Startseite

"Es sind viele Tränen geflossen"

Sieben Jahre lang war er Chef der Deutschen Telekom, im Sommer 2002 musste er Knall auf Fall gehen: Zum ersten Mal spricht Ron Sommer über seinen Rauswurf und das Leben nach der Telekom.

stern: Herr Sommer, Sie sind braun gebrannt wie eh und je. Wie geht es Ihnen?

Ron Sommer: Das ist meine Natur, ich werde schnell braun. Es reicht schon, wenn ich eine Stunde Ski fahre. Aber danke, es geht mir gut. Ich freue mich, Sie wiederzusehen.

Sie mussten im Juli 2002 als Chef der Deutschen Telekom zurücktreten. Seither haben Sie sich nicht mehr öffentlich geäußert. Was haben Sie in den vergangenen 20 Monaten gemacht?

Also, ich habe mich nicht aufs Pensionärsdasein vorbereitet, wenn Sie das meinen. Dazu fühle ich mich zu jung. Meine Batterien sind gut geladen. In den ersten Monaten habe ich mich vor allem gefreut, mehr Zeit für meine Familie zu haben.

Ihre Frau und Ihre zwei Söhne waren das gar nicht mehr gewohnt.

Die hatten sogar ein bisschen Angst davor. Mein jüngster Sohn hat gesagt: Was machen wir mit dem Papa den ganzen Tag zu Hause? Als er merkte, dass ich nicht nur daheim herumsitze, sondern die Zeit aktiv nutze, war er beruhigt. Als Konzernchef hat man für alles eine helfende Hand.

Mussten Sie erst wieder lernen, sich im Alltag zurechtzufinden?

Dank meiner Familie und vieler Kollegen glaube ich, nie die Bodenhaftung verloren zu haben. Außerdem hat meine Frau damals gesagt: Jetzt bauen wir ein "Down to earth"-Programm für dich. Wenn ich als Telekom-Chef in London am Flughafen ankam, stand eine Limousine bereit. Meine Frau hat nach meinem Rücktritt gesagt: Raus aus dem Flughafen, ab in die U-Bahn! Sie war dann sehr erstaunt, als sie merkte, dass ich den Weg kannte. Wenn wir es damals bei der Telekom wirklich eilig hatten, haben wir in London schon mal die Bahn genommen.

Waren Sie erleichtert, dass der Druck weg war?

Diese Erleichterung habe ich nie gesucht. Ich habe mich nie darüber beklagt, dass die Nacht nicht mehr als fünf Stunden hatte. Dass ich jetzt sieben Stunden schlafen kann, ist für mich kein Genuss.

Wie haben Sie die neue Freizeit genutzt?

So viel Freizeit war es gar nicht. Ich habe mir einen Traum erfüllt und das Fliegen gelernt. Den Privatpilotenschein habe ich schon, zum Instrumentenschein fehlt mir noch eine Prüfung. Außerdem wollte ich eigentlich mein Golf-Handicap verbessern, aber ich bin ein miserabler Spieler. Und es war mehr Zeit fürs Gebirge. Wir haben ein Haus in Österreich, von dort und von zu Hause habe ich dann nach ein paar Monaten mehr und mehr von Freizeit auf Arbeit umgeschaltet.

Sie beraten den russischen Mischkonzern AFK Sistema und die US-Anlagefirma Blackstone ...

... außerdem sitze ich im Aufsichtsrat der Münchener Rück - ein hochspannendes Unternehmen, Weltmarktführer unter den Rückversicherungen. Und ich berate in verschiedenen Ländern weitere Unternehmen und, unentgeltlich, Politiker. Ich habe mich Zeit meines Berufslebens mit Innovationen und der Entwicklung von Märkten befasst, und das tue ich auch weiter. Es ist unendlich spannend zu sehen, was etwa in Russland gerade passiert. Und ich freue mich, meine Erfahrungen hier einbringen zu können.

Sie waren sieben Jahre lang Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom und haben in dieser Zeit eine Behörde auf Weltkonzern getrimmt. Im Juli 2002 mussten Sie gehen. Kanzler Gerhard Schröder ließ Sie ebenso fallen wie der Aufsichtsratschef Hans-Dietrich Winkhaus, weil ...

... an diesen Spekulationen möchte ich mich nicht beteiligen. Für mich war wesentlicher, dass die Arbeitnehmerseite hinter mir stand. Die haben für mich demonstriert, obwohl ich in den sieben Jahren als Telekom-Chef 100.000 Stellen abbauen musste. Das war ein sehr emotionales Erlebnis.

Sie mussten gehen, weil der Aktienkurs der Telekom im Keller war und Schröder die drei Millionen Anleger als Wähler brauchte.

Es ist sicher nicht auszuschließen, dass Wahltaktik eine Rolle gespielt haben könnte.

Warum so vorsichtig? BDI-Chef Michael Rogowski hat damals gesagt: "Der Prozess der Ablösung war schlimm, der Umgang mit Ron Sommer auch."

Es gibt keinen Grund, Herrn Rogowski zu widersprechen.

Gab es eine Aussprache mit dem Kanzler?

Nein.

Wann war klar, dass Sie gehen mussten?

Richtig klar war es erst am letzten Tag, am 16. Juli 2002. Auch da gab es noch sehr geteilte Auffassungen unter meinen engsten Mitarbeitern und auch in meiner Familie. Mein ältester Sohn sagte am Telefon: Wirf das Handtuch, wir gehen nach Amerika. Der jüngere sagte: Kämpfen und gewinnen!

Um 17.49 Uhr an diesem Tag haben Sie Ihren Rücktritt bekannt gegeben. Wie haben Sie den Rest des Abends verbracht?

Ich habe mich von den engsten Weggefährten bei einem Glas Wein verabschiedet. Es war ein eigenartiges Fest. Es war wie nach einem Begräbnis, es sind viele Tränen geflossen, dennoch war es eine sehr warme Atmosphäre.

Bei der Telekom hat es nach Ihrem Ausscheiden keinen Kurswechsel gegeben. Sehen Sie das als Bestätigung für Ihre Strategie?

Mich freut es, dass alle Strategien aufgegangen sind, vor allem Voicestream. Der Zukauf war goldrichtig, er ist der große Wachstumstreiber. Die Telekom ist dank T-Mobile eines der wenigen deutschen Unternehmen, die es geschafft haben, sich in den USA erfolgreich zu etablieren. Wenn ich dort im hintersten Winkel das Radio anmache, klingt der Telekom-Werbejingle heraus. Ich war kürzlich mit einigen amerikanischen Kollegen in den Rocky Mountains. Neun von zehn hatten ein T-Mobile-Blackberry-Gerät in der Hand. Einer hatte ein anderes, das funktionierte nicht. Da kamen die neun zu mir und sagten: Thank you, Ron.

Mit Ihrem Namen verknüpft sich heute in der Öffentlichkeit nicht so sehr der Umbau der Telekom als vielmehr das Aktiendesaster, bei dem Millionen T-Aktionäre ihr Erspartes verloren haben. Schmerzt Sie das?

Heute weiß jeder, dass alle, die in Aktien investiert haben, in dieser Zeit Geld verloren haben. Natürlich fühle ich mit meinen Aktionären. Aber meine Aufgabe war es, das Unternehmen umzubauen und erfolgreich an der Börse zu platzieren. Das ist gelungen. Schauen Sie sich an, was aus der guten alten Telefonpost in meiner Zeit geworden ist: das modernste Telekommunikationsunternehmen weltweit. Mit einer sehr attraktiven Mobilfunktochter in den USA und vielen Aktivitäten in wachstumsstarken Regionen Mittel- und Osteuropas. Alles unter der Marke des T. Eine Perle der deutschen Wirtschaft! Ich behaupte, dass kein anderes Telekommunikationsunternehmen heute so gut aufgestellt ist. Und keiner hätte uns diesen Wandel zugetraut. Ich fühle mich aber insofern verantwortlich, als ich dazu beigetragen habe, dass die Menschen in Aktien anlegen - was auch weiterhin richtig ist -, und leider nicht erkennen konnte, dass die Börsen verrückt spielten. Niemand hat diese Blase rechtzeitig erkannt. Da können sich alle kritisch prüfen: Banker, Analysten und auch Journalisten.

Haben Sie es nicht auch genossen, eine Zeit lang der Popstar der deutschen Wirtschaft zu sein, Held der Kleinaktionäre?

Ich habe nie die Öffentlichkeit gesucht. Nennen Sie mir eine Party oder ein Social-Event, das ich besucht hätte. Allerdings war Öffentlichkeit ein Teil meines Jobs. Wenn Sie aus einer Behörde ein spannendes Unternehmen machen wollen, muss das mit einer Seele einhergehen. Da muss ein Mensch sein, dem man vertraut. Es war meine Aufgabe, mich vor das Unternehmen und vor die Mitarbeiter zu stellen. Ich habe mich auch in schwierigen Zeiten niemals versteckt.

Der Aufsichtsrat hat für Sie und Ihre Vorstandskollegen noch ein Aktienoptionsprogramm aufgelegt, als alle schon unter den Verlusten litten.

Im Vergleich zu anderen Unternehmen haben Telekom-Vorstände nie zu den Spitzenverdienern gezählt. Aber das ist eine der typischen Neidgeschichten, die wir in Deutschland so lieben. Statt zu überlegen, wie es vorangehen kann, analysieren wir die Probleme der Vergangenheit - so lange, bis alle frustriert sind und nichts mehr geht. Bei der Maut erleben wir gerade dasselbe.

Die Lkw-Maut wird doch nicht kaputtdiskutiert, sie funktioniert einfach nicht.

Da läuft in der Diskussion manches falsch. Es ist doch vollkommen richtig, dass dieses Thema als Public-Private-Partnership angegangen wurde. Und es ist richtig, dass ein Land wie Deutschland auf eine zukunftsweisende Technik setzt, auch wenn es nicht einfach ist. So viele Gebiete haben wir nicht, auf denen wir weltweit führend sind. Die Telekommunikation und die Informationstechnik zählen dazu. Allerdings müssen dann auch alle ehrlich dazu stehen und nicht - aus wahltaktischen Motiven - einen unrealistischen Zeitpunkt für die Einführung des Mautsystems nennen. Da hätte man den Wählern sagen müssen: Das System ist die Zukunft, es wird ein Exportschlager, auf ein paar Monate kommt es nicht an. Es wäre besser gewesen, wenn die Telekom deutlich früher die Führung übernommen hätte.

Der neue Mobilfunkstandard UMTS galt auch als Zukunftsprojekt. Als Telekom-Chef haben Sie rund 17 Milliarden Mark nur für die Lizenz ausgegeben. Doch die Einführung verzögert sich.

Breitbandigkeit wird auch im Mobilfunk, genau wie im Festnetz, die Zukunft bedeuten. Die vielen selbstverständlichen Anwendungen im Festnetz können wir heute nur dank ISDN und DSL nutzen. Das Gleiche wird in zunehmendem Maße auch für den Mobilfunk gelten. Es wäre fahrlässig und unternehmerisch unverantwortlich gewesen, die T-Mobile aus einer derartigen Zukunftstechnologie auszuschließen. Das wäre mit Sicherheit auch zulasten des Standortes Deutschland gegangen.

Deutschland steckt in einer schweren Wirtschaftskrise. Was sehen Sie als Ursache dafür?

Es gibt zu viele Menschen, die nur nach hinten sehen, die versuchen, überkommene Systeme zu bewahren, statt etwas Neues zu wagen. Wir können High Tech, darin liegt unsere Zukunft - warum reden wir das Neue dann immer schlecht?

Wie erklären Sie Ihren amerikanischen Kollegen bei der Anlagefirma Blackstone, warum sie in Deutschland investieren sollten?

Das ist eine gute Frage - die Amerikaner könnten es sich ohne weiteres leisten, gar nicht nach Deutschland zu kommen. Ihnen steht die Welt offen, und da gibt es viele Kandidaten, die weniger Probleme haben als die Deutschen. Ich werbe trotzdem dafür, dass sie ihre Investitionen in Deutschland tätigen, weil es hier hervorragende Unternehmen zu derzeit sehr vernünftigen Preisen gibt. Und weil ich ihnen auch manche Sorge nehmen kann. Viele Amerikaner haben zum Beispiel Angst vor der Mitbestimmung. Bei der Telekom haben wir gezeigt, wie man im Dialog mit der Arbeitnehmerseite ein erfolgreiches Unternehmen hinbekommt. Trotzdem: An weiteren Reformen kommt Deutschland nicht vorbei.

Haben Sie Vertrauen, dass die rot-grüne Regierung die nötigen Reformen umsetzen kann?

Ich sehe viele richtige Ansätze, aber vermisse eine stringente Führung. Gerade, wenn man Dinge angeht, die für viele Menschen schmerzhaft sind, muss man den Mut haben, die Probleme offen und ehrlich zu benennen und einen klaren Kurs zu verfolgen. Wenn wir die Deutsche Bundespost in ein weltweit bedeutendes Dienstleistungsunternehmen umbauen konnten, dann wüsste ich nicht, warum wir Deutschland nicht zu einem führenden High-Tech-Land machen könnten. Wer stattdessen ständig wackelt, verunsichert nur. Es gibt da einen schönen Witz: Das irische Parlament diskutiert die Umstellung von Links- auf Rechtsverkehr. Die einen sind dafür, die anderen dagegen. Da meldet sich einer und sagt: "Ich habe einen Kompromissvorschlag: Wir testen den Rechtsverkehr erst mal nur mit den Lastautos."

Sie sind ein wohlhabender Mann, Ihre Abfindung bei der Telekom betrug elf Millionen Euro. Warum arbeiten Sie überhaupt noch?

Lassen Sie uns nicht über die Höhe meiner Abfindung spekulieren. Geld war nie mein Hauptantrieb. Mein Hauptantrieb war und ist, Innovationen voranzutreiben und Märkte zu entwickeln.

Wird es Ron Sommer als Manager in verantwortlicher Position noch einmal geben?

Das könnte ich mir vorstellen, es muss aber nicht sein. Neue Aufgaben kamen in meinem Leben glücklicherweise immer von selbst, ich musste nie danach suchen. Ich fühle mich sehr wohl, wie es ist, aber ich bin für alles offen. Die Zukunft bringt eh immer Überraschungen.

Alexander Kühn, Frank Thomsen/print

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Zu hohe Inkassogebühren, rechtens?
Hallo, ich habe am 20 März 15 einen Vertrag über 12 Monate mit einem Fitness-Studio abgeschlossen. Die Kosten (9,98 € 14-Tägig, 39,99€ Verwaltung einmalig, 19,99 Trainer und Servicepauschale Jährlich) sollten per Einzugsermächtigung abgebucht werden. Kürzlich bekam ich überraschend einen Brief von einem Inkassobüro mit der Zahlungsaufforderung für die gesamten 12 Monate inkl. der Verwaltung und Servicepauschale + Auslagen des Gläubigers (63,38€), Zinsen (1,42€), Geschäftsgebühr (45€), Auskunftskosten (5€) , Auslagenpauschale (9€) Hauptforderung 320,28€ Offene Forderung 444,08€ Nach dem ich mich bei der Firma erkundet habe, sagten sie mir, dass Zahlung zurückgegangen ist da mein Konto nicht gedeckt sei. Fakt war das sie einen Zahhlendreher in der Kontonummer hatten obwohl im meinem Durchschlag die Richtige Kontonummer angegeben wurde. Aber im Original hat jemand aus einer 3 eine 8 geändert. Nach Überprüfung konnte ich Feststellen das es diese Kontonummer gar nicht gibt und das diese vom System gar nicht angenommen wird. Spätestens da hätte man mich doch hinweisen oder fragen können was mit dem Konto sei. Es kam nie ein zu einem Zahhlungsrückgang, noch zu einer Zahlungserinnerung Mahnung seitens des Fitnessstudios. Die AGB´s habe ich nie zu Gesicht nie bekommen und auch nicht gelesen - diese stehen (nach meiner Recherche) im Internet aber auch nicht definiert wie man in Zahlungsverzug kommt. Leider habe ich unterschrieben das sie mir bekannt sind. Dies steht ganz kleingedruckt im Durchschlag. Ich habe der Firma vorgeschlagen die offenen Beiträge bis jetzt zu bezahlen und für die Zukunft eine neue Einzugsermächtigung zu erteilen, was sie aber abgelehnt haben und mir gesagt haben ich soll dies mit dem Inkassobüro klären. Der Fitnessvertrag ist somit gesperrt seit einem Monat. Da ich aber mit den Gebühren, Mahnspesen von dem Inkassobüro nicht einverstanden bin weiß ich nicht ob ich diese bezahlen muss. Ich habe dem Inkassobüro auch vorgeschlagen die offenen Beiträge zu begleichen und diese dann wie vertraglich vereinbart abgebucht werden. Sie haben mir angeboten diese in einem Jahr zu einem monatlichen Beitrag von 35€ abzuzahlen. Dies währen Mehrkosten von 100€, ist das rechtens? Bitte Antworten sie mir in einer Sprache die ich auch versteh - mit langen Gesetzestexten kann ich leider nicht umgehen Und was Sie denken was ich tun soll was rechtens ist. Vielen Dank im Voraus

Partner-Tools