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China schwächelt, Deutschland röchelt

Solange China boomte, liefen auch die deutschen Exporte gut. Nun hat sich das Blatt gewendet. Die deutsche Industrie muss sich auf schlechte Nachrichten einstellen, sagen Ökonomen.

Von Lutz Meier

  So sieht ein Mann aus, der gerade eine Bombe hat platzen lassen. Aufgeregte Journalisten in Washington bedrängen am Freitag den chinesischen Finanzminister Lou, mehr über die Aussichten im Land zu sagen. Lous sorgfältig verpackte Botschaft: Die Wirtschaft legt eine Vollbremsung hin.

So sieht ein Mann aus, der gerade eine Bombe hat platzen lassen. Aufgeregte Journalisten in Washington bedrängen am Freitag den chinesischen Finanzminister Lou, mehr über die Aussichten im Land zu sagen. Lous sorgfältig verpackte Botschaft: Die Wirtschaft legt eine Vollbremsung hin.

Die Experten in den Bankzentralen der Metropole Shanghai rieben sich die Augen: Ausgerechnet bei einem Wirtschaftsgipfel mit US-Politikern ließ der Pekinger Finanzminister Lou Jiwei die Bombe platzen. Zu Besuch in Washingten plauderte er am Freitag erst einmal lang und breit über die jüngsten Wirtschaftsreformen der Pekinger Führung, dann kam er auf das offizielle Regierungsziel zu sprechen, demzufolge das Land dieses Jahr 7,5 Prozent Wachstum erreicht. "Aber wir glauben auch, dass 7 oder 6,5 Prozent kein großes Problem sind", sagte Lou. Das klingt erst einmal harmlos. In Wahrheit haben es die Worte in sich - sie können auf Dauer Schockwellen durch die Weltwirtschaft senden. In Deutschland würden diese als erstes ankommen. "Natürlich würde das die deutschen Exporte treffen", sagt Stefan Schneider, Chefvolkswirt der Deutsche-Bank-Research-Abteilung zu stern.de.

Eine Vollbremsung

Denn wenn passiert, was der Minister aus Peking da beschreibt, dann läuft es auf eine Vollbremsung in China heraus. Die Zahlen klingen für Ohren, die europäisches Micker-Wachstum gewöhnt sind, zwar nicht übel. Doch für China wäre es die schlechteste Rate seit 23 Jahren. Und es ist nicht das einzige Negativzeichen: Anfang Juli meldete die Zollbehörde in Peking erstmals seit fast zwei Jahren unerwartet einen Einbruch der Exporte. Der Finanzsektor zittert seit Wochen vor faulen Krediten, so dass Banken beginnen, Firmen und Privatleuten den Kredithahn zuzudrehen. Das hat so viel Unruhe ausgelöst, dass die Regierung Berichte darüber in dieser Woche erst einmal verboten hat.

Wie es weitergehen könnte, liegt auf der Hand: Firmen, die kein Geld mehr bekommen, kappen Ausgaben für neue Maschinen. "Das bekommen die Deutschen als erstes zu spüren, denn bei diesen Anlagen sind sie ja vorn", sagt Ökonom Schneider. Wenn es dann noch weitergeht, würden bald auch jene Chinesen um ihr Geld fürchten müssen, denen die chinesische Wachstumsmaschine bislang immer mehr davon in die Hände spült, also die, die - zum Beispiel - BMW-Luxuswagen oder die VW-Mittelklasseautos kaufen. Experten rätseln jetzt nur um die Diagnose: Ist es ein kleiner Schwächeanfall, den das Land erleidet, und von dem es sich wieder erholen wird? Oder ist es für längere Zeit das Ende des Booms? Vielleicht versucht Chinas Regierung mit gezielt gesetzten Nachrichten wie den Ministerworten aus Washington, den heißdrehenden Wachstumsapparat sanft abzubremsen. Vielleicht kollabiert dieser aber auch erst einmal mit einem Knall.

"Das waren alles unsere Hoffnungswerte"

Für die Deutschen ist das zunächst nicht entscheidend: Sie müssen feststellen, wie abhängig sie vom glücklichen Händchen der Pekinger Führung und anderen Unwägbarkeiten im bevölkerungsreichsten Land der Welt sind. Und nicht nur davon: Denn auch in den anderen Boomländern (Indien, Brasilien, Russland) stockt längst das Wachstum. Die USA, die noch vor kurzem ausgelassen die Wiedergeburt ihrer Wirtschaft feierten, haben die Partymusik erst einmal heruntergedreht. "Das waren alles unsere Hoffnungswerte", bedauert Schneider, in dessen Haus noch Anfang des Jahres optimistische Prognosen für das Land verfasst wurden.

In dieser Woche hat der Internationale Währungsfonds seine Voraussagen für die Weltwirtschaft heruntergeschraubt. Die deutsche Exportstatistik erlebte bereits in den gerade veröffentlichten Daten für Mai ihren ersten Dämpfer. Die Deutschen können somit nun die ganze Mechanik der globalisierten Weltwirtschaft hautnah erleben. Vielleicht ist es das Ende der Illusion, dass man einfach nur ein paar mehr Maschinen nach China zu verkaufen braucht, wenn die Eurozone auf Dauer im Krisenmodus bleibt und nicht mehr zugreift.

"Deutschland kann froh sein, wenn es einer Rezession entkommt"

Die Chinesen stellen aber stellen fest, dass die Amerikaner nicht die ganze erwartete Masse Produkte kaufen, die ihre deutschen Maschinen auswerfen. Die Rohstoffexportländer verkaufen weniger, sehen die Preise sinken und dann interessieren sich vielleicht, zum Beispiel, weniger reiche Araber für deutsche Luxusautos. In der nüchternen Sprache der Beamten vom Bundeswirtschaftsministerium klingt das natürlich undramatisch: "Die insgesamt eher seitwärts gerichtete Tendenz der Auslandsaufträge zeigt aber auch, dass die Impulse der Exportnachfrage vorerst recht begrenzt bleiben," schrieben sie diese Woche. Andere sprechen Klartext: "Deutschland kann froh sein, wenn es für die letzten zwei Quartale einer kurzfristigen Rezession entkommt", prophezeite Analyst David Brown vom Londoner Beratungshaus New View Economics der Nachrichtenagentur Reuters.

Der Streit um das deutsche Wirtschaftsmodell

Noch hat die Suche nach Auswegen nicht begonnen. Der Volkswagen-Konzern, für den China der wichtigste Markt ist, birst vor Optimismus und beschreibt ungerührt die sieben neuen Fabriken, die er dort derzeit aus dem Boden stampft. "Um die Ansprüche der chinesischen Kunden in dem stark wachsenden Markt zu erfüllen, muss Volkswagen seine Produktionskapazitäten ausbauen", trumpft Landeschef Jochem Heizmann in einer Mitteilung von Freitag auf. Andere Firmen wie Bosch oder Daimler spüren längst den auffrischenden Gegenwind aus den Exportmärkten. So werden die Nachrichten aus China zur Mahnung: Zum Beispiel bei der Lösung der Eurokrise nicht länger auf Zeit zu spielen mit dem Hintergedanken, dass uns das China-Geschäft schon über die Frist hilft.

Und im Wahlkampf wird wieder über das deutsche Wirtschaftsmodell an sich gestritten werden: Ist so viel Exportabhängigkeit gesund? Kann uns mehr Kauflust und mehr Investition im Inland retten? Erst einmal nicht, glaubt Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Schneider. "Vor einer richtigen Exportabkühlung würde uns das nicht retten", sagt er. "Im Gegenteil." Und fragt: Wenn jetzt schon Exporteinnahmen spärlicher fließen und der Beschäftigungsboom im Land stoppt, woher solle dann das Geld für Kauflust kommen?

Kurzfristig, heißt das, können wir nur bangen.

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