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Der Schuldenschnitt nutzt den Deutschen

Der Schuldenschnitt für Griechenland wird den Verbrauchern kaum weht tun. Führende Finanzexperten glauben gar: Die Deutschen profitieren von der Eurorettung - jedenfalls indirekt.

Von Tanja Vedder

Eine Glaskugel würde jetzt vielleicht helfen. Der EU-Gipfel hat also weitere Notmaßnahmen für Euroland beschlossen: Ein Schuldenschnitt für Griechenland um 50 Prozent, ein eine Billion Euro schwerer "Hebel" für den Eurorettungsfonds EFSF und die Verpflichtung der Banken zur Aufstockung ihres Eigenkapitals auf 9 Prozent. Aber was heißt das nun alles? Für Europa, für den Euro, für die Wirtschaft, für uns Deutsche, für den Verbraucher? Eindeutig klären lassen sich diese Fragen beileibe nicht. Das gab auch die Kanzlerin zu. Angela Merkel bekannte auf die Frage nach der Hebelwirkung des Rettungsfonds: Man betrete Neuland und es sei sehr schwer, "heute schon zu sagen, was das nun eigentlich bedeutet".

Fest steht, dass der Euro-Gipfel eine klare Signalwirkung hat, eine politische und eine wirtschaftliche: "Die Entscheidungen von Brüssel haben die Gefahr eines Großschadens in Europa ganz klar minimiert und einen großen Teil der Anspannung aus den Märkten genommen", sagt Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz im Gespräch mit stern.de.

Und Michael Hüther, der Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), ist sich sicher: Szenarien wie eine Auflösung der Europäischen Währungsunion oder auch nur das Ausscheiden der Krisenstaaten hätten zu einer europaweiten Rezession geführt, die auch an der deutschen Wirtschaft nicht spurlos vorbei gegangen wäre. Diese Gefahr scheint nun gebannt – was sich auch an den Börsen ablesen lässt: Einen Tag nach dem Euro-Gipfel griffen die Anleger in Frankfurt vor allem nach Banken-Titeln, deren Aktien-Kurse sausten in die Höhe.

Bislang ist noch gar kein deutsches Geld geflossen

Die 211 Milliarden Garantien, die Deutschland für den EFSF gegeben hat, stemmt der Steuerzahler, so heißt es. Tatsächlich ist bislang noch gar kein deutsches Geld geflossen - und es würde auch nur fließen, wenn tatsächlich ein Notfall eintreten würde und ein EU-Staat gerettet werden müsste. Der IW-Chef sieht die Sache positiv: "Der deutsche Staat profitiert von der Krise, denn alle kaufen deutsche Staatsanleihen, deren Zinsen so niedrig sind wie nie." So muss der Staat - und damit dem Haushalt der Bundesregierung - weniger Geld für Schuldendienst aufwenden. Aus dem Haushalt muss Deutschland erst einmal nur 22 Milliarden Euro in mehreren Raten als Bareinlage an den ESM, Nachfolger der EFSF, überweisen.

Spüren werden deutsche Arbeitnehmer und Verbraucher die Beschlüsse aber an anderer Stelle: "Weil alle Banken ihre Kernkapitalquote erhöhen müssen, wird das Vertrauen der Institute untereinander wieder wachsen. Das wird den Interbankenhandel beleben", sagte IW-Chef Hüther. Fließt mehr Geld zwischen den Banken, bekommen auch Unternehmen leichter Kredite. Das wiederum kommt indirekt auch dem Arbeitsmarkt zugute.

Wie aber beschaffen sich die Banken überhaupt neues Eigenkapital? Sie können entweder Aktien ausgeben – was den bestehenden Aktienanteil "verwässert", wie der Profi sagt. Die Zeche zahlen also die bisherigen Aktionäre, da sie, wenn sie ihre Bezugsrechte nicht wahrnehmen, am Ende weniger Anteile halten und deshalb weniger Dividende bekommen. Ohnehin sollen die Banken nach dem Willen der Euro-Politiker erst einmal die Zahlung von Dividenden (und Boni) einfrieren.

Kaum Auswirkung auf Festgeld und Rentenverträge

Allianz-Chefvolkswirt Heise schließt auch nicht aus, dass die Banken wiederum an der Zinsschraube bei der Kreditvergabe an Unternehmen drehen könnten. "An den Zinsen für Verbraucher etwa auf Tages- oder Festgeldkonten werden die Banken aber kaum rütteln. Dafür sind sie derzeit zu sehr auf flüssige Mittel angewiesen", so der Finanzwissenschaftler.

Und der Schuldenschnitt? Der trifft nun erst mal die Banken und Versicherungen, auch in Deutschland. Sie müssen auf die Hälfte ihrer Forderungen an Griechenland verzichten. Dass sich das gravierend auf der Branche auswirken wird, erwartet Hüther nicht. Die deutschen Unternehmen seien stark genug, das zu verkraften, bestätigt auch die Branche fast mantraartig. Ohnehin haben die meisten Insitute diese Positionen in ihren Bilanzen längst abgeschrieben. Und auch Allianz-Chefvolkswirt Heise bestätigt: "Unser Haus hat sämtliche griechische Anleihen zu Marktpreisen abgeschrieben." Kunden der Allianz, die beispielsweise eine Renten- oder Lebensversicherung abgeschlossen haben, werden das kaum merken. Heise: "Auf die Überschussbeteiligung für unsere Kunden hat das keine Auswirkungen."

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