"Es sind viele Tränen geflossen"

25. März 2004, 09:38 Uhr

Sieben Jahre lang war er Chef der Deutschen Telekom, im Sommer 2002 musste er Knall auf Fall gehen: Zum ersten Mal spricht Ron Sommer über seinen Rauswurf und das Leben nach der Telekom.

Entspannt, braun gebrannt und tatendurstig: So präsentierte sich Ron Sommer beim stern-Gespräch in einem Münchener Hotel©

stern: Herr Sommer, Sie sind braun gebrannt wie eh und je. Wie geht es Ihnen? Ron Sommer: Das ist meine Natur, ich werde schnell braun. Es reicht schon, wenn ich eine Stunde Ski fahre. Aber danke, es geht mir gut. Ich freue mich, Sie wiederzusehen. Sie mussten im Juli 2002 als Chef der Deutschen Telekom zurücktreten. Seither haben Sie sich nicht mehr öffentlich geäußert. Was haben Sie in den vergangenen 20 Monaten gemacht? Also, ich habe mich nicht aufs Pensionärsdasein vorbereitet, wenn Sie das meinen. Dazu fühle ich mich zu jung. Meine Batterien sind gut geladen. In den ersten Monaten habe ich mich vor allem gefreut, mehr Zeit für meine Familie zu haben.

Ihre Frau und Ihre zwei Söhne waren das gar nicht mehr gewohnt.

Die hatten sogar ein bisschen Angst davor. Mein jüngster Sohn hat gesagt: Was machen wir mit dem Papa den ganzen Tag zu Hause? Als er merkte, dass ich nicht nur daheim herumsitze, sondern die Zeit aktiv nutze, war er beruhigt. Als Konzernchef hat man für alles eine helfende Hand.

Mussten Sie erst wieder lernen, sich im Alltag zurechtzufinden? Dank meiner Familie und vieler Kollegen glaube ich, nie die Bodenhaftung verloren zu haben. Außerdem hat meine Frau damals gesagt: Jetzt bauen wir ein "Down to earth"-Programm für dich. Wenn ich als Telekom-Chef in London am Flughafen ankam, stand eine Limousine bereit. Meine Frau hat nach meinem Rücktritt gesagt: Raus aus dem Flughafen, ab in die U-Bahn! Sie war dann sehr erstaunt, als sie merkte, dass ich den Weg kannte. Wenn wir es damals bei der Telekom wirklich eilig hatten, haben wir in London schon mal die Bahn genommen. Waren Sie erleichtert, dass der Druck weg war? Diese Erleichterung habe ich nie gesucht. Ich habe mich nie darüber beklagt, dass die Nacht nicht mehr als fünf Stunden hatte. Dass ich jetzt sieben Stunden schlafen kann, ist für mich kein Genuss.

Wie haben Sie die neue Freizeit genutzt?

So viel Freizeit war es gar nicht. Ich habe mir einen Traum erfüllt und das Fliegen gelernt. Den Privatpilotenschein habe ich schon, zum Instrumentenschein fehlt mir noch eine Prüfung. Außerdem wollte ich eigentlich mein Golf-Handicap verbessern, aber ich bin ein miserabler Spieler. Und es war mehr Zeit fürs Gebirge. Wir haben ein Haus in Österreich, von dort und von zu Hause habe ich dann nach ein paar Monaten mehr und mehr von Freizeit auf Arbeit umgeschaltet.

Sie beraten den russischen Mischkonzern AFK Sistema und die US-Anlagefirma Blackstone ...

... außerdem sitze ich im Aufsichtsrat der Münchener Rück - ein hochspannendes Unternehmen, Weltmarktführer unter den Rückversicherungen. Und ich berate in verschiedenen Ländern weitere Unternehmen und, unentgeltlich, Politiker. Ich habe mich Zeit meines Berufslebens mit Innovationen und der Entwicklung von Märkten befasst, und das tue ich auch weiter. Es ist unendlich spannend zu sehen, was etwa in Russland gerade passiert. Und ich freue mich, meine Erfahrungen hier einbringen zu können.

Sie waren sieben Jahre lang Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom und haben in dieser Zeit eine Behörde auf Weltkonzern getrimmt. Im Juli 2002 mussten Sie gehen. Kanzler Gerhard Schröder ließ Sie ebenso fallen wie der Aufsichtsratschef Hans-Dietrich Winkhaus, weil ... ... an diesen Spekulationen möchte ich mich nicht beteiligen. Für mich war wesentlicher, dass die Arbeitnehmerseite hinter mir stand. Die haben für mich demonstriert, obwohl ich in den sieben Jahren als Telekom-Chef 100.000 Stellen abbauen musste. Das war ein sehr emotionales Erlebnis. Sie mussten gehen, weil der Aktienkurs der Telekom im Keller war und Schröder die drei Millionen Anleger als Wähler brauchte. Es ist sicher nicht auszuschließen, dass Wahltaktik eine Rolle gespielt haben könnte.

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