Ex-Milliardärin zwischen Hartz IV und Villa mit Park

17. Dezember 2012, 19:44 Uhr

Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz hat die Masse ihres Vermögens verloren. Vor Gericht will sie sich 1,9 Milliarden Euro zurückholen: Höhepunkt eines einzigartigen Wirtschaftskrimis. Von Thomas Schmoll

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Madeleine Schickedanz, Arcandor, KarstadtQuelle,

Damals schwamm sie noch im Geld: Madeleine Schickedanz im Jahr 2007. Jetzt zieht die Quelle-Erbin gegen das Bankhaus Sal. Oppenheim vor Gericht.©

Matthias Graf von Krockow und Ilona Gräfin von Krockow, Georg Baron von Ullmann und Corinna Baronin von Ullmann, Christopher Freiherr von Oppenheim - die Namen lesen sich wie aus einem Roman über den deutschen Ur- und Geldadel des 19. Jahrhunderts. Tatsächlich stammen sie aus einem Wirtschaftskrimi aus dem 21. Jahrhundert, vielleicht dem spektakulärsten, den die Bundesrepublik bislang erlebt hat. Es geht um Milliarden, Macht, Gier, Risikolust, Filz, Größenwahn, Managementfehler, bizarre Kreditgeschäfte, die Pleite eines Handelskonzerns und das Ende einer altehrwürdigen Traditionsbank als Familienunternehmen. Zum Finale kommt es zu einer juristischen Schlacht, in der sich frühere Geschäftspartner mit Klagen und Widerklagen befeuern, in denen astronomische Summen aufgerufen werden. Im Mittelpunkt des Dramas oder - je nach Sichtweise - der Tragödie steht Madeleine Schickedanz, die Quelle-Erbin, die einmal zwischen drei und vier Milliarden Euro besaß, mutmaßlich zu den Top 20 der reichsten Deutschen zählte und nach dem Untergang ihres Firmenimperiums zur Millionärin schrumpfte.

2009 waren sie auf einen Schlag zu Ende, die goldenen Zeiten der Unternehmertochter. Vorbei die unbeschwerten Tage, in denen sie im Mega-Luxus schwelgen und allein für den Gärtner 200.000 Euro pro anno ausgeben konnte. Es war das Jahr, in dem KarstadtQuelle (inzwischen Arcandor) bankrott ging. Im Juli 2009 - einen Monat nach dem Kollaps des Konzerns - ließ die Quelle-Erbin die Nation via "Bild am Sonntag" wissen, wie es ihr und ihrem Mann gerade erging: "Ich spare, wo ich kann. Wir reduzieren unsere persönlichen Ausgaben - von den Lebensmitteln bis zu Kosmetik und Kleidung." Und: "Wir leben von 500 bis 600 Euro im Monat. Wir kaufen auch beim Discounter. Gemüse, Obst und Kräuter haben wir im Garten." Schon damals gab es Zweifel daran, ob die Aussage zu 100 Prozent wahr ist. Wie auch immer, fest steht: Die Tochter des legendären Versandhausgründers Gustav Schickedanz hat einen horrenden Teil ihres Vermögens verloren - sowie Würde und Ansehen.

Als Hartz-IV-Empfängerin unter den Superreichen verspottet

Mehr als drei Jahre sind seither vergangen. Mehr als drei Jahre lang musste Madeleine Schickedanz mit der Demütigung leben, im Volk als Hartz-IV-Empfängerin unter den Superreichen verspottet zu werden. Mehr als drei Jahre mied sie die Öffentlichkeit und verzichtete auf Kommentare zum Gemüseanbau im Garten einer ihrer Villen oder Aussagen wie diese: "Mein Mann sammelt seine Kunst, die Bilder gehören ihm. Im Übrigen haben wir Gütertrennung, weil er bei der Heirat nichts von meinem Vermögen haben wollte." Madeleine Schickedanz schwieg stattdessen in der Öffentlichkeit und entwickelte gemeinsam mit ihren Anwälten einen Plan, nicht nur Ehre und Reputation zurückzugewinnen, sondern auch einen erheblichen Teil ihres Vermögens. Mit einer Schadenersatzklage geht die 69-Jährige gegen die Bank Sal. Oppenheim und ein Dutzend Personen vor. Streitwert: 1,9 Milliarden Euro. Ein Kompromiss hinter den Kulissen scheiterte. Nun kommt es zum Showdown vor dem Landgericht Köln, wo am Dienstag der Schadenersatzprozess in Abwesenheit der Klägerin beginnt.

Die Richter werden sich eine Schneise durch einen verworrenen Dschungel aus Seilschaften und rechtlich fragwürdigen Kreditgeschäften schlagen müssen, um den Filz zu durchblicken, in dem Madeleine Schickedanz agierte und an dessen Entstehen sie durchaus mitwirkte. Danach müssen sie entscheiden, ob sich die Quelle-Erbin verzockt hat oder ob sie abgezockt wurde. Fest steht, dass sie zur Absicherung der ersten zwei Kredite von Sal. Oppenheim Arcandor-Aktien hinterlegte. Doch weil der Konzern nicht die Wende schaffte, sank der Wert der Papiere so schnell, dass die Unternehmerin erste Spitzenimmobilien verpfänden musste, um die Darlehen zu decken. Ob dabei Druck ausgeübt wurde, wie sie es behauptet, muss Schickedanz beweisen.

Der Vorwurf richtet sich gegen Sal. Oppenheim

Glaubt das Gericht der Ex-Milliardärin, hätte es so etwas wie eine Verschwörung mit dem Ziel gegeben, sie um ihr Geld zu bringen. Der Vorwurf richtet sich insbesondere gegen Sal. Oppenheim und den Vermögensverwalter Josef Esch, einer der schillerndsten Finanzjoungleure, den das Land kennt. Seine Kunden waren die Superreichen der Republik, also eher Milliardäre als X-fach-Millionäre. Zu ihnen gehörten neben Madeleine Schickedanz unter anderen die Backpulverhersteller Oetker, die Schuhhändler Deichmann, der milliardenschwere Bankerbe Wilhelm von Finck und - man ahnt es schon - der ehemalige Arcandor-Chef Thomas Middelhoff, der - hoch umstritten - persönlich an Oppenheim-Esch-Fonds beteiligt war. Schickedanz legt Esch zur Last, sie dazu gedrängt zu haben, ihre Anteile an KarstadtQuelle und später Arcandor permanent aufzustocken. Das tat sie tatsächlich - und zwar mit dreistelligen Millionenkrediten aus dem Hause Sal. Oppenheim. Erklärtes Ziel soll es laut der Klageschrift, die von den Topanwälten Andreas Ringstmeier (Köln) und Peter Rath (Nürnberg) verfasst wurde, an wertvolle Immobilien des Handelskonzerns heranzukommen, um neue Oppenheim-Esch-Fonds basteln und Milliardengewinne einfahren zu können. Weil Sal. Oppenheim aus aufsichtsrechtlichen Gründen an Schickedanz keinen weiteren Kredit vergeben konnte, wurde ein Darlehen verdeckt über das Unternehmen ADG ausgereicht. Da die ADG, die Wirtschaftsprüfer und Juristen als Briefkastenfirma betrachten, selbst nicht ausreichend kreditwürdig war, bürgten wiederum zwei Esch-Gesellschaften, die adeligen Ehepaare von Krockow und von Ullmann sowie Christopher Freiherr von Oppenheim, der wie Matthias Graf von Krockow einer der ehemaligen persönlich haftenden Gesellschafter der Bank ist.

Die meisten Beschuldigten schweigen, die sich äußern, weisen die Vorwürfe als "absurd" zurück. Esch sagte vor mehr als einem Jahr dem "Spiegel": "Ich habe Frau Schickedanz zwar in Vermögensfragen beraten, aber ich habe nicht ihr Vermögen verwaltet. Zumindest nicht in dem Sinne, dass ich darüber entschieden hätte. Frau Schickedanz hat ihre Entscheidungen selbst getroffen und ließ sich dabei auch von anderen beraten." Das dürfte auch seine Verteidigungsstrategie vor Gericht werden. Denn es ist die Quelle-Erbin, die die Kölner Richter überzeugen muss, dass sie genötigt worden sei, Arcandor-Aktien zu kaufen. Als die Staatsanwaltschaft Köln nach einer Generalvollmacht für Esch fragte, soll Schickedanz laut "Spiegel" geantwortet haben: "Ich habe ihm keine gegeben." Außerdem unterstützte Sal. Oppenheim Madeleine Schickedanz, kaufte selbst Arcandor-Anteile und wurde dadurch Großaktionär bei einem Konzern in größter Not. Beistand vor der Abzocke? Warum verfährt eine Bank so, wenn sie nur an die Immobilien ihrer Kundin will? Sicher ist, dass dieses Investment Sal. Oppenheim damals in Schieflage brachte.

Zwei Anklagen liegen schon vor

Die ehemals letzte große familiengeführte Privatbank Deutschlands geriet im Zuge der Arcandor-Pleite selbst in Not und flüchtete unter das Dach der Deutschen Bank, die das Traditionsunternehmen ein Vierteljahr nach dem KarstadtQuelle-Fiasko kaufte und zur 100-prozentigen Tochter machte. Der Imageschaden für das Geldhaus war gewaltig. Inzwischen hat Sal. Oppenheim eigene schwere Geschütze in Stellung gebracht. Schickedanz fordert 1,2 Milliarden Euro Schadenersatz und den Verzicht auf einige hundert Millionen Euro, die sie dem Institut schuldet. Die Bank wiederum präsentierte gemeinsam mit den Bürgen des ADG-Kredits vor wenigen Wochen eine Widerklage mit der Begründung, dass Schickedanz rechtswidrig die Tilgung der Kredite gestoppt habe.

Schickedanz hin, Schickedanz her - Esch und die als Folge der Schieflage der Bank abgetretene Führung von Sal. Oppenheim muss sich kommendes Jahr vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft glaubt, die Herren von Oppenheim und von Krockow sowie zwei weiteren ehemals persönlich haftende Gesellschafter von Sal. Oppenheim Untreue in besonders schwerem Fall nachweisen zu können. Zwei Anklagen liegen schon vor, weitere könnten folgen. Laut Staatsanwaltschaft sollen die Beschuldigten in einem Fall mit einem überbewerteten Bürohaus in Frankfurt/Main ihr eigenes Geldinstitut um rund 70 Millionen Euro geschädigt haben. Die Deutsche Bank war es selbst, die die Bilanz ihrer neuen Tochter durchleuchtete und das Objekt deutlich abwertete. Doch so einfach haben es die Ankläger nicht immer. Dazu ist der Komplex zu verworren und zu verästelt. Das ist der Grund, warum die Staatsanwaltschaft erst einmal die eher einfachen Bauteile dieses riesigen Geflechts beackert. Die Sonderkommission, die den Pflug führt, nennt sich "Byzanz", was auf eine Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle zurückgeht, die den Titel trug: "Byzanz: Pracht und Alltag".

Etwas von der Pracht aus der Zeit vor ihrem Schicksalsjahr 2009 will Madeleine Schickedanz ins Heute retten. Ein Vergleich wäre im Sommer fast zustande gekommen, scheiterte aber Presseberichten zufolge am Streit über das Vermögen, das bei der Schuldentilgung nicht angetastet werden darf. Dabei ging es um die Frage, was "standesgemäß" für die Ex-Milliardärin sei. Die traditionsreiche Villa ihrer Eltern in Hersbruck möchte sie nicht hergeben. Das schlossartige Gebäude mit Park und Pool gehört mit zum Pfand zur Absicherung der Millionenkredite zum Kauf zahlloser Arcandor-Aktien. Ist die Villa standesgemäß? Ein einziges Interview gab Madeleine Schickedanz nach ihrem merkwürdigen Gespräch mit der "Bild am Sonntag". Dem WDR sagte sie 2011, sie mache sich bittere Vorwürfe, "den falschen Leuten" vertraut zu haben "und dass das Lebenswerk meiner Eltern dadurch zu Bruch gegangen ist". Die Arcandor-Aktie ist heute nicht mal mehr einen Cent wert, sondern ganze 0,03 Cent.

 
 
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Der Schicksalsflug