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Hauptsache, Kohle

Der Energiekonzern RWE spaltet den Zukunftsbereich der Erneuerbaren Energien vom veralteten Geschäft mit Kohle- und Atomstrom ab. Die Kommunen könnten so an Macht im Konzern verlieren - aber auch wieder auf Geld hoffen.

Kohlekraftwerk von RWE

RWE baut um: Kohlekraftwerke sind Auslaufmodelle, die Zukunft gehört dem Ökostrom. 

Lars Martin Klieve, 45, peilt einen Stehtisch an, auf dem Adventsgebäck lockt – und zückt erst einmal sein iPhone. Kurz den RWE-Aktienkurs checken. Der Mann ist kein Day-Trader, sondern Kämmerer der Stadt Essen. "Es geht aufwärts", ruft er in der Kaffeepause beim Kommunalkongress "Innovatives Finanzmanagement" in Köln. "12,84 Euro!" Vor Kurzem waren es gerade noch elf Euro. Klieve feiert jeden Cent Kursanstieg: Seiner Stadt gehören 18,6 Millionen RWE-Aktien. Vor acht Jahren notierten die allerdings bei fast 100 Euro.

Das zumindest zeitweilige Kursplus verdankt Klieve RWE-Chef Peter Terium. Der Niederländer hat überraschend angekündigt, den Energiekonzern zu spalten: Die Zukunftszweige – Ökostrom, Netze und Energievertrieb – sollen in eine neue Firma ausgelagert und mit frischem Kapital versorgt werden, die trostlosen Geschäfte von gestern, vor allem die Atom- und Kohlemeiler, bleiben beim Mutterkonzern. "Vorvorgestern wusste ich noch überhaupt nichts davon", sagt Klieve. Erstaunlich – immerhin ist seine Stadt mit 3,03 Prozent einer der größten RWE-Aktionäre.

Kommunen sind skeptisch

Fast 100 deutsche Städte, Gemeinden und Zweckverbände sind an RWE beteiligt. Zusammen gehört ihnen knapp ein Viertel des Unternehmens. Die meisten kommunalen Aktionäre sind von dem neuen Plan weniger begeistert. Nach dem Schrumpfen ihres Vermögens fürchten sie nun um ihre Macht. Bislang stehen ihnen 4 der 20 Sitze im Aufsichtsrat zu. Doch die dürften weg sein, wenn Terium Ernst macht. 

Die Lage ist vertrackt. Das zeigt das Beispiel Essen. Die Stadt stieg 1905 bei RWE ein. Damals wollte die Firma in den Städten Gaslaternen installieren und Straßenbahnen elektrifizieren. Über Jahrzehnte flossen die Gewerbesteuern, und mit dem Aktienkurs stieg das Vermögen der Stadt, zumindest auf dem Papier. "Win-win", nennt das Klieve. Vor allem freute er sich über die jährliche Dividende: Mit 3,50 Euro je Aktie, insgesamt also 65 Millionen, konnte er noch vor wenigen Jahren fest rechnen. Das entspricht ziemlich genau dem jährlichen Defizit des öffentlichen Nahverkehrs.

Doch dann verpasste RWE die Energiewende, das Geschäft brach ein. 2012 strichen die Manager die Dividende erst auf zwei, danach auf einen Euro zusammen. Klieve fürchtet, "dass die nächste sogar nur noch bei 50 bis 60 Cent liegt". Zugleich rauschte der Kurs abwärts. Essen musste 2013 wegen des Verfalls rund 850 Millionen Euro in seiner Vermögensbilanz abschreiben, 200 weitere Millionen kommen wohl 2015 hinzu. Zudem überweist der Konzern immer weniger Gewerbesteuer – in den vergangenen vier Jahren sollen rund 100 Millionen Euro weggebrochen sein.

Hoffen auf Investoren

Die Folge: Auch deswegen ist Essen nun völlig überschuldet, insgesamt mit 3,5 Milliarden Euro. "Die Stadt gehört faktisch den Banken" , sagt Klieve. Sie kann zwar rein rechtlich nicht pleitegehen, läuft aber Gefahr, unter Aufsicht der Bezirksregierung gestellt zu werden, "dann muss jede Radwegsanierung genehmigt werden". Klar, dass der Kämmerer nichts mehr ersehnt als eine Wiederauferstehung von RWE.

Er und manche Mitstreiter würden dafür Macht und Aufsichtsratsposten im Konzern freiwillig opfern. Sie hoffen auf finanzstarke Investoren aus aller Welt, die neues Geld in die Ökotochter stecken und die Gewinne wieder steigen lassen. Der Anteil der Kommunen würde zwar sinken, aber das wäre Klieve egal: "Wenn wir nicht mehr gebraucht werden, wollen wir wenigstens richtig was verdienen."

Klamme Kommunen in der Nebenrolle

Andere Städte bewerten die Aufspaltung höchst skeptisch. Doch für den RWE-Chef spielen die chronisch klammen Anteilseigner, von denen er kein neues Kapital erwarten kann, nur noch eine Nebenrolle. Er sagt, er wolle die strategische Neuausrichtung nicht mit deren Wünschen vermischen. Bei der Aufsichtsratssitzung stimmten die Konzernwächter einstimmig für den neuen Kurs, die Weichen sind gestellt.

Beim Kölner Kongress geht die Pause zu Ende. Klieve checkt noch mal den RWE-Kurs. Vielleicht kann Essen ja irgendwann mal, wenn das Papier wieder boomt, Aktien verkaufen, um die Haushaltslöcher zu stopfen. Doch das Display zeigt: Der Kurs ist schon wieder gefallen.

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