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Clement wird Mr. Zeitarbeit

Ex-Kanzler Schröder hat bei Gasprom angeheuert, sein ehemaliger Wirtschaftsminister Clement bei Adecco, dem Weltmarktführer für Zeitarbeit. Im stern.de-Interview spricht Clement über seinen neuen Job - und erinnert sich entnervt an die Berliner Politikmaschine.

Herr Clement, Sie haben bei dem ehemaligen Kaffee-Milliardär und jetzigen Grossaktionär des Weltmarktführers für Zeitarbeit, der Adecco SA in Zürich als Chairman eines neu gegründeten "Adecco Institute" mit Sitz in London angeheuert. Ist der Institutszweck Wissenschaft- "noch ein Institut" – oder Geschäft?

Wir werden kein weiteres wissenschaftliches Institut sein, sondern eines, das Bodenhaftung hat und realistische Perspektiven und Modelle für die Praktiker in den Unternehmen und in der Arbeitsmarktpolitik erarbeitet. Unser Arbeitsfeld ist der europäische Arbeitsmarkt, unser konkretes Arbeitsgebiet ist zeitgemäßes Personalmanagement und unsere wichtigsten Instrumente sind internationale Benchmarks und best practises. Natürlich initiieren wir auch wissenschaftliche Forschungsarbeiten und Untersuchungen, wie die Wirtschaft mit den Problemen der "demografischen Lücke" und dem daraus resultierenden Mangel an qualifizierten Arbeitskräften fertig wird.

Wie soll das im Zeitalter der Globalisierung und der drohenden "demografischen Lücke"geschehen?

An erster Stelle stehen Ausbildung und Qualifizierung. Lebenslanges Lernen wird zur wichtigsten Herausforderung. Das gilt sowohl für die Wiedereingliederung älterer Arbeitskräfte als auch für die Motivation von Berufseinsteigern. Unsere Zielmarken heißen: Flexibilität und Mobilität, Bildung, Qualifikation und lebenslanges Lernen.

Sind die Unternehmen fit für diese Herausforderungen?

Noch nicht. Unser Institut hat in dieser Woche die erste Studie über die "demografische Fitness" von je 500 Unternehmen in Deutschland, England, Frankreich, Italien und Spanien veröffentlicht. Von 400 maximal erreichbaren Punkten eines neuen Fitness-Index wurden im Durchschnitt nur rund 180 Punkte erreicht. Nur ein Unternehmen, ein deutsches, traf ins Schwarze. Das ist zu wenig.

Reichen Ihnen die negativen Erfahrungen nicht aus, die Sie als Superminister auf dem glitschigen Terrain des Arbeitsmarktes – Stichwort Hartz - gesammelt haben?

Gerade diese Erfahrungen, die ich nicht als negativ erlebt habe und die sich ja zunehmend als erfolgreich erweisen, ermutigen mich, auf diesem Terrain weiter zu arbeiten. Dabei war und ist für mich klar, daß der Faktor private Arbeitsvermittlung in fast allen europäischen Ländern, aber nicht zuletzt bei uns in Deutschland erheblich an Bedeutung gewinnen muß.

Sie gelten in der Öffentlichkeit ja als pragmatischer Macher, als einer der unbedingt etwas bewegen will. Deutschland liegt mit einem Anteil von weniger als einem Prozent Zeitarbeit an der Gesamtbeschäftigtenzahl weit hinter England, Frankreich und Niederlande zurück. Beginnt mit Clement jetzt die große Aufholjagd?

Die Zeitarbeit spielt in ganz Europa eine zunehmend wichtige Rolle. Das wird auch in Deutschland so sein. Sie wird sich, wie Heinrich Alt vom Vorstand der Bundesagentur für Arbeit völlig zu Recht gesagt hat, hierzulande "dynamischer entwickeln als der Durchschnitt der Wirtschaft". Daran, daß dies zum Vorteil von Unternehmen, von "atmenden Unternehmen" und Arbeitnehmern in Europa auf die bestmögliche Weise gelingt, wollen wir mit unserem Adecco-Institut mitwirken.

Für die Gewerkschaften war die Zeitarbeit in der Vergangenheit schlichtweg "Schmuddelkram", vor geeignet, um fest angestellte Arbeitnehmer zu feuern und sie durch ausgeliehene Kräfte zu ersetzen, die ohne Kündigungsschutz und in der Regel schlechter bezahlt, den Unternehmern halfen, die Kosten zu senken. Was kann der Sozialdemokrat Clement in diesem Milieu bewegen?

Ich meine – wiederum gemeinsam mit Heinrich Alt - , daß das Ansehen der Zeitarbeit sich zunehmend verbessert, und zwar dank interessanter Tätigkeiten, die sich längst nicht mehr auf Helferaktivitäten beschränken, dank also immer qualifizierterer Beschäftigungsmöglichkeiten und dank der Tarifverträge, die die Gewerkschaften inzwischen mit den Arbeitgebern abgeschlossen haben und zu denen wir übrigens in meiner Amtszeit in Berlin die Türen geöffnet haben. Mein Ziel war seinerzeit erklärtermaßen, die Zeitarbeit "aus der Schmuddelecke" herauszuholen. Das ist seither auch in Deutschland auf dem Wege. Jetzt geht um die Weiterentwicklung der Branche hin zu moderner Personalvermittlung. Sie steht für Flexibilität und Qualifikation.

Derzeit boomt die Zeitarbeitsbranche mit zweistelligen Wachstumszahlen. Sprechen diese Zahlen für Innovation und neue Erfolgsrezepte in der Arbeitsmarktpolitik oder sind Sie Ausdruck eines sich verstärkenden Sozialabbaus und neoliberaler Konzepte am Arbeitsmarkt ?

Der Boom der Zeitarbeit hat natürlich mit der insgesamt recht guten Wirtschaftsentwicklung, aber vor allem mit dem Bedürfnis der Unternehmen zu tun, flexibel am Markt arbeiten zu können. Dabei wird , worauf Sie anspielen, Zeitarbeit häufig noch mit dem "Hire and Fire"-Bild konfrontiert. Tatsächlich werden die Bindungen von Zeitarbeitnehmern an ihre vermittelnden Unternehmen immer enger. Man kann durchaus sagen: Je qualifizierter Zeitarbeit wird, umso enger und längerfristiger wird auch die Bindung an das Zeitarbeitsunternehmen.

Sie haben nach Ihrem Ausscheiden aus der Regierung vielfältige Erfahrungen in der Wirtschaft sammeln können, als Aufsichts – oder Beirat in der Energiewirtschaft, in der Logistik, im Bankenbereich, im Verlagswesen und jetzt in Zeitarbeitsbranche. Was nervt mehr, eine Kabinetts – , eine Fraktions- oder eine Parteisitzung in Berlin oder die vielen Meetings, die Sie neuerdings bei Ihren Kunden absolvieren müssen?

Genervt haben mich in Berlin vor allem die politischen Rituale, die Sitzungsprozeduren und die schreckliche Langwierigkeit der Entscheidungsprozesse. Ohne etwas verherrlichen zu wollen: Da geht es in den Unternehmen – keineswegs immer fehlerfrei, aber wo gäbe es das? - tatsächlich ungleich effizienter und ergebnisorientierter zu.

Ihr früherer Bundeskanzler Gerhard Schröder hat jetzt heftige Kritik an der Arbeit der Großen Koalition geäußert, traut dem Bündnis unter Angela Merkel und Kurt Beck aber trotzdem zu, die nächste Bundestagswahl 2009 zu erreichen. Teilen Sie beide Einschätzungen?

Mich bewegt derzeit weniger, wie lange die große Koalition zusammenhält, sondern sehr viel mehr das, was sie zur weiteren Erneuerung unseres Landes zustandebringt. Das ist nach inzwischen wohl landläufiger Meinung bisher zu wenig, um namentlich Wirtschaft und Arbeit zukunftsfest zu machen. Aber man soll die Hoffnung ja nie aufgeben, das tue ich auch nicht.

stern.de

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