirklich erschreckend ist, wie viele Ärzte heute nahezu ihr gesamtes Wissen über neue Arzneimittel von den 20 000 Pharmareferenten beziehen, die täglich Praxen abklappern und die Doktoren nach allen Regeln der Kunst manipulieren. Das Kölner Institut für evidenzbasierte Medizin hat untersucht, ob die Informationen, die die Pharmareferenten den Ärzten in die Hand drücken, überhaupt stimmen. Nach Auswertung von 293 Prospekten in 43 zufällig ausgewählten Arztpraxen kamen die Forscher zu dem Ergebnis: "Insgesamt werden die Informationen in 94 Prozent der Werbeprospekte der pharmazeutischen Industrie nicht durch valide wissenschaftliche Untersuchungen belegt." Im Detail entdeckten die Forscher dabei unglaubliche Manipulationen in den Pharmaprospekten:

  • Verharmlosung von Nebenwirkungen beim Blutdrucksenker Corifeo von UCB Pharma,
  • Ausweitung des Indikationsgebietes durch falsche Beschreibung der untersuchten Patientengruppe beim Blutdrucksenker Delix von Aventis,
  • Übertreibung des therapeutischen Effekts beim Bluthochdruckpräparat Tarka von Abbott und Knoll,
  • falsche Darstellung der Risiken bei den Blutverdünnungsmitteln Plavix von Sanofi und Iscover von Bristol-Myers Squibb,
  • Aussagen über Menschen aufgrund von Tierstudien beim Erektionsmittel Levitra von Bayer.

ARD- Ärzteserie regelrecht verseucht mit Pharmaschleichwerbung

Für Nichtmediziner ist es kaum fassbar, wie bereitwillig Ärzte sich von der Industrie manipulieren lassen. Selbst Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe gibt zu, dass 80 bis 90 Prozent der ärztlichen Fortbildungskurse von der Pharmaindustrie finanziert werden. Nur selten findet man aber einen Mediziner, der einen so kritischen Blick auf die Kollegen hat wie Magnus Heier. Der niedergelassene Facharzt für Neurologie gestand in der "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung": "Die Ärzteschaft vertraut fast ausschließlich auf das, was die pharmazeutische Industrie sagt. Das ist etwa so, als würde man ein neues Auto kaufen, sich bei zwei, drei Autohändlern einen Überblick über den Markt verschaffen und sich auf der Grundlage ihrer Hochglanzprospekte für einen neuen Wagen entscheiden - ohne Testbericht und Vergleiche."

Laut Heilmittelwerbegesetz ist Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente beim Laienpublikum verboten. Doch was kümmert die Pharmaunternehmen ein Verbot? In der ARD-Ärzteserie "In aller Freundschaft" haben sie jahrelang Schleichwerbung platziert. Das geht aus einem bisher unveröffentlichten Protokoll der PR-Agentur des ehemaligen Schauspielers Andreas Schnoor hervor, die die Deals einfädelte. Ein "Productplacement" von Medikamenten, bei dem der Markenname sichtbar wird, soll demnach 20 000 Euro gekostet haben, ein "Themenplacement" in der Arztserie, in der dann über den Wirkstoff geplaudert wird, sollte 30 000 Euro kosten. In dem vertraulichen Agentur-Protokoll taucht zum Beispiel ein Deal mit UCB Pharma auf, die das Epilepsie-Präparat Keppra produziert, 100 Tabletten kosten 346 Euro. Die ARD-Zuschauer, die am 11. März 2003 "In aller Freundschaft" anschalteten, sahen den Patienten Klaus Ritter.

Die Macht der "Big Pharma"

Nach einem Anfall sagt Klinikärztin Dr. Elena Eichhorn zu ihm: "Sie leiden an Epilepsie. Ihr altes Medikament wird zukünftig nicht mehr reichen, derartige Anfälle zu vermeiden." Doch die Ärztin kann ihn beruhigen: "Es gibt ein neues, hochwirksames und sehr gut verträgliches Antiepileptikum." Sie fährt fort: "Das ist ein sogenanntes Add-on-Präparat ..." (in diesem Moment bringt Klinikarzt Dr. Brentano die neue Packung) "... das Sie zusätzlich zu Ihren bisherigen Medikamenten einnehmen werden." Dr. Elena Eichhorn reicht dem Patienten die Packung: "Mit diesem neuen Medikament werden wir Ihre Anfallshäufigkeit deutlich reduzieren." Patient Ritter: "Klingt ja schon viel besser. Vielen Dank für alles, Frau Doktor." Der Präparatname Keppra fällt in der Sendung zwar nicht. Aber wenn ein Zuschauer mit Epilepsie sich nur gemerkt hat, dass es ein neues Präparat gibt, das man zusätzlich zu seinen bisherigen Medikamenten einnimmt, das besser wirkt und gut verträglich ist, und danach seinen Hausarzt fragt, ist es nicht unwahrscheinlich, dass er am Ende mit Keppra nach Hause geht.

UCB Pharma hat mehrere schriftliche Anfragen zu dem Fall nicht beantwortet. Auch Astra-Zeneca, Novartis und Sanofi-Aventis verweigerten die Auskunft zu den sie betreffenden Schleichwerbungsfällen. Dabei war "In aller Freundschaft" regelrecht verseucht mit Pharmaschleichwerbung. Zwischen 2002 und 2004 landeten bei der mit der Abrechnung betrauten Bavaria-Tochter BSM mehr als 250 000 Euro allein für Pharmaschleichwerbung in dieser ARD-Serie. Ärzte, Apotheker, Journalisten, Patienten, Fernsehzuschauer - uns alle versucht die Pharmaindustrie zu manipulieren. Die Politik hat dieses korrupte System in seinem ganzen Ausmaß bisher nicht wirklich zur Kenntnis genommen – oder davor die Augen verschlossen. Jedenfalls knickten die Gesundheitsminister, egal, ob sie Horst Seehofer oder Ulla Schmidt heißen, noch immer regelmäßig ein vor den Lobbyisten der Pharmaindustrie. Manchmal hat die Politik schon zaghaft Gegenwehr versucht, Veränderungen geplant und Gesetze entworfen - doch am Ende schaffte es "Big Pharma" noch jedes Mal, dass nichts umgesetzt wurde, was ihre Macht wirklich bedrohen könnte:

So gibt es in Deutschland, im Unterschied zu den meisten anderen europäischen Ländern, bis heute keine Positivliste, in der die wirksamen und wirtschaftlichen Medikamente verzeichnet sind, also eine "positive" Auswahl unter den 45 000 hierzulande zugelassenen Medikamenten. Es gibt keine echten Preisverhandlungen zwischen Krankenkassen und Pharmaunternehmen über neue Medikamente. Kommt ein neues Präparat auf den Markt, kann die Industrie den Preis selbst festsetzen - und die Krankenkassen müssen zahlen. Lediglich über Generika-Preise dürfen die Kassen verhandeln. Es gibt für die Pharmaunternehmen keine Pflicht, Zulassungsstudien so durchzuführen,dass ein neues Präparat beweisen muss, dass es besser ist als ein bewährtes Präparat. Es gibt fast keine unabhängigen Informationen über neue Arzneimittel. Die meisten Ärzte beziehen ihr Wissen von Pharmareferentenund werden dabei nach Strich und Faden manipuliert. Es gibt keine Pflicht, dass Medizinprofessoren öffentlich angeben müssen, ob und von welchen Pharmakonzernen sie Geld für Studien oder Vorträge erhalten oder mit welchen Unternehmen sie Beraterverträge abgeschlossen haben. Es gibt kein Verbot vergüteter Anwendungsbeobachtungen. Es gibt keinen staatlichen Korruptionsbeauftragten, der den ganzen Sumpf aus Geschenken, Reisen, Essenseinladungen, Vortragshonoraren und Schecks für Verordnungen trockenlegt, mit denen Ärzte dazu gebracht werden, überteuerte Medikamente zu verordnen.

Korrumpierung des Medizinbetriebs

Der Medizinprofessor und Mitherausgeber des "arznei-telegramms", Peter Schönhöfer, sagt: "Es ist bitter zu sehen, wie selbst bekannte Uni-Kliniker, ärztliche Berufsverbandsfunktionäre, Autoren von Behandlungsleitlinien und Selbsthilfegruppen am Tropf der Pharmakonzerne hängen. Wirklich erfolgreich ist die Industrie nur noch in einem: in der Korrumpierung des Medizinbetriebs."

print

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools