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Konsumfreude jenseits der Grenze

Ein Jahr nach Polens EU-Beitritt entdecken immer mehr Deutsche, Schweden und Dänen die Ostseestadt Stettin als Mekka für Einkäufe - ohne jeden Ladenschluss. Doch auch Kulturfans kommen auf ihre Kosten.

Dem westpolnischen Grenzland hat die EU-Erweiterung ein absolutes Hoch beschert. Zwar waren deutsche Kunden schon vor der EU-Erweiterung in Slubice, Zgorzelec oder Stettin häufig zu sehen, doch seit dem 1. Mai 2004 lernten viele das Nachbarland aus einer neuen Perspektive kennen. Die nordwestpolnische Hafenstadt Stettin, viel näher an Berlin als an Warschau gelegen, gehört zu den Städten mit besonders hohem Andrang der Käufer aus dem Westen. Nicht nur Deutsche, auch Schweden und Dänen, entdeckten die Ostseestadt für preiswerte Einkäufe und Kulturgenüsse. Die Nachbarn aus dem Westen machten es den konsumfreudigen polnischen Familien nach, die gerne einen ganzen Sonntag in den großen Handelszentren verbringen.

Abrundung des Wochenendprogramms

Ungetrübt von Einschränkungen durch Ladenschlussgesetze, kaufen seitdem auch die deutschen Kunden nicht nur im Supermarkt ein und versorgen sich mit polnischen Spezialitäten wie Pierogen, schlesischen Klößen oder geräuchertem Schafskäse, sondern gehen zum Friseur, kaufen Kleidung und Schmuck, lassen Uhren reparieren oder Wäsche in der Reinigung waschen. Ein Besuch im Kino oder auf der Kegelbahn und ein Abendessen im einem der Restaurants der Einkaufszentren runden das Wochenendprogramm ab.

Auch die im Vergleich zu Deutschland günstigen Preise für Kulturveranstaltungen sind den westlichen Kunden nicht entgangen. In der Stettiner Philharmonie machen Deutsche inzwischen etwa die Hälfte der Besucher aus. "40 Prozent unserer Gäste kommen aus dem Ausland", errechnete Jacek Nowak, Besitzer eines Stettiner Jazz-Cafés. Die Oper startete im vergangenen sogar eine Mail- und Werbekampagne, um deutsche Kulturinteressierte auf ihr Angebot aufmerksam zu machen.

Kulutr- und Zahntourismus

Selbst der Höhenflug des polnischen Zloty in den vergangenen Monaten konnte den Andrang deutscher Kunden bei Optikern und Zahnärzten in Stettin und anderen westpolnischen Städten nicht dämpfen. Denn solange Zahnimplantate und -kronen rund die Hälfte bis ein Drittel der in Deutschland zu veranschlagenden Summe kosten, sind die Schwankungen des Wechselkurses für die Deutschen eine zu vernachlässigende Größe.

"Wir benutzen die gleichen Materialien und Technologien", versichert Marcin Gaborski, Direktor einer der größten Zahnkliniken der Region Stettin, der längst auch auf einer deutschsprachigen Internetseite über das Leistungsangebot und die Preise für Behandlungskosten informiert. Doch angesichts der niedrigeren Gehälter in Polen ist selbst ein Klinikaufenthalt finanziell günstiger als eine Gebisserneuerung beim heimischen Zahnarzt. Da auch sparsame westliche Kunden einer Zahnbehandlung nicht gerade freudig entgegenblicken, organisiert Gaborski zusätzliche Annehmlichkeiten - etwa Segeltörns auf der Ostsee oder einen Besuch auf dem Golfplatz.

Eva Krafczyk/DPA/DPA

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