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Größer, billiger, Schnitzel

Ein paar tausend Schweine rentieren sich nicht - weltweit geht der Trend zur Megamast. Auch in Deutschland gibt es bereits Mastbetriebe von bis zu 65.000 Tieren. Doch im Weltmaßstab sind das nur Peanuts.

Von Georg Wedemeyer

Von außen sieht das Ganze harmlos aus. Sechs Baracken liegen da still und einsam zwischen Kiefernwäldern auf sandigem Heideboden. Wir stehen vor Deutschlands größter Schweinemastanlage in Sandbeiendorf bei Magdeburg. 65.000 Schweine werden hier gehalten, ein paar Eber, tausende von Sauen und zigtausende von Ferkeln und Mastschweinen. Wöchentlicher Produktionsausstoß: 1.600 Schweine gleich 150 Tonnen Schweinefleisch.

Drinnen geht es nicht viel anders zu, als bei kleineren Schweinehaltern wie Bauer Dieter Pulvermann. Nur ist alles ein paar Nummern größer. Dutzende Computer steuern die Fütterung, 35 Angestellte waten in Gummistiefeln bei Kunstlicht und Ammoniakgestank durch enge Ställe und Desinfektionswannen, dazu kommen noch Fachkräfte fürs Büro und die Biogasanlage. Aus den jährlich anfallenden 60.000 Kubikmetern Gülle produziert die Biogasanlage Strom für rund eine Million Euro im Jahr. Auch die effiziente Umwandlung der Gülle in Strom ist ein Argument dafür, die Schweinemast immer mehr zu konzentrieren.

Der Trend geht zur Megamast

Weil Schnitzel immer billiger werden sollen, geht der Trend weltweit zur Megamast. Allein in den neuen Bundesländern sind fünf neue Anlagen mit je 75.000 bis 95.000 Mastplätzen geplant. Investoren sind meist Dänen und Holländer, die in ihren eigenen Ländern keinen Platz mehr finden. Sandbeiendorf, das aus einer alten DDR-Anlage entstand, gehört dem Holländer Harry van Gennip. Der 50-Jährige plant nur vier Kilometer entfernt auf einem aufgelassenen Militärflugplatz eine zweite Anlage mit 80.000 Plätzen. Unterstützt wird er von Helmut Rehhahn, Ex-Landwirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt. Alles nette Menschen, die nicht anderes tun, als den Marktgesetzen zu folgen.

Und die sind so einfach wie gnadenlos: Je größer die Einheit, desto geringer die Kosten. In Deutschland hat in den letzten zehn Jahren jeder zweite Schweinehalter aufgegeben. Parallel hat sich die Zahl der Schweine je Halter verdreifacht. Von den heute noch 21000 Haltern im vergleichsweise kleinbäuerlichen Bayern werden im Jahr 2020 nur noch 1300 übrig sein. Statt heute im Schnitt 225 werden sich dann dort 1500 Schweine in deren Ställen drängeln.

Mastanlagen bis zu 250.000 Tieren in den USA

Doch im Weltmaßstab sind das nur Peanuts. Hans-Wilhelm Windhorst, Deutschlands oberster Industrieschwein-Experte, hat "in den USA schon Mastanlagen mit 240.000 Schweinen besichtigt." Der Besitzer, die US-Firma Smithfield, ist mit jährlich 16 Millionen Masttieren der weltgrößte Schweineproduzent und investiert derzeit in riesige Anlagen in Rumänien und Polen. Smithfield steht für modernes Marketing. Während hierzulande die Hersteller noch mit rosa Schweinchen werben, ist bei Smithfield nirgendwo, weder im Internet noch in Prospekten, zu erkennen, dass hinter ihren Produkten lebende Tiere stehen.

In Deutschland werden die Ferkel nach 21 Tagen von der Mutter getrennt, in den USA die Ferkel schon nach 17 Tagen. So lässt sich das Kilo Schweinefleisch in den USA dank Rationalisierung für 1,12 Euro erzeugen. In Brasilien, wo der Umweltschutz kleingeschrieben wird und Arbeitskräfte und Sojafutter billig sind, sogar für nur 76 Cent.

Qualität statt Quantität

Doch die Horrorzahlen könnten für die Schweine auch Gutes bedeuten. Mittlerweile dämmert den europäischen Produzenten nämlich, dass sie den mörderischen Wettlauf um das billigste Schnitzel auf Dauer nicht gewinnen können. In Zukunft sollen eher Qualität und die Einhaltung von besseren Tierschutzstandards für den Wettbewerbsvorteil sorgen. Die EU hat dazu 2006 einen "Aktionsplan für den Schutz und das Wohlbefinden von Tieren" ins Leben gerufen welfarequality.net. Ziel ist, wie bei Bio über entsprechende Standards und Label auf dem Schnitzel die Verbraucher über die artgerechtere Tierhaltung informieren.

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