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Müssen wir uns Sorgen machen?

Die EU hat Wirtschaftssanktionen gegen Russland verhängt. Doch die Russen könnten zurückschlagen und Deutschland den Gas- und Ölhahn zudrehen. Eine Situationsanalyse von

Andreas Hoffmann und Andreas Hoidn-Borchers.

  Der russische Präsident bei einer Parade der Marine: Die Wirtschaftssanktionen sind eine Reaktion auf die Krim-Krise.

Der russische Präsident bei einer Parade der Marine: Die Wirtschaftssanktionen sind eine Reaktion auf die Krim-Krise.

Lange Zeit haben sich die Europäer geziert, doch seit vergangenem Donnerstag lassen sie Taten sprechen. Harte Sanktionen sollen den russischen Staatschef Wladimir Putin in der Ukraine-Krise zum Einlenken bewegen. Russische Banken kommen schwerer an das Geld der europäischen Kapitalmärkte. EU-Bürgern und -Firmen ist es untersagt, Anleihen, Aktien oder Finanzinstrumente, bei denen die Laufzeit 90 Tage übersteigt, zu kaufen oder zu verkaufen. Auch Güter, die militärisch und zivil nutzbar sind, dürfen nicht mehr exportiert werden. Rohre, Pumpen und alle Waren, die für die Ölförderung wichtig sind, brauchen eine gesonderte Ausfuhrgenehmigung. Waffen erhält Russland auch nicht mehr - der Bundeswirtschaftsminister stoppte jüngst das Rüstungsgeschäft von Rheinmetall über eine Gefechtsübungsanlage. Allerdings: Zwei Kriegsschiffe für die russische Marine dürfen die Franzosen noch liefern.

Deutsche Vorzeigebranchen profitieren

Und nun? Müssen wir uns um die deutsche Wirtschaft sorgen? Ein wenig schon. Wir treiben zwar mit den Russen nicht so viel Handel wie mit Holländern oder Franzosen, das Land ist nur der elftgrößte Handelspartner Deutschlands. Aber hierzulande hängen 350.000 Jobs von Geschäften mit Russland ab; rund 6200 Firmen, vom Mittelständler bis zum Großkonzern, suchen zwischen Sankt Petersburg und Wladiwostok nach Kunden. Vor allem die deutschen Vorzeigebranchen Auto, Chemie und Maschinenbau haben zuletzt dort gut verdient. Das ist vorbei. Im Maschinenbau schrumpften allein bis Mai die Exporte nach Russland um 19,5 Prozent. Und es geht weiter runter. Der Streit mit Russland hinterlasse nicht nur im bilateralen Handel Spuren, sagt Ralph Wiechers, Chefvolkswirt des Branchenverbandes VDMA: "Er behindert generell die Nachfrage in wichtigen Absatzmärkten und drückt auf die Stimmung." Düster schaut die Branche nach vorn und senkte die Wachstumsprognose für das laufende Jahr von drei auf ein Prozent.

Jobs sind gefährdet

Anderswo sieht es nicht besser aus. Der Lastwagenhersteller MAN meldete im zweiten Quartal aus Russland 20 bis 25 Prozent weniger Aufträge; die Lufthansa-Tochter Austrian Airlines klagt über weniger Premiumkunden; der Sportschuhproduzent Adidas, der mit seinen 1000 russischen Läden über eine Milliarde Euro pro Jahr umsetzt, senkte die Gewinnprognose fürs laufende Jahr drastisch. Neue Läden will er vorerst nicht eröffnen, dafür einige schließen.

Die politische Krise spiegelt sich in den Büchern der Firmen, in den ersten vier Monaten sanken die deutschen Exporte in Putins Reich um 14 Prozent. Glaubt man Leuten wie Holger Schmieding, Chef-Volkswirt der Privatbank Berenberg, könnten die Exporte sogar fürs gesamte Jahr um 25 Prozent schrumpfen. Das würden wir spüren. Die Wirtschaft, die in diesem Jahr zwischen 1,8 und 2 Prozent wachsen soll, würde um 0,25 Prozent weniger zulegen. Und Jobs wackeln auch. Der Chef des Ost-Ausschusses Eckhard Cordes spricht von 25.000 gefährdeten Arbeitsplätzen.

Energie wird teurer

Ob es noch schlimmer kommt? Das liegt an Putin und wie er auf die Sanktionen reagiert. Zunächst kündigten die Russen schon einmal an, die Energiepreise drastisch anzuheben. Das würde uns treffen. Deutschland bezieht etwa 29 Prozent seines importierten Gases von Russland, beim Öl sind es 27 Prozent. Preisanstiege von 30 Prozent beim Gas oder Öl könnten die monatliche Heizkostenrechnung um 24 oder 26 Euro teurer machen. Das ist nicht schön, aber verkraftbar. Schlimmer wäre es, wenn die Russen uns den Gas- und Ölhahn ganz zudrehen würden. Wir hätten dann ein knappes Drittel weniger Gas und Öl. Was das bedeutet, lässt sich leicht ausmalen: Es fehlte plötzlich viel Benzin, viel Heizkraft und viel Strom. Öl- und Energiepreise schössen nach oben, Heizöl verknappte, Kunststoffe, Medikamente und Kosmetika verteuerten sich. Die Wirtschaft würde wegen der fehlenden und nicht so schnell zu ersetzenden Energie ihre Produktion drosseln. Großbäckereien, Ziegeleien, Zementwerke, Gießereien und Metallhütten könnten ohne ausreichend Erdgas ihre Öfen nicht mehr befeuern. Arbeitsplätze wären en masse gefährdet, die Teuerungsrate würde steigen. Das Land rutschte in eine schwere Wirtschaftskrise.

Gas aus Norwegen

Das ist das schlimmste anzunehmende Szenario, sicher. Derzeit glaubt niemand in der Bundesregierung, dass es eintritt. Schließlich hat die Sowjetunion selbst auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges immer ihre Lieferverpflichtungen eingehalten, schon der Devisen wegen. Das geht Russland heute nicht anders. Viele Lieferverträge laufen auch langfristig, die lassen sich nicht einfach ändern. Mit solchen Fakten beruhigen sich alle.

Andererseits: Es hatte auch keiner geglaubt, dass Putin sich die Krim zurückholen würde. Die russischen Energielieferungen können andere Förderländer wie Norwegen, die USA oder Saudi-Arabien auch nicht ersetzen, schon gar nicht über Nacht. Die entsprechenden Anlagen fehlen ebenfalls. Damit wir Flüssiggas aus Norwegen oder Katar beziehen können, müssten erst einmal Verflüssigungsanlagen in den Lieferländern gebaut werden. Ebenso wie eine Hafenanlage zum Entladen in Deutschland. Das alles dauert: Jahre.

Sanktionen, eine Geschichte der Misserfolge

Natürlich könnten wir auch selber mehr Gas fördern, per Fracking. Das Verfahren ist aber hoch umstritten, schädigt die Umwelt, keiner weiß, wie stark die Folgen für das Grundwasser wären. Teuer ist es zudem. In den USA ziehen sich die Unternehmen aus dem Fracking zurück, weil es mehr Geld kostet, als es einbringt. In Deutschland steht die Technologie außerdem erst am Anfang. Bis wir genügend Gas fördern könnten vergingen Jahre. Hinzu kommt, ganz ohne Sanktionen, die Ukraine. 25 Milliarden Euro, so lautet das Horrorszenario, müssen in das Land gepumpt werden, damit es unabhängig von Russland überleben kann. Jedes Jahr. In bar, nicht als Bürgschaft wie Griechenland.

Fast nebensächlich erscheint dabei, dass die Geschichte der Wirtschaftssanktionen vor allem eines ist: eine Geschichte von Misserfolgen. Sanktionen seien "nur selten erfolgreich, wenn große Länder wie Russland betroffen waren", sagt US-Ökonom Gary Hufbauer, der 200 Maßnahmen aus den vergangenen 100 Jahren untersucht hat. In Nordkorea haben Sanktionen praktisch nichts bewirkt, das Regime hält an Unterdrückung und Atomtests fest. Auch im Irak nutzten sie herzlich wenig. Saddam Hussein ließ sich nicht beeindrucken, dafür stieg die Kindersterblichkeit laut Unicef zwischen 1990 und 2000 um 160 Prozent. Man kann die Folgen von Sanktionen nicht kalkulieren. Eines aber ist klar: Die Menschen leiden darunter am meisten. Immer.

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