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Die Kern-Frage

Energieknappheit und Klimawandel verhelfen der Atomkraft zu einer überraschenden Renaissance. Doch wohin mit dem hoch radioaktiven Müll? 300.000 Tonnen gibt es schon auf der Welt - aber noch immer kein Endlager.

Von Dorit Kowitz, Jan Rosenkranz

Wie viele Endlager für hoch radioaktiven Müll gibt es eigentlich auf der ganzen Welt? Die Antwort ist erstaunlich, nur beruhigend ist sie nicht. Sie lautet: null. Auch 54 Jahre nachdem in Obninsk bei Moskau das erste Kernkraftwerk auf diesem Globus in Betrieb ging, existiert kein einziges Endlager. Nirgendwo.

Statt einer Lösung gibt es bislang nur Hunderte technischer Fragen, die noch kein Land abschließend beantworten kann. Statt eines Lagers nur ein riesiges, ständig wachsendes Problem: Ein gigantischer Haufen Atommüll türmt sich auf, der noch Hunderttausende Jahre lang strahlen wird. Allein der hoch radioaktive Abfall summiert sich mittlerweile auf geschätzte 300.000 Tonnen.

Bislang wird alles zwischenverstaut

Nicht einmal die Internationale Atomenergiebehörde IAEA in Wien kann genau sagen, wo wie viel Atommüll lagert. Alles, was in Kernkraftwerken, Forschungsreaktoren oder bei der Wiederaufarbeitung von Brennelementen als Müll anfällt, wird bislang irgendwie zwischenverstaut. Steckt in mit Wasser gefüllten "Abklingbecken" nahe den Kernkraftwerken oder in Hallen, die sich äußerlich kaum von der Schraubenfabrik nebenan unterscheiden. Liegt verpackt in Fässern und Containern, in Castoren und Betonhüllen.

In Deutschland sind die Energieversorger verpflichtet, den Müll regelmäßig zu kontrollieren und bei Bedarf umzupacken. Weltweiter Standard ist das beileibe nicht. Zwar ist die Verklappung von Atommüll im Meer seit der London Convention von 1972 eingeschränkt und seit 1993 endgültig verboten. Doch Mohammed el-Baradei, Generaldirektor der IAEA, kritisiert, dass über 50 Länder ihren Atomabfall in völlig unzureichenden Lagern deponieren.

Bisher nur Zwischenlager

"Kartoffelscheune" nennen Atomkraftgegner das Zwischenlager Gorleben - das umstrittenere der beiden zentralen deutschen Standorte; das zweite ist Ahaus. Für ungefähr so sicher halten sie es nämlich. Trotzdem wird Anfang November wieder ein Castor-Transport dorthin rollen. Wieder hat man ihm den Kampf angesagt. Wieder wird es die bekannten Bilder geben. Nur, dieses Jahr ist den Castor-Gegnern die Aufmerksamkeit gewiss.

Denn die Debatte um Atomkraft erlebt eine Neuauflage. Steigende Preise für Kohle, Öl und Gas lassen die eben noch als mordsgefährlich verteufelte Atomenergie in neuem Licht erscheinen, preiswert und klimafreundlich. Der unter Rot-Grün besiegelte "Atomausstieg" war eben nicht das Ende der Kernkraft. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) lässt seine Experten bereits an einem neuen "Kernenergie-Nutzungsgesetz" arbeiten. Sie wollen die Restlaufzeiten der 17 deutschen Meiler um mindestens acht Jahre verlängern. SPD-Umweltminister Sigmar Gabriel schäumt, pocht auf den Koalitionsvertrag und wirft Glos Atomlobbyismus vor.

Und wohin mit dem Müll, weiß immer noch keiner.

Dabei ist es längst egal, ob die deutschen Reaktoren noch fünf oder noch zehn Jahre länger laufen als vereinbart (bis 2021). Ein Gutteil des hoch radioaktiven Mülls ist in Deutschland schon angefallen, oder er kommt in den nächsten sechs Jahren zurück aus den Wiederaufarbeitungsanlagen in Großbritannien und Frankreich. Eine letzte Ruhestätte wird dringend benötigt.

Die Frage nach dem Endlager ist kontaminiert

Bloß wo? Unionspolitiker favorisieren den Salzstock unter dem niedersächsischen Gorleben. Der seit Ende der Siebziger heiß umkämpfte Standort im Wendland sei sowieso schon in allen Köpfen und außerdem geologisch gut erkundet. Die SPD will eine neue ergebnisoffene Standortsuche, treibt sie aber keineswegs voran. Die Frage nach dem richtigen Endlager am richtigen Ort ist politisch kontaminiertes Gebiet, seit 30 Jahren schon.

Für Gorleben zum Beispiel gilt seit 2000 ein Moratorium, das jede weitere Erkundung des Salzstocks bis 2010 sogar verbietet. Vor allem die damals regierenden Grünen wollten so die vorzeitige Festlegung auf diesen Standort verhindern. Wolfram König, Präsident des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS), sagt, man habe auftragsgemäß die Zeit genutzt, um "ganz allgemein" und "unabhängig von Gorleben" herauszufinden, welche Anforderungen ein Standort erfüllen müsse. Die Ergebnisse liegen seit 2005 in einem sogenannten Synthesebericht vor. Demnach scheint ein trockener Salzstock wie unter Gorleben so ungeeignet nicht zu sein. Nur, bisher folgte daraus nichts. Klaus-Jürgen Röhlig, Professor am Institut für Endlagerforschung in Clausthal-Zellerfeld, wünscht sich eigentlich eine offene Standortsuche. Man könne aber nicht ausblenden, dass über Gorleben schon viel bekannt sei und über mögliche neue Standorte noch gar nichts.

Eine politische Mehrheit für eine unbefangene Standortsuche - nach geologischen, gesellschaftlichen und sicherheitstechnischen Aspekten - ist allerdings nicht auszumachen. Stattdessen hat der Bundesumweltminister im Juni mal wieder eine Kommission bestellt. Sie heißt Entsorgung. In ihr sitzen Fachleute, die bereits in der "Reaktorsicherheitskommission", in der "Strahlenschutzkommission" oder im "Arbeitskreis Endlager" (AK-End) tätig waren. Dessen Mitglieder verbrachten unter Rot-Grün Jahre damit, Kriterien für ein Suchverfahren auszubrüten. Die meisten Wissenschaftler halten diese Vorschläge für gut. Die Schweiz wendet sie so ähnlich gerade an. Und in Deutschland? Die einen haben Angst, dass es trotzdem auf Gorleben hinauslaufen könnte (Sozialdemokraten und Grüne), die anderen, dass eine Endlagerstätte in ihrem Bundesland gefunden werden könnte (CDU und CSU aus Baden-Württemberg und Bayern). Umweltminister Gabriel jedenfalls vermisst in der Debatte "intellektuelle Redlichkeit". Wer den Ausbau der Atomenergie fordere, müsse auch "bei sich zu Hause" nach einem Endlager suchen lassen.

Das ist in Deutschland nicht viel anders als im Rest der Welt - es wird viel untersucht, aber möglichst wenig entschieden. Derweil wächst der Müllberg. Von den weltweit 439 Atomreaktoren produziert jeder einzelne im Schnitt jährlich 27 Tonnen hoch radioaktive Abfälle. Nach Angaben der World Nuclear Association - des weltweiten Zusammenschlusses der Kernkraftbetreiber - entstehen so Jahr für Jahr etwa 12.000 Tonnen hoch radioaktive Abfälle. 300.000 Tonnen sind es bis heute. Wohin damit? In 35 Staaten dieser Erde grübeln Experten an dieser Frage.

Die Chinesen erkunden Granit in der Wüste Gobi. Die Schweden favorisieren ebenfalls Granit - unter dem Meer. Kleine Länder wie Ungarn, Belgien, die Slowakei oder die Niederlande denken in losen Verbünden über gemeinsame internationale Endlager nach. In Frankreich, mit 59 Reaktoren größter Atomstromproduzent Europas, kristallisiert sich ein Areal um das ostfranzösische Dorf Bure als nationales Endlager heraus, 200 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. In 500 Meter Tiefe wird eine 130 Meter dicke Lehmschicht auf ihre Eignung hin überprüft, Radioaktivität einzuschließen. Offiziell soll erst 2015 darüber entschieden werden, Bure gilt aber heute schon als alternativlos. Der gesamte hoch radioaktive Strahlenmüll Frankreichs ließe sich dort verstauen - zumindest der Teil, der bis 2015 angefallen sein wird. Danach ist das Lager voll. Die Suche beginnt von vorn.

Die USA dagegen haben sich vor Jahrzehnten im Bundesstaat Nevada eine geologisch besonders interessante Gegend ausgeguckt. Vor Kurzem erst hat US-Präsident Bush den Standort Yucca Mountain - 160 Kilometer nordwestlich von Las Vegas - genehmigt. Ab 2017 werden rund 70.000 Tonnen radioaktiver Brennstäbe aus 39 Bundesstaaten nach und nach dorthin gebracht. Ulrich Kleemann, Chef der Abteilung Müllentsorgung im Bundesamt für Strahlenschutz, war vor einiger Zeit schon vor Ort - und geschockt. Yucca Mountain ist aus Tuffstein. Tuff ist so offenporig wie sein Name klingt. Der Müll soll zudem in nur 225 bis 400 Meter tiefen Schichten gelagert werden, die Grundwasser führen können, was man wegen der Wüstenlage glaubte, vernachlässigen zu können. Allerdings lag auf Yucca Mountain vor nur 10.000 Jahren ein großer See - ein Endlager soll aber eine Million Jahre überstehen. Es komme noch ärger, sagt Kleemann, "das Gebiet liegt in einer von Erdbeben bedrohten Zone, in der es außerdem aktiven Vulkanismus gibt". Der Bundesstaat Nevada hat die gleichen Bedenken und erst kürzlich einen Teilsieg vor einem Bundesgericht errungen. Die Richter monierten, dass die Regierung die Sicherheitsempfehlungen der National Academies of Sciences nicht berücksichtigt habe. Yucca Mountain ist ins Wanken geraten. Einen Plan B gibt es bisher noch nicht.

"Transmutation" ist ein Märchen

Auch im Rest der Welt sucht man weiter nach Auswegen. Manche sind politisch kühn - wie der im vorigen Jahr von SPD-Fraktionschef Peter Struck gemachte Vorstoß, ob nicht auch ein einziges europäisches Endlager ausreichen würde. Andere sind technisch kühn, wie der Plan, aus hoch giftigem Plutonium per "Transmutation" harmloses zu machen. Hoch radioaktiver Abfall wird dabei so behandelt, dass er am Ende nur noch ein paar statt 100.000 Jahre strahlt. Der Rest kann, wiederaufgearbeitet, erneut Kernenergie erzeugen. Transmutation aber, sagt Michael Sailer, Endlagerspezialist vom Öko-Institut in Darmstadt, "ist ein Märchen für Nicht-Ingenieure", sei technisch bisher nicht umsetzbar.

Man wird nicht umhinkommen, den Strahlenmüll irgendwie sicher unter die Erde zu kriegen. Wie es gehen könnte, macht die Schweiz gerade vor - ausgerechnet angelehnt an die Empfehlungen des deutschen Arbeitskreises Endlager. In einem mehrstufigen Auswahlverfahren, das stets transparent verlaufen soll, sucht man landesweit potenziell geeignete Lagerstätten. Nur unter die Alpen darf der Müll nicht. Denn die heben sich einen Millimeter im Jahr. Der Atommüll, den man dort heute 300 Meter tief unter die Erde bringen würde, ragte in ein paar hunderttausend Jahren steil in den Himmel.

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