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Wenn Hanuta wirklich handgemacht wäre …

Haselnusstafeln, Schokopudding oder Tiefkühlpizza: Wird natürlich alles von Hand und mit Liebe hergestellt. Das suggerieren zumindest die Werbespots. Wenn die auf die Realität treffen, wird es schräg.

Von Daniel Bakir

In der Werbebäckerei gibt es keine Fließbänder und industriellen Maschinen, keinen Gestank und keinen Lärm. In der Werbebäckerei gibt es eine sympathische junge Frau, die mit einem Holzlöffel in einer Schale voll "feinherber Kakaocreme" rührt. Sie muss schließlich die "knackigen Haselnüsse aus eigener Röstung" gut unterheben, um die Creme eigenhändig zwischen zwei "knusprig gebackenen Waffeln" zu packen. Und das alles vor den Augen eines begeisterten jungen Mannes, der das Ergebnis dieser feinsten Handwerkskunst hinterher begeistert kosten darf.

Nun ja, wir wissen wohl alle, dass der Süßwarenriese Ferrero seine Hanuta-Schnitten auf andere Weise herstellt, sobald die Kameras aus sind. Und es ist auch legitim, dass Werbewelt und Wirklichkeit nicht deckungsgleich sind. Aber müssen hochindustrialisierte Lebensmittelkonzerne immer gleich so dicke auftragen und sich als Könige der Handwerkskunst inszenieren? Die Verbraucherzentrale Hamburg hat sich nun den Spaß gemacht, einmal durchzuspielen, wie es denn aussähe, wenn die Hersteller sich bei der Produktion tatsächlich an ihrer eigenen Werbung orientieren würden.

Heraus kommt folgende Rechnung: Würde eine Person eigenhändig die Zutaten verrühren, Waffeln backen und Schnitten zusammendrücken, könnte sie etwa 130 Hanutas pro Tag produzieren. Wenn alle 3600 Ferrero-Mitarbeiter in Deutschland sich mit nichts anderem beschäftigen würden, käme man auf ein Tagwerk von 468.600 Schnitten. Verteilt auf die 38.900 Lebensmittelgeschäfte hieße das: Jeder Laden kann am Tag zwölf Hanutas verkaufen, also etwas mehr als eine Packung.

Hanuta ist längst nicht das einzige Fabrikprodukt, das mit netten Fantasiebäckern beworben wird. Auch in den Spots der Konkurrenzschnitte Knoppers rührt der Löffel im Kakao, fließt die Milch ins Glas und drücken gefühlvolle Finger zwei Waffeln aufeinander. Auf diese Weise könnte ein Mitarbeiter etwa 56 Knoppers am Tag produzieren, schätzt die Verbraucherzentrale.

Im Spot für den Schokopudding von Landliebe werden sogar die Kakaobohnen handverlesen. Den Almette Frischkäse rührt ein Bauer mit Milch und frischen Kräutern direkt im Fass an. Und der Konsumgüterkonzern Unilever lässt seine Knorr-Kräuter selbstverständlich händisch im Mörser zerstampfen. Was das an Arbeitseinsatz und erzieltem Umsatz bedeuten würde, hat die Verbraucherzentrale jeweils freihändig kalkuliert. Mehr als 14 Packungen Frischkäse und 26 Portionen Kräuter pro Mitarbeiter und Tag wären demnach nicht drin.

Nicht fehlen dürfen in dieser Liste auch die seriösen Herren mit weißen Mützen, die Löffel für Löffel jeden Klecks Mousse einzeln in der Lindt-Schokolade verteilen ("So verführerisch, so luftig."). Ebenfalls beachtlich ist die liebevolle Darstellung der Erdnussverarbeitung bei Bahlsen, obwohl die beworbenen Crispettis nur 14 Prozent Erdnüsse enthalten. Und den Tiefkühlpizzen von Dr. Oetker sieht man doch gleich an, dass jede einzelne individuell geknetet, ausgerollt und handgeformt wurde. Oder etwa nicht?

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